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Barsinghausen „ÜberMorgen“: Scheitern Kinder am System?
Umland Barsinghausen „ÜberMorgen“: Scheitern Kinder am System?
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13:13 19.09.2018
Moderator Jan Sedelies (Mitte) im Gespräch mit Monika Hartmann-Bischoff (von links), Carl-Michael Vogt, Jan Künzel und Dani Marchthaler. Quelle: Katrin Kutter
Wennigsen

Einer der prominentesten Gäste kam fast ein wenig still und heimlich. Eigentlich hatte Wennigsens Bürgermeister Christoph Meineke wegen einer Sitzung des Verwaltungsausschusses seiner Gemeinde für die von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung und der Sparkasse Hannover organisierten Veranstaltung „ÜberMorgen“ passen müssen, doch er wollte sich die Diskussion um die Zukunft der Bildung auf keinen Fall entgehen lassen. Und so kam er nach Beendigung der Sitzung im nur wenige Steinwürfe entfernten Rathaus mit etwas Verspätung doch noch als Zuhörer in die KGS Wennigsen – und war im Anschluss an die eineinhalbstündige Veranstaltung sehr zufrieden mit seiner spontanen Entscheidung.

„Ich fand es wirklich beeindruckend, wie gut die Experten auf dem Podium die ganze Bandbreite der Aufgabe gezeigt haben, vor der wir stehen“, sagte Meineke. Das begann schon mit den Ausführungen von Dani Marchthaler, die als Teamleiterin des Kinder- und Jugendzentrums „Der Bau-Hof“ in Wunstorf oft die Folgen des Schulalltags erlebt. „Viele Kinder scheitern schon im Grundschulalter am gut gemeinten System Schule“, sagte sie. Durch den Versuch, die Kinder im Zuge der Digitalisierung immer weiter zu optimieren, fühlten die sich schon früh „als Versager“ – und das sei dann ein Problem für das ganze weitere Leben.

Viele Gäste haben sich am Dienstagabend in der KGS Wennigsen einen Einblick verschafft, wie das Lernen in Zukunft aussehen könnte. Hier sind die Bilder eines unterhaltsamen und informativen Abends.

In der Einrichtung in Wunstorf hätten die Kinder die Möglichkeit, Dinge selbstbestimmt ohne starre Strukturen zu gestalten und zu erleben. „Da gibt es dann Kinder, die gar nicht mehr wissen, was sie tun sollen“, meinte sie – und zitiert dann aus einem Brief, den sie zum Abschied von einem Jugendlichen bekommen hat: „Er hat geschrieben, dass ihm am besten gefallen hat, dass die Kinder bei uns frei herumlaufen dürften – das gibt mir schon zu Denken.“ Aus ihrer Sicht hätte jedes Kind seine Stärken und wolle auch lernen, daher sei manchmal weniger vielleicht mehr.

Das sieht auch Hartmut Berg so, der als Koordinator bei der Jugendberufsagentur in Garbsen oft auf sehr orientierungslose Jugendliche trifft. „Unsere Kinder lernen vom ersten Tag an, das beginnt schon beim Laufen und Sprechen“, sagte er. „Die Frage ist eher: Wann treiben wir ihnen das aus?“ Aus seiner Sicht sei es in einer „sehr viel komplexeren Welt als früher“, in der es alleine 2500 Studiengänge zur Auswahl gäbe, für die „nach Anerkennung lechzenden Jugendlichen“ unglaublich schwer, ihren eigenen Weg zu finden und die eigenen Lernprozesse zu gestalten.

Das ist das Projekt „ÜberMorgen“

Das Projekt „ÜberMorgen“ ist eine Ideen- und Diskussionsplattform von HAZ und Sparkasse Hannover. In der gedruckten HAZ, auf einer Multimedia-Internetseite unter uebermorgen.haz.de und bei Veranstaltungen von Burgdorf bis Wennigsen werden Informationen zu den wichtigsten Zukunftsfragen gesammelt. In diesem Jahr steht das Thema Bildung im Fokus. Themenpartner ist erneut Hannoverimpuls.

