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Umland Burgwedel Nachrichten Kommen Musterhäuser wieder auf die Agenda?
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16:18 25.02.2018
In diesem Teil der Schulze-Delitzsch-Straße stehen bereits mehrere Häuser leer. Quelle: Martin Lauber
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Großburgwedel

Basiert das schalltechnische Gutachten, nach dem das Wohnen im Großburgwedeler Gewerbegebiet II wegen zu hoher Lärmimmissionen per se ausgeschlossen sein soll, auf falschen Annahmen? Zumindest ist dies in einem Ratsantrag der „Unabhängigen“ das Hauptargument dafür, den Bereich doch noch in ein Mischgebiet umzuwandeln und so für die 24 Musterhäuser an der Schulze-Delitzsch- und der Raiffeisenstraße eine Wohnnutzung zu erlauben.

Die Mitglieder des Planungs- und Tiefbauausschusses hatten dies vor drei Jahren schweren Herzens abgelehnt. Ob es nun zu einer Neuauflage der Schicksalssitzung vom 15. Februar 2015 kommt, steht noch nicht fest. Die Stadtverwaltung prüft zurzeit die „sehr umfangreichen Unterlagen vor dem Hintergrund, ob und inwieweit neue, bisher unbeachtete Aspekte im Zusammenhang mit der damaligen Ablehnung einer möglichen Änderungsplanung zu einer erneuten Beratung führen können“.

Lärmschutzwand ist einen Meter höher als gedacht

In dem von der Verwaltung beauftragten Gutachten war die Lärmbelastung, die vom Autobahn- und Bahnverkehr sowie von den Betrieben ausgeht, als gesundheitsschädlich eingeschätzt worden. Wegen deutlicher Überschreitung der geltenden Lärmschutz-Richtlinien sei eine Umwandlung in ein Mischgebiet gar nicht ohne weiteres möglich. In puncto Autobahn-Lärm basieren die hochgerechneten Werte allerdings auf einer vier Meter hohen Lärmschutzwand, die tatsächlich, wie das Landesamt für Straßenbau auf Anfrage bestätigte, fünf Meter hoch ist. Deshalb kommt der TüV Nord in seinem von Anliegern beauftragten Gutachten auf einen niedrigeren Schallpegel. Nach diesem gäbe es für ein Mischgebiet zumindest eine „Abwägungsmöglichkeit“. Der Stadtverwaltung liegt das Gutachten seit dem Sommer 2015 vor.

Anwohner spricht von „Wohnraum-Vernichtung“

Für seine Forderung, die beiden „Musterhaus-Inseln“ an der Schulze-Delitzsch- und Raiffeisenstraße als Mischgebiete auszuweisen, beruft sich der Ratsherr der Unabhängigen Rudolf Gutte auf zwei ähnlich gelagerte Fälle im Gewerbegebiet I und II, in denen die Stadt ebenfalls durch eine kleinräumige Änderung des Bebauungsplans das Wohnen legalisiert habe. 

Gutte argumentiert zudem mit dem hohen Wohnraumbedarf in Großburgwedel. Anwohner Karl Wilhelm Goebel spricht von „Wohnraum-Vernichtung“: Wenn er abends an der Schulze-Delitzsch-Straße spazieren gehe, an der er ein ehemaliges Musterhaus mit „Auswohn-Erlaubnis“ bewohnt, brenne nur noch hinter wenigen Fenstern Licht. Sechs Häuser sowie eine Reihe vermietbarer Wohnungen in Gewerbeobjekten stünden mittlerweile leer, sagt der 81-Jährige. Auch die beiden Appartements im ersten Stock seines Hauses dürfe er nicht vermieten. „Und ich werde nur geduldet, weil ich so ein alter Sack bin.“ 

Über Verstöße gegen das Wohnverbot im Gewerbegebiet wacht die Bauaufsicht der Region Hannover mit Argusaugen. Einem Inhaber, der seine Immobile als Schauraum für Getränkespender nutzt, wurde 2017 nach Hinweisen auf eine mutmaßliche Wohnnutzung die Versiegelung des Hauses angedroht: Wie die anderen sucht Dietmar Reimer vergeblich einen gewerblichen Mieter oder Käufer.

Kleinoth: Unser Vermögen ist vernichtet

Heidemarie und Gerhard Müller haben den Absprung geschafft: Das Ehepaar verkaufte sein großes Eigenheim an der Schulze-Delitzsch-Straße, für das die Region eine Nutzungsuntersagung verfügt hatte, im Herbst 2017 „zu einem ordentlichen Preis“ an eine EDV-Firma und lebt jetzt glücklich im Pelikan-Viertel in Hannover. Jutta Skade und Almuth Kleinoth, die zurück gebliebenen Nachbarinnen, wagen nicht, von soviel Glück zu träumen. „Unser Vermögen ist vernichtet“, sagt Kleinoth. „Wir stecken in einer Sackgasse“, ergänzt Skade. Dass sie festsäßen in für sie zu groß gewordenen Häusern, die sie weder verkaufen noch vermieten könnten, solange darin nichts anderes als eine gewerbliche Nutzung erlaubt sei: Das haben Anlieger wiederholt sogar vor laufenden Fernsehkameras beklagt und darauf gesetzt, dass die Stadt Burgwedel reagiert.

Gemeinde: Firmenentwicklung würde eingeengt

Die Bauleitplanung liegt in der Hand der Kommune. Aber aus Sicht der Stadtverwaltung sprechen nicht allein die hohen Lärmemissionen gegen eine Umwandlung des Gewerbegebietes II, das in den Siebzigerjahren für „nicht erheblich belästigende Gewerbetätigkeit“ geschaffen wurde, in ein Mischgebiet für „Gewerbe und Wohnen“. Die Entwicklungsmöglichkeiten der ansässigen Firmen würden eingeengt. Nicht umsonst hatten für den Fall einer Umwandlung des Gewerbegebietes drei Betriebe mit Klagen gedroht. Insbesondere das Tierpharma-Unternehmen Burgwedel BioTech, das in der Zwischenzeit 60 Millionen Euro an seinem Werksstandort hinter Ikea investiert hat, hatte sich 2014 gegen eine Planänderung positioniert. 

Andererseits gibt es auch eine von den „Unabhängigen“ angeführte Liste mit Unterschriften von 22 Firmenchefs aus dem Gewerbegebiet II, die ein Mischgebiet befürworten: Die bewohnten Musterhaus-Areale lägen in Sackgassen, verkehrsbedingtes Konfliktpotenzial sehen sie nicht. Die Präsenz der Bewohner nachts und an Wochenenden stelle sogar einen „positiven Sicherheitsaspekt“ dar.

Wenigstens ein Runder Tisch?

Falls der Rat ihre Bitten nicht erhört, haben Göbel, Skade und Kleinoth einen Wunsch B: Das Mindeste sei ein Runder Tisch. Denn die zunehmenden Leerstände seien eine städtebauliche Entwicklung, die auch der Kommune nicht gleichgültig sein könne. Im Rathaus seien weder Göbel noch andere Anwohner wegen eines Runden Tischs bisher vorstellig geworden, wundert sich Bauamtsleiter Oliver Götze. Die Verwaltung sei offen für einen konstruktiven Dialog.

Von Martin Lauber

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