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Nachrichten Dezernentin Iris Metge legt nach fast 40 Jahren die Verantwortung ab
Umland Garbsen Nachrichten Dezernentin Iris Metge legt nach fast 40 Jahren die Verantwortung ab
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00:59 04.03.2018
Garbsens Sozial- und Schuldezernentin Iris Metge im Interview. Quelle: Markus Holz
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Garbsen

 Iris Metge spricht ungern über sich. Der Fokus einer Kamera ist ihr unangenehm. Das Wort "ich" kommt selten über die Lippen. Metge umschifft „ich“ mit „man“ und „wir“. „Alles ist die Leistung dieser starken Mannschaft“, sagt Metge. Dabei führt die Wahlbeamtin das größte und schwierigste Dezernat in der Stadtverwaltung. In ihren Aufgaben geht es immer um Menschen und um jene Herausforderungen, die sich selten allein mit Paragrafen bewältigen lassen, eher mit viel Herz und Persönlichkeit für den Raum zwischen den Paragrafen. Die Schul- und Sozialdezernentin hätte allen Grund, kurz vor der offiziellen Verabschiedung am Freitag, 2. März, sehr persönlich auf fast 40 Dienstjahre zurückzublicken. 

Aber sie blickt nach vorne, auf die letzte Arbeitswoche und auf das, was noch nicht fertig ist. Der Dienst geht nach der Verabschiedung weiter, die letzten Minuten beginnen am 7. März. Am Tag davor stellt sie das letzte Werk ihres Teams, den Masterplan Integration, öffentlich vor. „Bei letzten Minuten ist mein Kopf noch gar nicht angekommen. Wenn ich die Schlüssel und Unterlagen abgegeben habe, beginne ich, mich mit dem Loslassen von der großen Verantwortung zu beschäftigen, die ich für diese Stadt empfinde“, sagt sie, „vorher nicht.“

Seit August 1979 steht Iris Metge im Dienst der Stadt. Startrampe war das Sozialamt. Metge hat Garbsen intensiv über Menschen und ihre Probleme kennengelernt. Das hat ihr bis heute als Triebfeder gedient. 1986 wurde sie Sozialabteilungsleiterin, 1996 stellvertretende Leiterin des Sozialamtes. 2006 übertrug ihr Bürgermeister Wolfgang Galler das Hauptamt und damit alle organisatorischen Abläufe in der Stadtverwaltung. Das Zurück ins Soziale kam im August 2009, als der Erste Stadtrat Manfred Hanselmann in Pension ging. Metge wurde Schul- und Sozialdezernentin. „Ich wollte immer in einer Position arbeiten, in der ich etwas verändern kann.“ Ziel erreicht.

Sie kennt jede Kita und jede Schule. Sie hat prominente Besuche arrangiert und neue Netzwerke geschaffen: Iris Metge verlässt am 7. März den öffentlichen Dienst. Am Freitag, 2. März, wird sie verabschiedet. Wir haben fotografische Momente ihrer Arbeit gesammelt. 

Was war der wichtigste Moment ihrer Dienstzeit?

„Die einstimmige Wahl zur Schul und Sozialdezernentin. Das war die Kür meiner beruflichen Laufbahn und eine große Freude. Aber es gab viele besondere Momente: Zum Beispiel die Eröffnung der Bibliothek 2011. Es freut mich noch immer zu sehen, wie diese Einrichtung jetzt lebt. Ganz besonders herausfordernd war die Entwicklung der Betreuungs- und Bildungslandschaft. Nur als Beispiel: 2008 hatten wir 73 Krippenplätze, in zwei Jahren werden es 532 sein. In zehn Jahren hat die Stadt 1191 Krippen-, Kita- und Hortplätze geschaffen. Das ist eine erhebliche Größenordnung.“  

Garbsen betreibt keine einzige Kita selbst. Hat sich das bewährt?

„Ja, denn die Vielfalt der Kita-Träger bedeutet für die Eltern Vielfalt an pädagogischen Angeboten. Die Rückmeldungen sind sehr positiv.“

Zu Metges Erbe zählen unter anderem das Konzept und der Aufbau der Familienzentren an acht Standorten, die Online-Bewerbung über das Kita-Portal, mehrere Neubauten und eine einheitliche Sprachförderung in allen Kitas. Metge ging es nie nur um Plätze und Gebäude. Dafür ist die Stadt zuständig. Es ging ihr immer auch um Betreuungsqualität.

Wie kann es gelingen, dass Eltern aus Langenhagen oder Hannover einen Kitaplatz in Garbsen bekommen, weil sie hier arbeiten – um umgekehrt? 

