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Burgwedel Thönserin fotografiert ehrenamtlich Sternenkinder
Umland Burgwedel Thönserin fotografiert ehrenamtlich Sternenkinder
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00:19 06.07.2018
Ines Schiebler fotografiert seit Ende 2017 für die Initiative Dein Sternenkind ehrenamtlich gestorbene Babys. Quelle: Carina Bahl
Thönse

38 Wochen im Bauch seiner Mama, eine stundenlange Geburt, und dann ist der kleine Junge endlich da. Aber es bleibt still im Kreißsaal. Der befreiende Schrei ist nicht zu hören. Das Baby strampelt nicht. Sein Herz schlägt nicht. Es ist so, wie die Ärzte es vorhergesagt haben: Ben ist tot.

In der Leere etwas in der Hand haben

Es ist eines der schrecklichsten Schicksale, die einer Familie passieren können: eine stille Geburt. Nur wenige Momente bleiben gemeinsam, dann heißt es Abschied nehmen – für immer. Die Leere, die zurückbleibt, versucht die Thönserin Ines Schiebler ein wenig zu füllen – mit einem Foto. Dem einzigen Familienbild, das es geben wird und das der handfeste Beweis für das ist, was die Eltern im Herzen immer wissen werden: Es hat dieses Kind gegeben, und es wurde geliebt.

Schiebler ist Fotografin und engagiert sich ehrenamtlich für die Initiative Dein Sternenkind. Deutschlandweit koordiniert das Netzwerk Fotografen, um Eltern in diesen schweren Momenten zur Seite zu stehen. Manche Familien, die wissen, dass ihr Baby nicht überleben wird, melden sich selbst beim Verein. Andere werden erst im Krankenhaus auf die Möglichkeit hingewiesen.

600 Fotografen sind bundesweit für Dein Sternenkind im Einsatz

Die Initiative Dein Sternenkind wurde Anfang 2013 vom freien Fotografen und Filmemacher Kai Gebel ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es mehr als 600 Fotografen, die deutschlandweit ehrenamtlich ihre Zeit, ihre Technik und ihr Knowhow zur Verfügung stellen und sich über die Internetseite www.dein-sternenkind.eu vernetzt haben. Weitere Fotografen werden dringend gesucht – auch talentierte und technisch gut ausgerüstete Hobbyfotografen können mitmachen. Auf der Internetseite finden sich auch alle Informationen für die Familien. Eine Alarm-App und ein Forum sichern ab, dass die Eltern und die Fotografen in Kontakt miteinander treten können. Das Angebot ist für die Eltern absolut kostenlos. Die Fotografen tragen alle Auslagen selbst. Fotografiert werden Frühchen ab der 14. Schwangerschaftswoche sowie Kinder, die entweder schon im Mutterleib gestorben sind oder kurz nach der Geburt sterben werden, weil sie nicht überlebensfähig sind. 2017 ist Dein Sternenkind mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet worden, der vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Die Initiative gewann den mit den 10.000 Euro dotierten Publikumspreis.car

Alarm-App informiert rund um die Uhr

Es ist ein schriller Ton, der dann aus Schieblers Handy ertönt. Ihre Alarm-App ist angesprungen. „Wir haben ein Sternchen“, sagt die 45-Jährige. Irgendwo stirbt gerade ein Baby. Die Familie wünscht sich ein Abschiedsfoto. Acht „Sternchen“ hat Schiebler seit Ende des Jahres schon fotografiert – viel zu gut kennt sie sich inzwischen auf den Kinder-Intensivstationen, in den Abschiedsräumen und Kreißsälen der Krankenhäuser in Hannover aus.

Ihr jüngstes Sternenkind ist in der 15. Schwangerschaftswoche gestorben, auf der Welt angekommen wog es nur wenige Gramm. Die meisten Kinder sind reifer, wenn Schiebler sie ablichtet. „Es kommt aber nicht auf das Alter an“, betont sie. Für die Frauen ist es immer ihr Baby – ein echter Mensch. Schiebler kommt als Fotografin in die Kliniken – und ist dann oft so viel mehr. „Man kann sich nicht abschalten. Ich sitze meist lange bei den Eltern, höre mir ihre Geschichte an und erzähle meine.“

Es kommt nicht auf das Alter der Babys an

Ihre Geschichte ist einer der Gründe, warum sie eigentlich nie gedacht hätte, dieses Ehrenamt annehmen zu können und warum sie es jetzt doch aus Überzeugung tut: Sie selbst hat ein Baby verloren. „Hinterher heißt es immer: Das war total früh, das war noch kein richtiges Kind. “ Für sie aber war es das. Ein Gefühl, das jede Frau kennt, die schon ein Baby in sich getragen hat. Auf ihre heute vierjährige Tochter hat Schiebler lange warten müssen. Sie gab ihren Job als Bankkauffrau auf, krempelte ihr Leben um und fand in der Fotografie eine neue Passion. „Ich bin so dankbar, dass ich noch das Glück hatte, ein gesundes Kind zu bekommen“, sagt sie und wird still. Wenn sie jetzt die Möglichkeit hat, mit ihrer Kamera Eltern zu helfen, denen das nicht vergönnt ist, dann fühlt sich das richtig an. Sehr richtig.

