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Umland Burgdorf Nachrichten In Gummistiefeln in die Urzeit
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00:15 19.08.2013
Die Ausbeute der Exkursion in der Mergelgrube bei Höver (von links): In der Hand liegen die Bruchstücke einer versteinerten Koralle. In diesem Gestein ist das Donnerkeil genannte Innenskelett eines Belemniten, eines Tintenfisch-Vorfahren, eingeschlossen. Von außen sieht das Fundstück wie ein gewöhnlicher Stein aus: Doch die innenliegende Struktur entlarvt den versteinerten Schwamm. Was auf der Hand wie eine Muschel aussieht, ist ein Brachiopode (Armfüßler). Denn Unterschied kann nur ein Experte Quelle: Sandra Köhler
Burgdorf

Trocken kann jeder. Doch in jungen Leuten das Feuer für vergangene Epochen derart zu entzünden, dass sie selbstständig über neueste Erkenntnisse der Dinosaurierforschung und römischen Kulte recherchieren - dazu gehört mehr. Alexander Mlasowsky, seines Zeichens klassischer Archäologe, beherrscht diese Kunst.

Nichts ist spannender als Archäologie mit einem kräftigen Schuss Praxis. Die Teilnehmer einer AG im Gymnasium Burgdorf machen regelmäßig Exkursionen zum Fossiliensammeln.

Er würzt den freitagabendlichen Austausch über archäologische und paläontologische Fragestellungen in den Räumen des Johnny B. mit einem gehörigen Schuss Praxis. Exkursionen führen die Teilnehmer regelmäßig zum Fossiliensammeln in die Kalkmergelgruben in Höver, Misburg und Süddeutschland.

Neben der passenden Kleidung - Gummistiefel und Knieschoner sind fast unverzichtbar - gehört ein gutes Auge dazu, um fündig zu werden: „In den ersten zehn Minuten sieht alles gleich aus“, weiß Mlasowsky, der selbst mit der Pinzette auf die Suche nach winzig kleinen Exponaten geht.

Jonathan hat den richtigen Blick: Von seinen Mitschülern beinahe neidisch beäugt, hat er schon den vierten Haifischzahn aus der Grube in Höver geborgen. Vor etwa 70 Millionen Jahren, in der sogenannten Oberkreidezeit, gab es dort ein tropisches Meer, in dem neben Schwämmen, Muscheln, Seeigeln und Kopffüßlern auch Haie schwammen. Einen seltenen Haiwirbel, den Jonathan bereits bei einer früheren Suche entdeckt hatte, untersuchen mittlerweile die Fachleute eines Museums. „So können wir sogar zur Forschung beitragen“, sagt Mlasowsky.

Mittlerweile ist auch Maxim fündig geworden und präsentiert seine Beute. Weil wissenschaftliches Arbeiten bei Mlasowsky groß geschrieben wird - auch wenn es sich um eine Schul-Arbeitsgemeinschaft handelt - überlässt der Archäologe dem Jungen die Bestimmung. Dazu gehört insbesondere die Verwendung exakter Fachtermini: „Das ist ein Belemnit“, ist sich Maxim sicher. Mlasowsky will es genauer wissen: „Wenn du dir die Öffnung anschaust, zu welcher Unterart gehört er?“ „Das Loch ist quadratisch, also ist es ein Goniotheutis quadrata“, wendet der Schüler sein bei Mlasowsky erworbenes Wissen fix und treffend an.

Von Kindesbeinen an für die Wissenschaft entflammt

Paläontologie: Das Fachgebiet, für das er junge Menschen zu begeistern versteht, begleitet den klassischen Archäologen Dr. Alexander Mlasowsky von Kindesbeinen an.

Nach dem Abitur am Burgdorfer Gymnasium wollte er eigentlich die Wissenschaft von den Lebewesen vergangener Erdzeitalter studieren. „Doch das löste bei meiner Verwandtschaft Entsetzensschreie und diverse Familienkonferenzen aus“, erinnert er sich. Als Kompromiss belegte er Klassische Archäologie, Alte Geschichte, Altorientalistik sowie Vor- und Frühgeschichte an den Universitäten Heidelberg und Hamburg, und promovierte schließlich mit summa cum laude. Mlasowsky arbeitete als klassischer Archäologe an der Bayerischen Akademie der Wissenschaften in München, später im Museum August Kestner in Hannover. Vor 15 Jahren gründete er mit einer Kollegin die Firma Art & Archaeology Consulting. Beide betreuen private Kunstsammlungen, beraten bei nationalen und internationalen Auktionen, organisieren und betreuen Ausstellungen, publizieren die Sammlungsobjekte und bieten exklusive Studienfahrten an.

Mlasowsky gehört dem Arbeitskreis Paläontologie Hannover an und erforscht römische Propaganda anhand von Fundstücken wie Münzen und dem Friedensaltar von Augustus.

Der Anfang

Ein Vortrag entzündet den Funken

Kaum zu glauben, dass die heißbegehrte Arbeitsgemeinschaft dem Zufall entsprungen ist. „2009 suchte die damalige Schulleiterin des Gymnasiums für drei Monate einen Lateinlehrer für die Oberstufe und sprach mich an“, berichtet Alexander Mlasowsky.

Er ließ sich darauf ein, gewann Spaß an der ungewohnten Tätigkeit und hielt seinen Schülern in der letzten Stunde einen Vortag über das Massenaussterben in den vergangenen Jahrmillionen. Das Referat bereitete er gerade für die Naturhistorische Gesellschaft Hannover vor.

Die Schüler waren hellauf begeistert und drängten ihn geradezu, eine entsprechende Arbeitsgemeinschaft anzubieten. „Ich habe dem Ganzen nicht mehr als ein halbes Jahr gegeben“, räumt Mlasowsky schmunzelnd ein. Er sollte sich irren. Mittlerweile hat es einen Generationswechsel gegeben und ein Ende ist nicht in Sicht ...

Sandra Köhler

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