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Burgdorf Der Herr über Milliarden von Mitarbeitern
Umland Burgdorf Der Herr über Milliarden von Mitarbeitern
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00:16 06.10.2018
Betriebsleiter Olaf Klippstein lobt sein Team auf der Anlage - und das Klärwerk selbst. Quelle: Antje Bismark
Burgdorf

Klärschlamm – dieses Wort sorgt derzeit in Kommunen wie Hannover und Langenhagen für Stirnrunzeln bei Verwaltung und Kommunalpolitikern, denn die Städte benötigen für dessen Entsorgung zum Teil neue Konzepte. „Bei uns stellt sich dieses Problem nicht, noch nicht“, sagt Olaf Klippstein, Betriebsleiter der Burgdorfer Kläranlage. Denn vor zwei Jahren hat die Stadt den Faulturm in Betrieb genommen und damit die anfallende Menge an Klärschlamm um etwa die Hälfte auf 2500 Tonnen pro Jahr reduziert. Den Schlamm holt derzeit noch ein Entsorger als Dünger ab: „In den nächsten Jahren steht die Verhandlung über die Zukunft an, doch schon jetzt zeichnet sich ab, dass wir mehr für die Entsorgung des Schlamms werden zahlen müssen“, sagt Klippstein.

Kapazität reicht für die gesamte Stadt

Die Investition in den Faulturm gehört laut Klippstein zu den größten Posten des Jahrzehnts auf der Kläranlage, auch wenn das siebenköpfige Team immer wieder Sanierungen plant. So muss in den folgenden Monaten jener Bereich erneuert werden, in dem das Abwasser aus den Mischwasserkanälen des gesamten Stadtgebietes ankommt. An trockenen Tagen seien es etwa 3800 Kubikmeter, bei starken Regenfällen könne sich das Volumen verdreifachen, sagt der Betriebsleiter und fügt hinzu, die Anlage sei auf 35.000 Einwohner ausgelegt. „Damit haben wir durchaus noch Kapazität.“

Vom Auffangbecken durchläuft das Wasser mehrere Stationen, ehe es schließlich in die Aue sprudelt. Im ersten Schritt sorgen Siebe mit acht Millimeter großen Löchern dafür, dass feste Stoffe aussortiert werden. Von dort fließt das Wasser in ein Becken, in dem sich der Sand absetzt – das ist der zweite Teil der mechanischen Reinigung, an die sich die biologisch-chemische Reinigung anschließt. Sie umfasst unter anderem die beiden Belebungsbecken, in denen Sauerstoff oder auch Eisen-III-Chlorid zugesetzt wird, und drei Nachklärbecken, von denen der Schlamm mit Mikroorganismen wieder in die Belebungsbecken zurücktransportiert wird. „Der Leiter einer Kläranlage ist in der Verwaltung der Mensch mit den meisten Mitarbeitern“, sagt Klippstein schmunzelnd mit Blick auf die Milliarden Bakterien in den Becken und im Faulturm, dessen Gas wiederum für die Stromgewinnung des hauseigenen BHKW genutzt wird.

Mitarbeiter analysieren täglich das Wasser

Täglich ziehen Mitarbeiter wie Tobias Gröning Wasserproben und analysieren sie. Zudem kontrolliert die Region Hannover regelmäßig. „Deren Mitarbeiter haben einen Schlüssel, sodass sie jederzeit auf die Anlage kommen können“, sagt der Betriebsleiter und registriert zufrieden, dass die Stickstoffbelastung an diesem Dienstag bei 1,7 Milligramm pro Liter liegt. Erlaubt wäre die zehnfache Belastung. Sonn- und Feiertage gibt es für die Analyse nicht: 365 Tage im Jahr prüfen die Mitarbeiter das Wasser, wie sie auch automatisch über eine Rufbereitschaft alarmiert werden, wenn es Probleme auf der Anlage oder an einer Pumpstation in Burgdorf oder in den Ortsteilen gibt.

