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Nachrichten „Wir sollten wieder anfangen zu denken“
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00:44 10.06.2018
Der Politikwissenschaftler und Autor des Buchs "Analog ist das neue Bio" wirbt im Paulus-Kirchenzentrum für eine menschliche digitale Welt. Quelle: Dege
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Burgdorf

Der in Berlin lebende Politikwissenschaftler und Buchautor André Wilkens hat sich in seinem viel beachteten Buch „Analog ist das neue Bio“ mit dem digitalen Alltag der Menschen auseinandergesetzt. Sein Buch ist gleichzeitig Gebrauchsanweisung wie Beipackzettel für die Droge Internet. Seinen Lesern empfiehlt er die bewusste Wiederentdeckung des Analogen und das kritische Hinterfragen der Digitalisierung. Im Paulus-Kirchenzentrum sprach der frühere Mitarbeiter der Vereinten Nationen und Europa-Koordinator des Open Society Institute der Soros Stiftung am Mittwochabend über die Herausforderungen der Digitalisierung und die Folgen für das Gemeinwesen.

Herr Wilkens, Sie haben vor rund 80 eher älteren Menschen im Paulus-Kirchenzentrum über die Herausforderungen der Digitalisierung gesprochen und mit den Leuten diskutiert. Wie digital sind die Burgdorfer?

Ich fand sie sehr interessiert und gut informiert. Die steckten im Thema. Einige hatten Ängste. Sie sprechen offenbar mit Freunden, Kindern und Verwandten darüber und haben sicher durch ihre Arbeit in Schulen und Gemeinden viel damit zu tun. – Also: ein spannendes Publikum.

Jeder besitzt mittlerweile ein Handy, ein Tablet und/oder einen PC, verschenkt nach Herzenslust seine Daten und entblößt seine Privatsphäre, als gäb’s kein Morgen. Sind die Leute noch ganz bei Trost?

Nein! Ich glaube, die Leute sind von Sinnen. Und zwar im doppelten Sinn. Weil wir alles mitmachen und nicht nachdenken, was mit uns passiert. Obwohl wir wissen, dass ein verrückter Präsident in den USA Chef der NSA ist, die die ganze Welt abhört. Obwohl wir wissen, dass Facebook unsere Daten abzockt und sie dann entweder weiterverkauft an die Werbung oder einfach weitergibt an Organisationen wie Cambridge Analytica, die daraus Wahlkampf-Waffen machen. Wir wissen das, lesen es in der Zeitung und laden uns dann die nächste App runter. Wir wissen auch, dass Jobs abgeschafft werden: Nicht nur das Müllruntertragen, sondern auch Rechtsanwälte und Lehrer, die wie in Südkorea, durch Roboter ersetzt werden sollen. Dabei haben wir fünf Sinne, die uns ausmachen als Menschen. Ich plädiere dafür, unsere Sinne wieder zu entdecken und daraus mit Spaß etwas machen. Wir sollten wieder anfangen zu denken, statt nur zu googeln, zum Beispiel wieder Briefe schreiben, weil Briefeschreiben Menschen glücklich macht. Statt auf Facebook Posts abzusenden, von denen viele zu Hass-Kommentaren werden. Das Leben geht auch anders.

Sie warnen vor Auswüchsen der Digitalisierung und einem ungezügelten Datenverkauf. Sind Sie also ein Technik-Feind, womöglich ein Analog-Extremist?

Ich rufe dazu auf, sich mehr mit der Digitalisierung zu beschäftigen und zu hinterfragen, ob wir tatsächlich Digital First machen sollen. Oder ob wir nicht besser damit dran sind, zuerst zu denken und das zu tun, was Menschen glücklich machen kann. Wenn man damit schon zum Extremisten wird ...

Sie sehen in der Bio-Bewegung ein Vorbild für die Digitalisierung. Erklären Sie uns doch mal, was die ungespritze Biotomate mit einem hippen Smartphone am Hut hat.

