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Burgwedel Radelnde Rentner starten 365 Tage im Jahr
Umland Burgwedel Radelnde Rentner starten 365 Tage im Jahr
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17:35 04.07.2018
Erste kurze Pause auf der Bahnbrücke. Quelle: Martin Lauber
Engensen

Zwei Fingerbreit hoch steht die Sonne im Osten. Kühl ist es noch, als Otto Laue in gelber Warnweste sein Fahrrad aus der Garage schiebt – um 6.15 Uhr, wie an jedem – glatteisfreien – neuen Morgen seit 1990, 365 Tage im Jahr. Vorm Haus am Alten Postweg warten schon: Wilfried Künstler (65), Karl-Heinz Düvel (64) und Heinrich Wiekenberg (71). Anders als Laue trägt der „Nachwuchs“ Helm, wobei Wiekenberg eine Plastikhaube über und eine Schirmkappe unter dem Kopfschutz hat, was lustig aussieht. „Gegen die Sonne“, wie er verrät.

Sie radeln um 6.15 Uhr raus in die Feldmark – 365 Tage im Jahr: Engensens früherer Ortsbürgermeister Otto Laue und seine Mitstrampler Karl-Heinz Düvel, Heinrich Wiekenberg und Wilfried Künstler.

Dabei radelt das Quartett gar nicht Richtung Sonne, sondern die ersten sechs Kilometer – den Lahberg hinauf und hinunter durchs Bruch – immer steil nordwärts. Durch absolut stille Wiesenlandschaften, teilweise über Schotter, vorbei an Rindern und an der ehemaligen Bohrplatte, auf der gerade zwei kleine Füchse spielen. Die vier herrenlosen Schafe lassen sich heute nicht blicken, dafür verschiedene Greifvögel. Beim ersten Stopp auf der Brücke über die Bahnlinie Hannover-Celle greift Laue in die Jackentasche. Seine tägliche Morgengabe besteht aus einem Karamellbonbon für jeden und – „Einen hab’ ich noch“ – auch gerne noch einem zweiten. „Manchmal können wir dem Lokführer auch ein Signal entlocken“, berichtet der 85-Jährige. Doch heute bleibt der Mann im Führerstand des Regionalzuges unbeeindruckt vom Winken der Engenser Rentner-Équipe.

Nachrichten-Update beim Kaffeetrinken

Mit Schwung geht es die Rampe hinunter Richtung „Kröpcke“ – der nördlichste Punkt der heutigen Route liegt fernab der Zivilisation und trägt doch bei den Eingeborenen diesen urbanen Namen, weil er als Wegekreuzung dereinst ein beliebter Treffpunkt war. Munter strampelnd bereitet Laue den Mitradler von der Lokalzeitung auf die nächste Bahnüberquerung vor: Da unten auf der Hasenbahn habe Adam Opel anno 1928 seinen raketenbetriebenen Schienenwagen getestet. Und 15 Jahre später fielen an gleicher Stelle Bomben und Flugzeuge vom Himmel – da war er noch ein Kind.

Beim Wettmarer Friedhof stößt die Gruppe erst nach circa 16 Kilometern wieder auf bewohntes Gebiet. Geradelt wird auf unterschiedlichen Wegen, aber immer in einem festen Zeitfenster zwischen 6.15 Uhr und der Heimkehr mit frischen Brötchen spätestens um 8.15 Uhr – nach dem obligatorischen Dorfnachrichten-Update im Café des Wettmarer Edeka-Marktes. Laue, so umtriebig wie eh und je, weiß alles, kennt jeden und bringt alle auf den Stand. Einmal in der Woche, donnerstags, führt die Tour ins Stammcafé über Großburgwedel, das Mitbringsel für daheim besteht dann aus frischem Obst vom Wochenmarkt. Und sonntags, wenn der Supermarkt geschlossen ist, wird der Tourausklang stets ins Café Vatter in der Wettmarer Dorfmitte verlegt.

„Da muss ich immer mithalten“

Bei soviel Konstanz ist Laues Fahrradclique natürlich längst eine Institution, zumal ihr Erfinder selbst ja eine ist. Bis 2001 war er Ortsbürgermeister von Engensen und Mitglied im Rat: Nach mehr als 40 Jahren Kommunalpolitik wurde der Dachdeckermeister zum Ehrenratsherrn ernannt. Aber Familie, Betrieb und die vielen nicht immer bierernsten Sitzungen bis tief in die Nacht – sie forderten ihren Tribut. Als Laue sich 1990 nach einem Infarkt einer Herz-OP unterziehen musste, fing er auf ärztlichen Rat mit dem Fahrradfahren an. Horst-Walter Tiffe und Ernst-Heinrich Könecke, die ihn jahrelang auf seinen frühmorgendlichen Touren begleiteten, leben heute nicht mehr. Oben auf dem Lahberg war der Treffpunkt mit den beiden Wettmarern. Laue erinnert sich gut, wie schön sich mit seinem Mit-Ehrenratsherrn Könecke beim Radeln streiten ließ. Der „Löwe von Wettmar“ hätte dann auch schon mal damit gedroht, vorzeitig abzudrehen. Aber wirklich passiert sei das dann doch nie.

„Diese Jungens“, sagt Laue, „da muss ich immer mithalten“. Gemeint mit den Jungens ist die aktuelle Crew. „Nachwuchs wird ja immer gebraucht“, stellt der Ex-OB die drei vor: Heinrich Wiekenberg, früher Fahrer der städtischen Kehrmaschine und Nebenerwerbslandwirt, ist seit 2009 täglich dabei. Als nächster checkte Ex-Avacon-Mann Karl-Heinz Düvel mit Beginn seiner passiven Altersteilzeit ein und brachte Wilfried Künstler, Bewohner der Engenser Mühle, im März 2017 mit.

Zwei auf E-Bikes, zwei ohne Strom

Das Schicksal, so glaubt der Westfale Künstler, habe es sehr gut mit der Fahrradclique gemeint, als es voriges Jahr einen Dieb schickte, der Laues Rad vor dem Edeka-Markt stahl, während die Gruppe drinnen zusammen Kaffee trank. Denn Laue ersetzte es postwendend durch ein E-Bike. Und auch Wiekenberg zögerte keinen Tag, es ihm gleichzutun. Dieser „technische Revolution“ ist es zu verdanken, dass der doppelte Alpenbezwinger Düvel und der 21 Jahre ältere Otto Laue bei ihrer frühen Runde beide auf ihre Kosten kommen. Täglich rund 20 Kilometer im Durchschnittstempo 20 – dieses Training tue auch seiner Form spürbar gut, sagt Düvel. Und wenn Laue dann im Endspurt auf den letzten steilen Metern vorbei am Golfclub mit Elektro-Unterstützung Stoff gibt, dann müssen die Jungen sich sogar ganz schön ins Zeug legen, um mitzukommen.

Von Martin Lauber

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