Sieben Mitarbeiter und unzählige Mikroorganismen sorgen dafür, dass geklärtes Wasser aus den Burgdorfer Badezimmern nach einem mehrstufigen Prozess wieder in die Aue fließen kann – und zwar sauber.

Längst nutzt das Team die Arbeitswelt 4.0, wie Carsten Wolbring sagt. Er baut für jedes Pumpwerk eine besondere Schaltung, die Ausfälle via Handy meldet. „Ein Sensor sorgt bei Hochwasser dafür, dass die Pumpe anspringt. Versagt diese, weil beispielsweise der Strom ausgefallen ist, dann erhält der Diensthabende eine Nachricht aufs Handy – inklusive der genauen Fehlerbeschreibung“, sagt Wolbring, der nicht nur den Schrank samt Technik baut, sondern auch die Programmierung übernimmt. „In unserem Team haben viele zwei Berufe und besondere Qualifikationen“, lobt Klippstein seine Kollegen. So schweiße Christian Meier unter anderem Leitungen, Treppen, Gerüste nach den Vorgaben der Mitarbeiter: „Wenn wir etwas bei einem externen Anbieter bestellen, dann können wir unsere Erfahrungen nicht so stark einbringen wie im Team selbst“, sagt der Betriebsleiter. Von der guten Arbeit profitierten die Burgdorfer direkt: So sinken jetzt die Abwassergebühren.

Die hohe Wasserqualität nutzt zudem der Umwelt: „Vor mehr als 30 Jahren gab es in der Aue keine Fische mehr“, weiß Klippstein aus Erfahrung. Inzwischen habe ein Angelverein einen Teil der Aue gepachtet und hole dort unter anderem Forellen aus dem Wasser. Zu den regelmäßigen tierischen Besuchern gehörten außerdem Störche und Fischreiher, die sich an den Uferzonen ansiedelten.

Bei der Suche nach dem Gebiss können Mitarbeiter nicht helfen

Burgdorfer suchen eher selten den Kontakt zu den Männern, die das Abwasser reinigen – und wenn, dann fahnden sie nach Gegenständen, die ihnen in die Toilette gefallen sind. „Wir erhalten mindestens einmal im Jahr einen Anruf, dass jemand ein Gebiss verloren hat“, sagt Betriebsleiter Olaf Klippstein. Die Chance, jenes zu finden, gleiche einem Sechser im Lotto. Das gelte im Übrigen auch für Eheringe, Handys oder andere Wertgegenstände.

Denn diese kämen mit dem Schmutz- und dem Regenwasser zum Zulaufpumpwerk und von dort zu den Rechen: „Nur wenn genau in dem Moment ein Mitarbeiter zufällig an dem Platz steht, könnte er das Vermisste sehen“, sagt Klippstein. Andernfalls rutsche es mit Feuchttüchern für die Hygiene oder Essensresten in einen Container, dessen Inhalt anschließend entsorgt werde. Beides gehöre ebenso wenig in die Toilette wie Plastikmüll, Medikamente, Slipeinlagen oder Damenbinden, sagt der Betriebsleiter und fügt hinzu, dass sich die meisten Burgdorfer an diese Vorgaben hielten.

Zu den Gegenständen, die der Rechen aussortiert, zählen auch Blätter und kleine Zweige – denn unter der Kernstadt liegen Mischwasserkanäle mit einem Durchmesser von bis zu zwei Metern. Gerade bei Starkregen könne dies zu Problemen führen, sagt Klippstein. Doch jedes System habe Vor- und Nachteile: So lägen in den Neubaugebieten getrennte Kanäle für Regen- und für Schmutzwasser. Wenn dann die Toilettenbenutzer nur die Spartaste drückten, reiche das Wasser mitunter für den Transport im Kanal nicht mehr aus, berichtet er.

Von Antje Bismark

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