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Nachrichten Mahnmal-Streiter als kritischer Chronist
Umland Burgwedel Nachrichten Mahnmal-Streiter als kritischer Chronist
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18:49 12.08.2016
Von Martin Lauber
Gerade erschienen ist das Buch von Rudolf Gutte über den jahrelangen Streit um das Großburg
wedeler Mahnmal, 
das im Hintergrund nur teilweise
 zu sehen ist. Quelle: Martin Lauber
Großburgwedel

Die Gedenkstätte in ihrer heutigen Form, so der 78-jährige Autor, sei "das Ergebnis eines erbittert ausgetragenen politischen Konflikts". Diesen schildert er in seinem Band "Vom Soldatenehrenmal zum Denkmal für alle Opfer des Nationalsozialismus", das in diesen Tagen in den Handel kommt.

Für ein Buch über die hoch emotional geführte Diskussion hatte Rolf Wernstedt eine Steilvorlage gegeben. Der Mahnmalstreit sei „selbst ein Mahnmal“, so der frühere Landtagspräsident im Interview dieser Zeitung. Großburgwedel habe eine „Stellvertreterdebatte für Tausende Orte geführt, denen dieser Prozess bei der Sanierung ihrer Mahnmale für die Opfer des Nationalsozialismus noch bevorsteht“.

Die Debatte zum Nachlesen liefert jetzt auf 215 Seiten, naturgemäß subjektiv eingefärbt, Rudolf Gutte – jenes frühere Ortsratmitglied, das gegen Widerstände und vielfach als Einzelkämpfer die Linie durchhielt, dass man nicht glaubhaft gegen den Nationalsozialismus sein könne, ohne aller örtlicher NS-Opfer zu gedenken.

62 Jahre lag das Kriegsende bereits zurück, als Ortsbürgermeister Otto Bahlo 2007 beantragte, das bestehende Erste-Weltkrieg-Kriegerdenkmal auf dem Ehrenfeld des Großburgwedeler Friedhofs an der Thönser Straße um Namenstafeln für gefallene und vermisste deutsche Soldaten des Zweiten Weltkrieges zu ergänzen. Anders als in den Dörfern ringsum war dies in Fünfzigerjahren in Großburgwedel nicht geschehen. 1997 war ein Vorstoß eines „Förderkreises Gefallenengedenkstätte“ gescheitert, die militärischen Toten des Zweiten Weltkrieges mit einer Gedenkplatte „in Dankbarkeit und Ehrfurcht“ zu würdigen. Immerhin sei verhindert worden, erklärte der Förderkreis damals, „ein Ehrenmal für gefallene und vermisste Soldaten in ein anderes, nämlich für alle Toten des Krieges, abzuwandeln“.

15 Jahre später war es dann aber doch soweit. Im November 2012 wurde ein Mahnmal eingeweiht, auf dem neben 146 gefallenen und vermissten Soldaten sowie 14 zivilen Kriegsopfern auch die Namen zu finden sind von: vier ermordeten Sinti und Roma, vier Euthanasie-Opfern, 28 in einem örtlichen Ausländerkinderpflegeheim umgekommenen Säuglingen osteuropäischer Zwangsarbeiterinnen, drei jüdischen Bürgern, vier sowjetischen Kriegsgefangenen, einem polnischen Zwangsarbeiter sowie von drei während des Todesmarschs in Großburgwedel erschossenen KZ-Häftlingen.

Der Weg dorthin sei ein "erinnerungspolitisches Lehrstück", erklärt der Verlag im Klappentext zu Guttes Buch und zitiert den bekannten Sozialpsychologen Harald Welzer: "Die Kreise, die die Stadt jahrelang führten", hätten eine "ehrliche und umfassende Auseinandersetzung" mit der NS-Vergangenheit keineswegs gefördert.

Diese wurde im Mahnmal-Streit in bisweilen schmerzlichen Debatten nachgeholt. Trotzdem zeige das Beispiel Großburgwedel, "dass der Dialog zwischen den lokalen Kontrahenten und externen Experten zu einem guten Ergebnis führen kann", so Jens Christian Wagner, Leiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, in seinem Vorwort. Und dieses Ergebnis sei "mutig", befand der damalige Ministerpräsident David McAllister.

Was den Ortsrat wie ganz Großburgwedel während des Mahnmalstreits in zwei Lager spaltete, waren zwei Fragen: Wie so lange nach dem Krieg umgehen mit den SS-Mitgliedern unter den militärischen Toten? Und: Welche Opfergruppen gehören sonst noch ins örtliche Gedenken? Recherchen einer Geschichts-AG des Gymnasiums, die von einer Historikerin des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge begleitet wurde, förderten neue Erkenntnisse immer neue Verfolgungsopfer ans Tageslicht. Auch von den 28 an Unterernährung und Vernachlässigung gestorbenen Säuglingen, die ihren Müttern weggenommen worden waren, erfuhr die Großburgwedeler Öffentlichkeit erstmals.

Den anfänglichen Mahnmal-Entscheidungen des Ortsrates attestiert Gutte in seinem Buch einen "beschämenden Mangel an Empathie für die NS-Opfer". Dem damaligen Orts- wie auch dem früheren Stadtbürgermeister Hendrik Hoppenstedt hält er vor, erste Forschungsergebnisse über mögliche persönliche Verstrickungen von SS-Mitgliedern unter den gefallenen Soldaten dem Ortsrat im Sommer 2009 wochenlang vorenthalten zu haben. Es gehe ihm mit seinem Buch nicht um nachträgliche Schuldzuweisung, so Gutte, vielmehr: "Es war einfach notwendig, dass das geschrieben wurde."

Tiefpunkt in der Chronologie der Ereignisse war, als ein erstes Mahnmal, das mit prophylaktisch überklebten Namen von SS-Angehörigen im November 2009 eingeweiht wurde, Tage später mutwillig zerstört wurde. Das Bild eines Scherbenhaufens bot das zugrunde liegende Mahnmalkonzept aber schon vorher: Weltweit hatten sich jüdische Medien empört, dass ein deutsches Mahnmal Nazis würdige, während jüdische Opfer ignoriert würden. Tatsächlich hatten es die jüdischen Gemeinden Niedersachsen abgelehnt, dass jüdische Opfer auf einem Mahnmal mit potenziellen NS-Tätern aufgeführt werden.

Den Durchbruch brachte nach dem fälligen Neuanfang die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten. Historiker Habbo Knoch präsentierte das später umgesetzte Konzept mit verschiedenen Mahnmal-Ebenen für das Gedenken an die militärischen und zivilen Kriegstoten, die NS-Opfer sowie für Informationen über historische Hintergründe. Ein "aufrichtiger Lernort", findet Gutte.

Happy End? Nur bedingt. Der Manhnmal-Satz "Ob die Soldaten ... sich widersetzten, ob sie an Verbrechen beteiligt waren oder unbescholten blieben, ist für jeden Einzelnen zu fragen" führte dazu, dass sieben Großburgwedeler Familien die Namen ihrer gefallenen Angehörigen nicht auf einem "postmortalen Pranger" sehen wollten.

Daten zum Buch: „Vom Soldatenehrenmal zum Denkmal für alle Opfer des Nationalsozialismus – ein Lehrstück deutscher Erinnerungskultur“, Verlag Hentrich  &  Hentrich Berlin, ISBN 978-3-95565-179-4, 18 Euro.

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