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Die Frage bleibt: Wo war der Mensch?

Burgwedel Die Frage bleibt: Wo war der Mensch?

War es das gute Wetter, der Redner oder doch der Wunsch vieler, nach einer Woche, die weltweit Fassungslosigkeit ausgelöst hatte, innezuhalten? Tatsache ist: So viele Besucher zählte die Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen“ bei ihrer Gedenkveranstaltung noch nie.

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Mehr als 120 Menschen nahmen an der Gedenkveranstaltung „Gegen das Vergessen“ teil.

Quelle: Carina Bahl

Burgwedel. Wenn Rudolf Gutte von der Bürgerinitiative „Gegen das Vergessen“ in seiner Begrüßung betonte, dass die Gedenkveranstaltung vor Ostern schon „zum Jahresrhythmus der Stadt“ gehöre, dann hat er damit recht. Auch am Sonnabend pilgerten wieder Bürger, Politiker und die Teilnehmer des Erinnerungsmarsches von Hannover nach Bergen Belsen an die Scheune am Ortsrand Großburgwedels.

Aber etwas war anders. Mit etwa 120 Teilnehmern war die Veranstaltung besser besucht denn je. Auch die Stimmung war eine andere. Ruhiger, gedankenversunken.

Genau an diesem Punkt wusste Pastor Hartmut Badenhop die Teilnehmer in seiner Rede abzuholen. „Diese Woche hat viel verändert“, leitete er seine Worte ein - und blickte damit auf den Absturz der Germanwings-Maschine zurück. Fassungslosigkeit beschreibe das, was jeder jetzt empfinde. Und diese Empfindung sei auch immer noch die, die die Taten auslösten, die in der Osterwoche vor 70 Jahren in Großburgwedel passiert sind. Im Alter von 15 Jahren war Badenhop Augenzeuge, wie um die 100 Menschen barfuß, in zerrissenen Kleidern durch den Ort getrieben wurden - auf dem Weg ins Konzentrationslager. Mindestens drei von ihnen sah Badenhop am nächsten Morgen tot vor der Pestalozzi-Scheune liegen - ermordet, weil sie in der Nacht versucht hatten, etwas Brot von einem Proviantwagen zu stehlen. „Dieses Bild werde ich nie vergessen“, sagte er. Und das sei gut so.

Denn im Gegensatz zu einer Tragödie wie dem Flugzeugabsturz in der vergangenen Woche hätten die grausamen Ereignisse in Großburgwedel 1945 eine Vorgeschichte gehabt. „Und diese begann bereits 1933“, betonte Badenhop. „Das war das Ende der Demokratie.“ Aber Deutschland habe damals eine Chance bekommen. Diese gelte es zu nutzen, damit der Weg weitergeht - ohne je zu vergessen. „Die Würde des Menschen ist antastbar“, sagte Badenhop, „das hat die Geschichte leidvoll bewiesen“. Umso mehr sei jeder gefragt, das Grundgesetz hochzuhalten, kein Ohr mehr für falsche Lieder zu haben und zu kritisieren, wenn es Kritik brauche. Gedankenschwer ließ Badenhop seine Zuhörer zurück - und das mit einer einzigen Anekdote. Er habe einen jüdischen Freund, der Auschwitz überlebt hat, gefragt: „Wo war damals Gott?“ Seine Antwort: „Das ist nicht die Frage. Wo war der Mensch?“

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