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Burgwedel Leinenwäsche ist ihre Leidenschaft
Umland Burgwedel Leinenwäsche ist ihre Leidenschaft
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00:19 11.01.2019
Margrit Forstreuter-Künstler mag historisches Leinen. Quelle: Patricia Chadde
Engensen

Entdeckt Margrit Forstreuter-Künstler Geschirrtücher oder Bettlaken aus Urgoßmutters Zeiten, hat sie gleich eine Idee, was man Schönes daraus machen könnte. „Reines Horten ergibt ja keinen Sinn“, findet die Leinenexpertin und hat das „Upcycling“ für sich entdeckt. Mit Unterstützung einer schneidernden Bekannten verwandelt sie historische Stofftaschentücher zu Einkaufsbeuteln, Bettlaken zu Gardinen und Überschlaglaken zu Tischsets oder Schürzen. So kehren die historischen, handgewebten Leinenstoffe in den Alltag zurück. Zeitschriften rund ums Landleben liefern ebenfalls Anleitungen. Sogar Modekollektionen entstehen aus den handgewebten Stoffen, wie eine Designerin vom Deister beweist. „Der konnte ich mit einem Ballen alten Leinens weiterhelfen“, freut sich die Engenserin, die auf regionalen Flohmärkten und Wettmars Sommerspaziergang zu finden ist.

Margrit Forstreuter-Künstler und Ehemann Wilfried haben ein Händchen für Historisches. Das zeigt sich bereits an dem Wohngebäude, in dem sie seit 1980 leben – der alten Engenser Mühle am Golfplatz. Auch die Einrichtung spiegelt ihre Liebe zu antiken Schönheiten wider, wie aufgearbeitete Stühle, Tische, Schränke und wunderschöne alte Motiv-Fliesen belegen.

Die ohnehin vorhandene Begeisterung der Eheleute für Schönes und Praktisches aus lang vergangener Zeit erfuhr dann mit der Auflösung des elterlichen Haushalts von Wilfried Künstler vor wenigen Jahren neuen Schwung: Wäsche aus dem vorletzten Jahrhundert, wie Kopfkissen mit Häkeleinsatz, Leinen mit Lochstickerei und Überschlaglaken zählten zum Erbe. „Wir fanden die handgewebten Geschirrtücher, Tischdecken und das ganze Bettzeug viel zu schade, um es einfach wegzugeben“ erinnert sich Margrit Forstreuter-Künstler. Beim Landfrauen-Flohmarkt auf Wolnys Hof stellte sie deshalb ein paar Wäscheschätze aus und weckte bei vielen Besuchern Kindheitserinnerungen: „Oh, dat kennt wie noch von tu hus“, war ein Satz, der an besagtem Spätsommertag im August 2010 besonders häufig fiel.

Blickt die ausgebildete Lebensmitteltechnikerin zurück, war das Flohmarkterlebnis die Initialzündung: „Ich war richtig angefixt“, erinnert sie sich. Sie war mit geschärftem Blick unterwegs und schnell entwickelte sich ein Netzwerk mit anderen Landfrauen, die sie mit ihrer immer vielseitiger werdenden Sammlung gerne auf Märkte einluden. Die Leidenschaft für altes Leinen sorgt für immer wieder neue Erfahrungen. So war die Engenserin auch schon an Ausstellungen in Steinhudes Fischer- und Webermuseum beteiligt. Und natürlich fasziniert sie das schon fast sagenumwobene Geheimnis eines genialen Webers vom Steinhuder Meer, das „Hemd ohne Naht“. „Das hat noch niemand lüften können“, sagt Margrit Forstreuter-Künstler, niemand könne sich erklären, wie dieses Hemd als Gesamtkunstwerk gewebt worden sei.

Dafür liefern regelmäßige Besuche auf dem Kulturgut Ehmkeshoff in Dörverden oder im Detmolder Freilichtmuseen Anregungen und schulen den Blick für historisches Leinen und Webtechniken, die manchmal nur für eine kleine Region typisch sind.

Man kennt sich unter Freunden historischer Stoffe und Handwerkskünste –oder lernt sich kennen: „Kommen Sie aus der Mindener Ecke?“, wollte Margrit Forstreuter-Künstler beispielsweise von einem Flohmarkthändler wissen, der stapelweise Geschirrtücher anbot. Der Mann schaute sie verwirrt an und gab sich dann als Schaumburger zu erkennen. „Mindener Bandleinen nennt man diese Technik“, verrät die Leinenexpertin und hält ein zartgraues Stoffstück hoch, durch dessen Gewebe sich ein auffällig breiter Faden schlängelt. Beim Kauf wirkte das verknitterte Gewebe allerdings noch sehr unansehnlich. Neben Fett- und Stockflecken, gab es auch rostrote Verfärbungen auf dem zerknitterten Tuch. Im Austausch mit anderen Leinenliebhabern tauscht man sich aber auch über Reinigungsmöglichkeiten aus, um das verschmutzte Leinen wieder in Form zu bringen. Fleckensalz vom Discounter und ein heißes Bügeleisen spielen dabei Hauptrollen .

„Bei der Herstellung des Leinengewebes wurde natürlich immer die zukünftige Nutzung bedacht und ein dazu passendes Muster gewählt“, berichtet Margrit Forstreuter-Künstler von ihren Entdeckungsreisen, Mal war Leinen ein stiller Luxus, manchmal war die Nutzung auch ganz pragmatisch. „So heißen die grau-blau karierten Teile Grubenhandtücher“, berichtet sie von den Textilien, die im Kohlebergbau üblich waren. Selbst Kumpel, die an der Waschkaue Sorgfalt walten ließen, hatten häufig noch Kohlenstaub hinter den Ohren. „Auf einem weißen Tuch hätte man die dunklen Spuren sofort gesehen, aber auf dem speziellen Karomuster verschwindet der Schmutz. Jedenfalls optisch, was zu dem Begriff „der guckt aber kariert“ führte. Und so ist auch der Grund, dass für Bettwäsche dereinst vor allem rot-weiße Dessins gewählt wurden, ein nachvollziehbarer. So waren die Spuren von Menstruationsblut und Wochenbett weniger sichtbar, falls beim Waschen nicht alle Flecke raus gegangen waren

Von Patricia Chadde

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