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Nachrichten NS-Henker lebt 23 Jahre unbehelligt im Ort
Umland Burgwedel Nachrichten NS-Henker lebt 23 Jahre unbehelligt im Ort
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00:22 09.10.2015
Die Guillotine, mit der die Geschwister Scholl ermordet wurden: Mit einem ähnlichen Fallbeil vollstreckte auch Alfred Roselieb Todesurteile. Quelle: Walter Haberland
Burgwedel

Kriegsende: Hunderte ausgebombte Hannoveraner, dazu die Flüchtlinge aus dem Osten - in Großburgwedel gibt es mehr Fremde als Eingesessene, jede Notunterkunft ist belegt. Überall unbekannte Gesichter. Da ist gut untertauchen - auch für Alfred Roselieb.

An Bilder des Henkers ist nicht heranzukommen. Zeitzeugen erinnern sich an einen relativ kleinen, schmalen Mann, der mit seiner Familie sehr zurückgezogen an der Straße An der Wedel in einem kleinen, einfachen Holzhaus gelebt habe. „Meine Frau und ich haben die Familie gekannt. Man grüßte sich und hielt mal einen kleinen Schnack. Alfred war ein fleißiger Mann, er hat viel im Garten gearbeitet, war Selbstversorger, hatte auch Federvieh und Schweine. Ich glaube, er hat als Gärtner beim Krankenhaus gearbeitet“, berichtet ein früherer Nachbar.

Das große Grundstück sei rundum zugewachsen gewesen, habe keinen Einblick gewährt. Der Grund für dieses Sich-Verbergen könnte in der Vergangenheit des Bewohners gelegen haben. Während zwei seiner früheren Henkergehilfen in der sowjetischen Zone wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und zum Tode verurteilt worden waren, hatte er sich rechtzeitig in den Westen abgesetzt.

Der 1891 geborene Hannoveraner erlernte zunächst den Beruf des Gärtners, arbeitete dann als Kutscher und Bestatter, ehe er im Februar 1941 Gehilfe bei dem hannoverschen Scharfrichter Friedrich Hehr (1879-1952) wurde. Dieser war es, der seinen Gesellen motivierte, sich bei der Staatsanwaltschaft in Halle/Saale auf eine freie Stelle zu bewerben. „Roselieb ist vom Herrn Minister als Scharfrichter in Aussicht genommen worden. Seine Indienststellung hängt davon ab, dass er in Halle Wohnung nimmt und sich Gehilfen besorgt“, zitiert Thomas Waltenbacher in seiner als Buch erschienenen Untersuchung über „Zentrale Hinrichtungsstätten“ (Verlag Zwilling, Berlin 2008).

Nach der obligatorischen Überprüfung durch die Gestapo bekam Roselieb die Stelle. Laut Staatspolizeileitstelle 23, Hannover, war über ihn „bisher in politischer, abwehrpolizeilicher und sonstiger Hinsicht Nachteiliges nicht aktenkundig“. Die Beurteilung der Oberstaatsanwaltschaft Hannover war eine Empfehlung: „Roselieb ist ein nüchterner und ruhiger Mann mit einem bescheidenen, aber sicheren Auftreten, der schon Vollstreckungen in Vertretungsfällen selbstständig ausgeführt hat und sich gut zum Scharfrichter eignet.“ Nachzulesen ist das in Klaus Hillenbrands Buch „Berufswunsch Henker“.

Roselieb sollte in seinem blutigen Gewerbe Karriere machen: Am 1. April 1944 trat er 52-jährig sein Amt als Scharfrichter für den Vollstreckungsbezirk VI mit den zentralen Hinrichtungsstätten Dresden, Weimar und Halle an. Arbeitsort war der „Rote Ochse“ in Halle: ein mächtiger, roter Klinkerbau. In der 1842 erbauten Königlich-Preußischen Straf-, Lern- und Besserungsanstalt ließen die Nazis von 1942 bis Kriegsende 549 Gefangene aus 15 Ländern durch das Fallbeil oder Erhängen umbringen.

Roselieb vollzog auch Hinrichtungen in Berlin und Hamburg. In den Erinnerungen von Harald Poelchau, Gefängnispfarrer für die Strafanstalten Tegel und Plötzensee, tauchte er als Gehilfe des gleichfalls aus Hannover stammenden Scharfrichters Wilhelm Röttger auf, des Henkers, der die Männer des Widerstands hingerichtet hat. In Hamburg richtete er die 22-jährige Hildegard Zwack am 24. Mai 1944 um 16 Uhr im Untersuchungsgefängnis am Holstenglacis als „Volksschädling“ wegen Vernichtung von Nahrungsmitteln durch die Guillotine hin. Allein in den beiden letzten Kriegsjahren soll Roselieb laut Wikipedia für einen Henkerslohn von 26.433 Reichsmark an insgesamt 931 Hinrichtungen beteiligt gewesen sein.

Im Juli 1946 zog Alfred Roselieb mit seiner Familie von Hannover-Bothfeld nach Großburgwedel auf ein Grundstück, das er schon Jahre zuvor erworben hatte. Bei der Gemeindeverwaltung meldete er sich, seine Ehefrau und Tochter ordnungsgemäß an. Als Beruf gab er „Landhelfer“ an. Bis zu seinem Tod 78-jährig im Jahr 1969 bleibt er Großburgwedeler.

Unter dem „Burgwedel“-Eintrag der Online-Enzyklopädie Wikipedia gehört Roselieb, nachdem sein Name vorübergehend getilgt war, seit einiger Zeit wieder zu den „Persönlichkeiten, die vor Ort leben oder lebten“.

Viele Henker waren Familienväter

Etwa 12.000 Menschen wurden während der NS-Zeit im Deutschen Reich hingerichtet. Die meisten Opfer waren Regimegegner, hatten zum Beispiel Flugblätter verteilt wie Cato Bontjes van Beek oder die Geschwister Scholl. Oder sie hatten aktiv den Sturz der Regierung Hitler betrieben, wie die Widerstandsgruppe um Graf Schenk von Stauffenberg. Sogar mit deren Henker, Wilhelm Röttger, war der spätere Großburgwedeler Alfred Roselieb an Hinrichtungen beteiligt. Über NS-Scharfrichter – eine Gruppe von einigen Dutzend Personen – schreibt der Politikwissenschaftler Klaus Hillenbrand, sie seien keineswegs Sonderlinge oder alleinstehende Vereinsamte ohne soziale Bindungen gewesen, die meisten vielmehr verheiratete Familienväter – wie Roselieb, der sich von Häftlingen im NS-Zuchthaus „Roter Ochse“ Kinderstühle tischlern ließ (die heute in der dortigen Gedenkstätte als Bezug zu Roselieb ausgestellt sind). In der DDR wurde die letzte Hinrichtung 1981 durchgeführt. Im Westen wurde sie mit Gründung der Bundesrepublik am 24. Mai 1949 abgeschafft. Bis dahin waren auch in den Westzonen noch Todesurteile vollstreckt worden – unter anderem von drei Scharfrichtern, die schon in der NS-Zeit tätig gewesen waren. Sie verrichteten ihre Arbeit nach Kriegsende im Auftrag der britischen und amerikanischen Besatzungsbehörden zunächst weiter. Zu ihnen gehörte auch Roseliebs früherer hannoverscher Vorgesetzter Friedrich Hehr, der bis 1948 allein in Wolfenbüttel und Hamburg 85 Menschen hingerichtet haben soll.

Von Jürgen Zimmer

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