Erinnern wir uns an die Entwicklung Bio-Bewegung. Früher war alles Bio. Dann kam die industrielle Landwirtschaft, die schneller und effizienter produzierte, und mit der man den Hunger abschaffen konnte. Dünger und Maschinen wirkten wie Doping für die Landwirtschaft. Das war eine tolle Sache und hat viel bewirkt. Gleichzeitig schmeckte aber die Tomate nicht mehr wie früher, weil sie hochgezüchtet wurde und in Gewächshäusern ohne echte Sonne wuchs. Da hat sich mit Bio eine Gegenbewegung etabliert. Mit jeder neuen Krise der industriellen Landwirtschaft wurde die Bio-Landwirtschaft stärker. Ihre Standards haben schließlich ihren Weg gefunden in Gesetze, die heute die gesamte Landwirtschaft betreffen. Da sehe ich den Zusammenhang zu analog. Wir müssen nicht alles digitalisieren. Wir brauchen nicht für alles einen digitalen Zwilling. Es geht auch anders. Analoge Lebensweisen und Produkte wieder zu entdecken, kann auch Spaß machen.

Biobauern galten freilich lange als Spinner.

Genau. Am Anfang war das so. Aber irgendwann war dann Renate Künast aus der Bio-Bewegung Landwirtschaftsministerin. Aus Spinnern können also Minister werden. Wir wollen in der selben Weise, wie es Bio gelungen ist, aufzeigen, dass Analog Lebensqualität schafft. Vielleicht kommt dann der nächste Digitalminister aus der analogen Bewegung.

Wir sind allerdings an einem Punkt, wo sogenannte Bots, also Roboter, die in den sozialen Netzwerken millionenfach Kommentare zu Themen wie dem Brexit abgeben und Meinungen massenhaft beeinflussen. Was bedeutet das für die Demokratie und das Gemeinwesen?

Ich finde das sehr gefährlich. Warum muss es Bots geben, die vorspiegeln, Menschen zu sein. Das müsste verboten werden. Entweder ist man Mensch oder Roboter. Wenn wir es zulassen, dass sich Bots in Diskussionen über unser Gemeinwesen und politische Entscheidungen einschalten, als wären sie Menschen, dann wäre es eigentlich nur folgerichtig, Bots auch das Wahlrecht zu geben. Wenn künstliche Intelligenz durch Roboter massenhaft Kaufentscheidungen beeinflussen, weil so getan wird, als ob ganz viele ein Produkt toll finden, ist das nicht mehr vertretbar. Ich bin für ein Verbot von Bots.

Sie propagieren Mensch first! Was empfehlen Sie, damit die Menschlichkeit in der digitalen Welt nicht unter die Räder kommt?

Ich empfehle, dass wir alle uns mehr bemühen zu verstehen, was Digitalisierung bedeutet. Man kann sich fragen, wie viel Zeit verbringe ich mit Maschinen und viel viel mit Menschen. Und wie fühle ich mich dabei? Oder: Finde ich es in Ordnung, dass immer mehr Entscheidungen von Algorithmen und künstlicher Intelligenz getroffen werden? Ist das dann noch eine menschliche Gesellschaft? Aus meiner Sicht spricht vieles dafür, die oft komplizierte und imperfekte menschliche Gesellschaft weiterzuentwickeln, anstatt auf Nullen und Einsen und Algorithmen zu vertrauen. Denn am Ende dieser Nullen, Einsen und Algorithmen sitzen dann doch wieder Leute, die wahnsinnige Macht haben. Das will ich nicht. Deshalb vertraue ich in die menschliche Demokratie. Trotz Trump.

Zur Person: Andre Wilkens

Andre Wilkens, Jahrgang 1963, ist in Ostberlin aufgewachsen.. Der Politikwissenschaftler lebte und arbeitete viele Jahre in Brüssel, London, Turin und Genf, wo er für die Europäische Union, Stiftungen und die Vereinten Nationen arbeitete. Er ist Mitbegründer und geschäftsführender Vorstand der Initiative Die offene Gesellschaft, die sich für Demokratie, Freiheit und eine starke Zivilgesellschaft engagiert. Bis 2015 leitete er das ProjektZentrum der Stiftung Mercator. Davor leitete er das Open Society Institute der Soros Stiftung in Brüssel und koordinierte die Aktivitäten des politisch ambitionierten US-Milliardärs George Soros in Europa, der sich für die Idee einer offenen Gesellschaft einsetzt. Von sich Reden machte Wilkens mit zwei Büchern: „Der diskrete Charme der Bürokratie“ ist ein Plädoyer für Europa. In seinem Bestseller „Analog ist das neue Bio“ setzt er sich unterhaltsam und durchaus optimistisch mit den Herausforderungen der digitalen Welt auseinander. Wilkens ist verheiratet mit einer britischen Anwältin und lebt heute wieder in Berlin. jod

Von Joachim Dege

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