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Umland Burgwedel Nachrichten Polensiedlung sorgt für reichlich Gesprächsstoff
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20:02 23.09.2012
Beim Treffen am Sonnabend machen viele Geschichten aus vergangenen Zeiten die Runde. Quelle: Zimmer
Burgwedel

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges sind Millionen Menschen durch Europa geirrt, die zuvor zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden oder aus Gefängnissen und Konzentrationslagern kamen. Von den Alliierten wurden sie als „displaced persons“ (DP) bezeichnet - als Menschen, die kriegsbedingt nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren konnten oder wollten. Einige von ihnen fanden in Großburgwedel eine Heimat.

Eine dieser Unglücklichen war die damals 20-jährige Eugenia Fudali aus Lublin. Auf der Straße wurde sie von einem SS-Kommando gefangengenommen und in das Konzentrationslager Ravensbrück (Uckermark) deportiert. Von dort wurde sie zur Zwangsarbeit in eine Maschinen- und Munitionsfabrik nach Hannover gebracht.

Ende 1944 musste Fudali an einem Todesmarsch ins KZ Bergen-Belsen teilnehmen, wo zu der Zeit Anne und Margot Frank noch lebten, die beide im März 1945 an Typhus starben. Eugenia Fudali überlebte und wurde am 15. April 1945 von englischen Truppen befreit.

In einem Auffanglager fand sie ein Jahr später sogar ihren Mann Jan Fudali wieder. Vier Kinder wurden geboren, bis Eugenia 1960 in Großburgwedel sesshaft werden konnte - allerdings ohne ihren Jan, der sich nach Frankreich in ein Kohlebergwerk vermitteln ließ, wo er bereits 1953 starb. Die jüngste Tochter Helena wohnt heute noch in dem Haus an der Bahnhofstraße, das ihre Mutter damals bezog.

Ein ähnlich hartes Schicksal erlitten Kazimira Maliglowka und Marian Malara aus der Nähe von Krakau. Die damals 17-jährige Kazimira wurde zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt, Marian wegen Sabotageverdachts in das KZ Stutthof bei Danzig deportiert. Er war einer der wenigen Überlebenden des Todesmarsches im Januar 1945 von Stutthof in Richtung Westen. Beide trafen sich nach Kriegsende im Lager Seedorf bei Bremen und kamen mit ihren Kindern 1961 nach Großburgwedel.

Den Umstand haben sie der Sue Ryder Foundation zu verdanken, die 1952 mit Unterstützung der United Nation Association das als „Villa Jeep“ bekannte Haus an der Bahnhofstraße 10 kaufte und auf dem Gelände acht kleine Siedlungshäuser für Familien wie die Fudalis und Malaras errichten ließ. 1977 kauften Ulrike und Volker, Gräfin und Graf Bethusy-Huc, die damals stark heruntergekommene Villa. Heute wohnt ihr Sohn Marc-Philipp mit seiner Familie darin.

Die Siedlungshäuser wurden von freiwilligen Helfern gebaut, Studenten und Schüler aus 16 Ländern. Ab Ende 1959 konnten die ersten entwurzelnden Familien einziehen. Die gläubige Christin Sue Ryder nannte die Siedlung St.Christopher Settlement, und so nannten sie auch die Bewohner. Für die Einheimischen war es die „Polensiedlung“. Angesehen waren die Bewohner lange Zeit nicht und ihre Kinder in der Schule unbeliebt. „Polacke“ und „Verbrecher“ waren noch harmlosere Beschimpfungen.

St. Christopher in Großburgwedel war die erste Einrichtung von Sue Ryder. Weitere folgten in Polen, Jugoslawien und anderen Ländern.

Helfer und Hilfeempfänger treffen sich nach 55 Jahren

Manchmal entwickeln Ereignisse eine beeindruckende Dynamik. Als die Nordhannoversche 2011 über die Villa der Familie Bethusy-Huc berichtete, konnte niemand ahnen, welche dramatischen Geschichten dieses Haus zu erzählen hat. Am Sonnabend trafen sich zehn Menschen, um über die Ereignisse zu sprechen, die sich von 1950 bis Anfang der sechziger Jahre ereigneten und ein unbeachtetes Stück Burgwedeler Geschichte sind.

Die meisten kannten sich zuvor nicht. Maria Malara gehörte dazu, Tochter ehemaliger „displaced persons“, genauso wie Helena Fudali, geborene Josefowicz, und ihr Bruder Wladyslaw Zirnitis. Beide wuchsen in den Siedlungshäusern auf, die junge Menschen aus vielen Nationen als freiwillige Helfer für die Sue Ryder Foundation bauten. Eine von ihnen ist Marilyn Brown aus Liverpool. Sie ist zusammen mit ihrem Bruder Jim zu Besuch beim Ehepaar Sigrid und Jürgen Henking, mit denen sie seit damals befreundet ist. Marilyn, genannt Lyn, kam 1954 mit 17 Jahren das erste Mal nach Großburgwedel, um während der Schulferien dort zu helfen. Bis 1959 kehrte sie jedes Jahr auf eigene Kosten zurück.

„Ich bin Quäkerin. Anderen Menschen zu helfen, ist mir ein Anliegen. Die Zusammenarbeit mit der großartigen Sue Ryder hat mein Leben verändert“, sagt sie. Zunächst studierte sie Kunst, „übrigens zusammen mit einem gewissen John Lennon, den ich nicht leiden konnte“, erzählt sie. Sie wechselte dann das Studienfach und wurde Kriminalpsychologin. Und dann war da noch Giesela Metzdorf, die den jungen Leuten, die in Handarbeit den Pinienwald hinter der Villa rodeten, Obst und Gemüse aus ihrem Garten brachte und so auf ihre Weise mithalf. Die Gastgeber Jordi und Marc Bethusy-Huc fanden es spannend, die Geschichten und Erlebnisse dieser unterschiedlichen Menschen zu erfahren, die alle in irgendeiner Form mit ihrem Haus zu tun hatten. Vier Stunden reichten kaum, um neben den Erlebnissen auch die Adressen auszutauschen.

Jürgen Zimmer

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