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Umland Knapp 500 Asylbewerber haben 2018 die Region freiwillig verlassen
Umland Knapp 500 Asylbewerber haben 2018 die Region freiwillig verlassen
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00:16 15.01.2019
Knapp 500 Migranten haben 2018 freiwillig die Region Hannover verlassen. Hier ein Bild vom Flughafen Kassel aus dem Jahr 2016. Quelle: dpa
Hannover

Der Junge aus dem Irak ist 15 Jahre alt. Er reiste allein nach Deutschland, stellte einen Asylantrag, wie es mit den Eltern in seiner Heimat besprochen war, und das Kind durfte bleiben. Nun konnte er seine Familie nachholen, doch die Regeln des Familiennachzugs, auf den es ohnehin keinen Rechtsanspruch gibt, schränkten diese Möglichkeit ein. Der Sohn hätte seine Eltern zu sich in die Region Hannover holen dürfen, nicht aber seine Geschwister. Doch Mutter und Vater wollten ihre Kinder nicht im Irak zurücklassen. Sie forderten stattdessen ihren Sohn auf, nach Hause zu kommen.

Die Geschichte einer Rückreise erzählte in diesen Tagen Magdalena Kruse vom hannoverschen Raphaelswerk, einer Beratungsstelle der katholischen Kirche, die seit 1871 Auswanderern zur Seite steht. Der Junge aus dem Irak ist einer von 498 Migranten, die im zu Ende gehenden Jahr 2018 die Region Hannover verlassen haben und die in der Statistik unter „Freiwillige Ausreise“ geführt werden. „Da man die minderjährigen Geschwister selbstverständlich nicht alleine zurücklassen will, bleibt den Eltern nichts anderes übrig, als das Kind aus Deutschland zurückzuholen“, sagt Kruse zu dem Fall des 15-jährigen Jungen.

Das Kind ist ein Beispiel für eine Entwicklung, die Mitarbeiter im Raphaelswerk 2018 bei Flüchtlingen beobachtet haben. Es gibt mehr Anfragen von Syrern, die in ihre Heimat zurückwollen, weil sich zurückgelassene Frauen und Kinder weiterhin in Lebensgefahr befinden, während die Männer selbst sicher in Deutschland leben. So berichtet es Magdalena Kruse. „Aber auch Familien mit anerkanntem Asylantrag kehren zurück, da sie für sich keine Perspektive in Deutschland sehen.“ Berufe würden nicht anerkannt, Arbeitgeber lehnten Anstellungen wegen fehlender Deutschkenntnisse ab, Kinder würden in Schulen nicht genug gefördert, Schreiben vom Jobcenter nicht verstanden und finanzielle Hilfen „laufend gekürzt“. Kruse sagt: „So fällt Integration schwer.“

Doch sie warnt vor Fehlinterpretationen: „Wenn ein syrischer Familienvater sich für die Rückkehr nach Syrien entscheidet, um bei einer Familie zu leben, heißt es nicht, dass das Land ungefährlich ist, sondern er keine Alternative sieht.“ Das Raphaelswerk fordert von der Politik, auch behelfsmäßigen (subsidiären) Flüchtlingen den kompletten Familiennachzug zu erlauben. Der im Grundgesetz verankerte Schutz der Familie müsse auch für diese Menschen gelten.

Migranten, die Deutschland verlassen, bekommen meist finanzielle Hilfe aus unterschiedlichen Töpfen. Ein Beispiel: Entschließt sich ein irakischer Staatsbürger zur Rückkehr, erhält er aus dem größtenteils von der EU finanzierten Hilfsprogramm European Return and Reintegration Network (Errin) als Einzelperson bis zu 2000 Euro, eine Familie bis zu 3300 Euro. Bundesinnenministerium und Bundesländer finanzieren Starthilfen und Reisekosten, etwa für Flugtickets. Syrer müssen gegenwärtig auf Unterstützung verzichten: Weil das Land wegen des Kriegs derzeit als zu gefährlich gilt, werden weder Flüge noch Aufbauhilfen gezahlt.

Die Zahl der freiwilligen Ausreisen nimmt ab. Im vergangenen Jahr verließen noch 683 Menschen die Region Hannover, zu ihnen zählen nicht nur Flüchtlinge, sondern auch Menschen aus Nicht-EU-Ländern, darunter Georgier, Russen und Armenier. Entsprechend weniger Beratungen registriert das Raphaelswerk. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsbewegungen, 2016, suchten 832 potenzielle Rückkehrer Hilfe; 2018 waren es 310 Beratungen, etwas mehr als 2015, damals kamen 280 Menschen. Weniger Flüchtlinge im Land bedeuten weniger Rückkehrer, das ist die Erklärung des Raphaelwerks für geringere Nachfrage. Nach Daten der Internationalen Organisation für Migration, der auch Deutschland angehört, sind bis Ende Oktober 14.183 Menschen mithilfe von Rückkehrprogrammen aus Deutschland in ihre Heimatländer zurückgekehrt.

Von Gunnar Menkens

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