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Umland Burgdorf Nachrichten "Meine einzige ewige Freundin"
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14:15 07.09.2017
Von Joachim Dege
Else Greifenstein (links), geborene Wolff, trifft anlässlich der Buchvorstellung in Burgdorf ihre Schulfreundin Alla Rusz wieder, die ehedem im Lager Ohio lebte und 1952 in die USA auswanderte. Quelle: Joachim Dege
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Burgdorf

Im April 1945 richteten die Alliierten in den Gebäuden der Feuerschutzpolizei an der Sorgenser Straße das Lager Ohio für ausländische Menschen ein, die infolge des Zweiten Weltkriegs als heimatlos galten: ehemalige Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Flüchtlinge. Die heute 82 Jahre alte Alla Rusz aus den USA lebte ein Jahr lang in dem Lager. Damals freundete sie sich mit Else Greifenstein, eine geborene Wolff, aus Burgdorf an. Die Freundschaft hält ein Leben lang. Anlässlich der Buchpräsentation trafen sich beide wieder.

Die Gelegenheit, ihre Freundin in Burgdorf wiederzusehen, wollte sie sich nicht entgehen lassen. Beide Frauen nahmen Quartier im Hotel Försterberg. Greifenstein reiste aus Dortmund an, wo sie heute lebt. Sie saßen beieinander beim Empfang der Stadt im Rathaus. Und sie ließen sich in der St.-Pankratius-Kirche gemeinsam berühren von den Kostproben, die Heidelore Pedde, Brigitte Janssen und Olaf Weinel dort vorlasen aus dem Buch, das auch ihre Geschichte erzählt.

Rusz ist nach eigenen Angaben eine Volksdeutsche aus der Ukraine. Über Dresden, wo sie mit ihrer Tante und ihrer Mutter den verheerenden Bombenangriff überlebte, gelangte sie erst ins Lager Colorado nach Hänigsen und 1948 ins Lager Ohio nach Burgdorf. Hungrig nach Bildung besuchte sie die Mittelschule. Ihre Klassenkameradin Else war die einzige Mitschülerin, "die den Mut und das Herz hatte", sie zu sich nach Hause einzuladen und zu ihr in ihrer Baracke ins Lager zu kommen, sagt Rusz. Das vergisst sie ihr nicht: "Else ist meine einzige ewige Freundin."

Wenn beide von damals berichten, klingt es, als sei es eben erst passiert. "Sie hatte goldene lange Haare. Sie  war die Beste in der Klasse. Und die Schönste", sagt Greifenstein über ihre Freundin, die 1949 in ein Lager in Oerrel in der Heide weiterzieht, bevor sie 1952 in die USA auswandert. "Wir wollten nicht zurück in die Ukraine zu Stalin. Niemand wollte zurück." Ihr Vater sei nach Sibirien verschleppt worden und dort umgekommen.

Das erste halbe Jahr in der neuen Heimat bei Chicago war schwer, schrieb Rusz ihrer Freundin Else damals nach Burgdorf. Dann lud sie sie ein. Ein Jahr später ging Else Wolff für zweieinhalb Jahre rüber: "Wir waren wie eine Familie." Erst als ihr späterer Mann Fritz Greifenstein mit dem Studium fertig war, kehrte Else zurück und heiratete. Sie bekam zwei Töchter, hat heute vier Enkel. Rosz heiratete ebenfalls, ließ sich scheiden, heiratete erneut. Mit ihrem zweiten Mann, mit dem sie viel reist, ist sie seit 37 Jahren verheiratet. Rusz hat drei Kinder und acht Enkel. Immer wieder hatten die Freundinnen Kontakt, trafen sich auch. Jetzt werde wohl das letzte Treffen gewesen sein, glauben beide Frauen.

Eine Entschuldigung, die tief berührt

Bürgermeister Alfred Baxmann sagte hinterher, die Veranstaltung habe ihn tief berührt. Damit sprach er nur aus, was viele in der vollen St-Pankratius-Kirche am Donnerstagabend empfunden haben mögen. Die Präsentation des von Burgdorfern um ihren Mentor und Nestor Rudolf Bembennek erarbeiteten und von der Region Hannover herausgegebenen Geschichtsbuchs "Im Schatten des Vergessens" hatte es in sich. Nicht nur des dramatischen Titelthemas aus dem Film "Schindlers Liste" wegen, das Matthias Schorr (Violine) und Michael Chalamov (Klavier) erklingen ließen. Auch nicht allein wegen der Festrede des früheren Kultursministers und Landtagspräsidenten Rolf Wernstedt, der das Buch in den höchsten Tönen als "notwendige Ergänzung unserer Auffassung von Heimat und wichtige Quelle für die Arbeit von Bildungseinrichtungen" lobte.

Judith Rohde, Vertraute von Bembenneck, der nach einer schweren Operation aus der Klinik herbeigeeilt war und die Präsentation im Rollstuhl verfolgte, führte einfühlsam durch das Programm. Aus dem Ausland (Frankreich, USA, Belgien, Brasilien, Schweden, Kanada) angereiste Gäste begrüßte sie sämtlich persönlich und stellte sie zugleich vor. Derweil Roman Berezowsky unvermittelt aufstand und sich ans Publikum wandte mit einer Entschuldigung dafür, dass er als hungerleidender Vierjähriger sich in den Nachbargärten des Lagers Ohio an Rosenkohl und Äpfeln vergriffen hatte.

Erst recht bewegend geriet die Lesung aus dem Buch, wo Lagerbewohner über ihre Zeit in Burgdorf und von einem menschenverachtenden Umgang mit Zwangsarbeiten berichteten. Als dann noch Bembennecks Tochter Christina ans Mikrofon trat und einen von ihrem Vater diktierten Apell zur Achtung der Menschenwürde verlas, setzte es stehende Ovationen.

Gedenktafel

Mit einer Bronzetafel erinnert die Stadt ab sofort an das ehemalige Barackenlager Ohio, in dem nach Ende des Zweiten Weltkriegs beidseits der Sorgenser Straße nach Deutschland verschleppte und heimatlos gewordene Menschen untergebracht waren. Bürgermeister Alfred Baxmann und Adolf W. Pilgrim enthüllten die Gedenktafel am Freitagvormittag neben dem Eingang zum Veranstaltungszentrum StadtHaus. Dort soll sie laut Baxmann einen Beitrag leisten zur Erinnerung an das, was in Burgdorf Schreckliches geschah im Umgang mit Menschen, die den Nationalsozialisten als minderwertig galten.

Als Karolin Kallina anschließend Absagebriefe von Menschen verlas, die selbst nicht zur Buchpräsentation und Gedenktafelenthüllung kommen konnten, den Burgdorfern aber Dank und Respekt zollten, rührte das etliche der Anwesenden zu Tränen. Daria Valkenburg, die aus Kanada angereist war, zeigte im StadtHaus eine Diaschau über das Lagerleben. Unter anderem auch ein Bild mit einem Taufkind, bei dem es sich um Eugene Rurka handelte. Er lebt heute in den USA und war ebenfalls nach Burgdorf gekommen.

Fotostrecke Burgdorf: "Meine einzige ewige Freundin"

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