Gedenkstätte für Sternenkinder in Kleinburgwedel

Die Stadt Burgwedel hat sich ganz aktuell auch mit dem Thema Sternenkinder auseinandergesetzt. Auf dem Friedhof Mühlenberg in Kleinburgwedel ist vor wenigen Wochen eine Ruhestätte für Sternenkinder eingeweiht worden. 15.000 Euro hat Burgwedel investiert, um einen gemeinsamen Gedenkort für Eltern einzurichten. Zweimal im Jahr sollen dort Kinder beigesetzt werden, die bei der Geburt weniger als 500 Gramm gewogen haben und somit nach deutschem Recht nicht als bestattungspflichtig gelten. Herzstück der Ruhestätte ist eine Stele, die aus der Mitte eines steinernen Sterns nach oben strebt und mit 80 glitzernden Glassteinen besetzt ist. Seit April 2011 gibt es bereits in Langenhagen auf dem Kirchenfriedhof der Elisabethgemeinde eine Garten der Sternenkinder –auch dort gibt es zweimal jährlich die Möglichkeit, Sternenkinder beisetzen zu lassen. In Isernhagen und der Wedemark fehlt ein vergleichbares Angebote bisher. car

Die Familien, die sie kennengelernt hat, lassen sie nicht los. „Jedes Schicksal ist ein anderes, jeder geht anders mit diesem Schicksal um“, erzählt sie. Manche Eltern wollten die Fotos zwar, wüssten aber nicht, ob sie diese jemals angucken werden.

Die ganze Familie nimmt Abschied

Eine Familie ist ihr besonders in Erinnerung geblieben: „Das Kind kam schwerstbehindert zur Welt. Es war früh klar, dass es kurz nach der Geburt sterben würde“, erzählt die Sternenkind-Fotografin. Im Krankenhaus traf sie aber nicht auf verzweifelte Eltern, sondern auf die ganze Familie des kleinen Mädchens – Oma, Opa, der große Bruder, die Tanten und Onkel waren angereist, um die wenigen Stunden, die das Baby leben würde, mit ihm zu verbringen. Der verliebte Blick aller Verwandten auf dem Familienfoto, das jetzt auf Schieblers Computer flimmert, sorgt für Gänsehaut. „Es war unerwartet, die Familie so positiv zu erleben. Aber es war auch wunderschön.“ Gemeinsam haben sie dieses Kind auf seinem kurzen Weg durch die Welt begleitet.

Für manch einen mag es irritierend, gar makaber wirken, dass ein totes Baby fotografiert wird. Ines Schieblers Erfahrung ist eine andere: „Die meisten Eltern haben das Bedürfnis, eine Erinnerung zu haben.“ Das Ergebnis seien oft schlechte Handyfotos, die die Eltern noch schnell heimlich vom Baby gemacht haben, weil es ihnen unangenehm war. „Diese Fotos traut man sich hinterher nicht anzuschauen und schon gar nicht zu zeigen“, sagt die Thönserin. Ihr Ziel ist es daher, ein schönes Bild des Babys zu machen – meist in Schwarzweiß, authentisch, ästhetisch. Ein Foto, das Trost spendet und vielleicht auch später einmal einem Geschwisterchen gezeigt werden kann – mit dem Satz: „Das war dein Bruder.“

Es sind Abschiedsbilder wie diese, die Ines Schiebler für die Familien anfertigt, die ihr Baby verloren haben. Diese Familie hat das Foto zur Veröffentlichung freigegeben - weil es ihnen geholfen hat, ihnen eine wertvolle Erinnerung ist und sie die Initiative Dein Sternenkind unterstützen möchten. Quelle: Ines Schiebler

Es braucht viel Empathie für diesen Einsatz. Ines Schiebler hat sie. Sie schweigt, wenn es Ruhe braucht. Sie redet, wenn es hilft. Sie hört zu, wenn die Eltern erzählen. Und sie weint – „mit den Eltern oder auf dem Weg nach Hause“. Wenn sie den Namen der Kinder vorher kennt, nimmt sie ein Armband für ihre „Sternchen“ mit. Für das Foto werden die Babys das einzige Mal angezogen oder in eine selbst genähte Decke gehüllt – und ein letztes Mal in die Arme ihrer Eltern gelegt.

Unterstützung wird gesucht

Die Familien bekommen anschließend die Foto-Dateien zugeschickt, meist auch Ausdrucke in einem verschlossenen Umschlag. Sie sollen selbst entscheiden können, ob und wann sie sich die Fotos anschauen. Schiebler bekommt nichts dafür – außer den Dank der Eltern und das gute Gefühl, rechtzeitig da gewesen zu sein. Denn das ist, wenn sie eine benennen muss, die größte Last dieser Aufgabe: Die Angst, nicht da zu sein, nicht da sein zu können.

Im dreiwöchigen Urlaub wurde Schiebler jedes Mal unruhig, wenn ihre Alarm-App schrillte: Es werden dringend weitere Fotografen im Raum Hannover gesucht. Teilweise fahren Mitglieder jetzt schon Stunden quer durch Deutschland, um für Familien da zu sein. Die Nervosität ließ sich im Urlaub daher nicht verbannen. Denn eines weiß die Thönserin genau wie die Familien in diesem Moment nur zu gut: „Für dieses Foto gibt es keine zweite Chance.“

Von Carina Bahl

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