„Als Sparkasse sind wir seit fast 200 Jahren in der Region Hannover aktiv. Und genauso lange bewegen uns die Zukunftsfragen für das Umfeld, in dem wir arbeiten“, sagt Heinrich Jagau, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Hannover. „Was kommt auf die Menschen, die Unternehmen und die Kommunen zu? Auf was müssen wir uns heute einstellen, damit wir hier auch übermorgen gut leben? Mit der Initiative „ÜberMorgen“ wollen wir helfen, gute Antworten in einer sehr komplex gewordenen Welt zu finden. Nicht irgendwo im Silicon Valley, sondern in unserer Region“, sagt Jagau.

Dabei provozierte der Teamleiter des Jobcenters in Garbsen mit einer Anekdote aus seiner eigenen Jugend, die Beleg dafür sei, dass es nicht sinnvoll sei, den Kindern möglichst viel in den Kopf zu stopfen. „Ich habe als Kind gelernt, wie lang der Amazonas ist. Aber das habe ich mein Leben lang nicht mehr gebraucht“, erklärte er – und stieß damit nicht bei allen unter den knapp 100 Zuhörern aus dem gesamten Calenberger Land auf Zustimmung. Tatjana Seidensticker etwa, die Leiterin der Grundschule Bredenbeck, hält derartiges Basiswissen durchaus für wichtig und notwendig. „Die Schule muss ein breites Fundament schaffen“, erwiderte sie bei der von HAZ-Redakteur Jan Sedelies zum Abschluss anmoderierten Fragerunde.

Zuvor hatte bereits Carl-Michael Vogt, der stellvertretende Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Hannover, sich für bessere Grundlagen stark gemacht. „Junge Menschen brauchen ein Umfeld, das sie stützt, da spielt die Schule eine zentrale Rolle“, sagte er und schickte unter dem Applaus vieler Zuhörer eine Bitte aus den ausbildenden Handwerksbetrieben hinterher: „Es wäre auch schön, wenn die Kinder nach der 10. Klasse einmal wieder Rechnen, Schreiben und Lesen könnten.“

Aus seiner Sicht sei es unstrittig, dass die Kinder diese Grundlagen lernen wollten. „Aber wir schaffen es irgendwie immer wieder, sauber daran vorbei zu schippern“, erklärte Vogt. Er würde sich zudem wünschen, dass durch mehr Kommunikation die Teamfähigkeit der Jugendlichen gestärkt würde. „Viele Firmen haben weniger als zehn Mitarbeiter, da muss man sich aufeinander verlassen können.“ Soziale Kompetenz und Teamfähigkeit seien seiner Meinung nach viel wichtiger, als die derzeit sehr ausgeprägte Tendenz zum möglichst hohen Schulabschluss. „In Deutschland heißt Chancengleichheit oft, dass jeder das Abitur bekommt“, meinte Vogt. „Das ist Irrsinn.“ Jeder solle aus seinen Möglichkeiten das Beste herausholen – es komme nicht auf den Schulabschluss an, sondern auf das, was danach kommt.

Wie stellen Sie sich das Lernen im ÜberMorgen vor? Wir haben einige Besucher nach ihren Visionen für die Zukunft gefragt.

Diese Einschätzung teilt auch Monika Hartmann-Bischoff. Die Geschäftsführerin der Servicestelle Offene Hochschule Niedersachsen erlebt in ihrem beruflichen Alltag immer wieder Menschen, die erst lange nach der Schulzeit den Drang entwickeln, sich noch einmal weiterzubilden. „Die Erfahrungen aus Schule, Ausbildung und Beruf geben einen ganz anderen Blick auf mögliche Perspektiven“, sagte sie. „Es gibt Entwicklungen im Leben, die man nicht voraussehen kann. Daher muss man auch lernen, mit Veränderungen umzugehen.“

Manchmal mache erst der tägliche Berufsalltag bei jungen Menschen Lust darauf, noch einmal etwas anderes zu machen, bestätigte Jan Künzel. „Man muss den Mut haben, sich dann auch noch einmal beruflich weiterzuentwickeln“, sagte der Abteilungsleiter an der Berufsbildenden Schule Neustadt, an der mit dem Projekt „Industrie 4.0“ ein Leuchtturmprojekt der Landesregierung angeboten wird. Denn nicht zuletzt veränderten sich auch die Rahmenbedingungen und Inhalte in Schule, Ausbildung und Beruf rasant. „Die Halbwertzeit von Wissen ändert sich“, erklärte er. „Die Software von heute ist doch in zwei oder drei Jahren schon wieder überholt.“

Von Björn Franz

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