„Es gibt eine Vereinbarung zwischen allen Kommunen in der Region, ein Kita-Swing-Modell umzusetzen. Es geht darum, dass beruftätige Eltern einen Kita-Platz am Berufsort in Anspruch nehmen können.  In der Vereinbarung steht aber, dass die Kommunen zu forderst ihren Eigenbedarf decken, allein das kostet ja schon große Anstrengungen. Das kann dazu führen, dass nicht jeder Betreuungswunsch zu erfüllen ist.“

Aber so etwas wie in eine Bedarfsumfrage in den Unternehmen gibt es nicht?

Wir sind immer wieder im Gespräch mit Firmen. Daraus hat sich aber erst ein Tagesmutter-Modell bei Laseroptik in Frielingen ergeben. Andere sind dem Beispiel aus unterschiedlichen Gründen bisher nicht gefolgt. Für die Studenten und Mitarbeiter am Campus bauen wir jetzt eine Kita, die je nach Bedarf auch Kinder aus Garbsen aufnehmen kann.“

Für Eltern, die täglich nach Garbsen oder Hannover einpendeln, ist das unbefriedigend...

„Das stimmt.“

...und liegt es nicht im Interesse der Stadt, neben Arbeits- auch Kita-Plätze anbieten zu können? Die Arbeitszeitmodelle werden ja immer flexibler, und Arbeitgeber erwarten Mobilität.

„Darum hören wir nicht auf, der Politik Möglichkeiten für neue Betreuungsplätze vorzuschlagen. Wir sind noch nicht Spitzenreiter und haben noch viel zu tun. Aber wir denken um: Früher sind wir davon ausgegangen, dass 35 Prozent der Kinder einen Kitaplatz nachfragen; jetzt legen wir unserer Planung 50 Prozent Nachfrage zu Grunde. Wir rechnen auch nicht mehr mit Tagesmüttern, weil das Modell nicht mehr gefragt ist. Den Bedarf wollen wir zu 100 Prozent in den Kitas decken.“  

Metges Zuständigkeitsbereich ist immens: Sie verantwortet die Kinderbetreuung und die Jugendarbeit, den Neubau und die Bewirtschaftung städtischer Immobilien, das Kulturangebot der Stadt inklusive Bücherei, Musikschule und Kulturhaus Kalle, die Unterbringung der Flüchtlinge, die Betreuung der Sportvereine, den Senioren- und Familienservice  und – als zuletzt dicksten Brocken – die Schulen.  

Als Metge 2009 einstieg, prasselten die Themen Ganztagsschule, Inklusion, Auflösung der Förderschulen, Gründung der beiden Oberschulen und aktuell die Brandschutzmängel in den drei Schulzentren auf ihren Tisch. Metge hat das getan, was sorgfältige Beamte tun, bevor sie Entscheidungen treffen: Bestand aufnehmen, Bedarf abfragen, Entwicklungspläne aufstellen. Darum sind Garbsens Daten bei diesen Themen weit besser sortiert, als in manch anderen Kommunen. Beim Bedarf an Schülerplätzen gibt’s keine Überraschungen. Dass einige Schulen aber nicht den Brandschutzauflagen genügen, hat Metge kalt erwischt. Die IGS wird zum Sanierungsfall. Bei der Gelegenheit haben Leiter anderer Schulen „entdeckt“, was bei ihnen baulich im Argen liegt. Besonders GSG-Leiter Volker Herholt hält sein Schulgebäude für nicht mehr zukunftsfähig. Metges Ansatz: Brandschutzmängel, Inklusionsauflagen und die Zukunftspläne der Schulen so weit wie möglich in einem Abwasch erledigen. „Wir müssen die Schulen fit machen für die Zukunft“, sagt Metge.

Was bedeutet fit für die Zukunft?

„Das bedeutet nicht nur inklusive Beschulung, sondern auch Digitalisierung der Schulen. Dafür bemühen wir uns um Geld aus dem Digitalpakt, den die Koalition in Berlin angekündigt hat. Das bedeutet generell: Wir schaffen Orte, an denen man gerne lernt.“ 

Dazu zählen erlebenswerte Schulhöfe?

„Dazu zählen auch die Schulhöfe, aber da sind wir ja dran.“

Wie könnte die Bildungslandschaft in zehn Jahren aussehen?

„Die Stadt hat mit dem Campus Maschinenbau, ihrer vielfältigen Schullandschaft, dem Campus Handwerk, der VHS, der Bildungs- und der Jugendberufsagentur ganz besondere Chancen. Garbsen kann Bildung vernetzt denken. Das ist eine Herausforderung. In zehn Jahren wünsche ich mir so eine vernetzte Bildungslandschaft mit sehr guten Übergängen von Kita zu Schule, von Schule zu Schule, von Schule zu Beruf und Hochschule – alles eng verzahnt, damit Stärken gefördert werden und Schwache nicht verloren gehen.“   

Metges „Kaugummi-Thema“ durch die gesamte Dezernentenzeit waren die Bäder: Was soll wann wie saniert werden? Braucht die Stadt zwei Hallenbäder? Das Hin und Her in Politik und Verwaltung endete im Dezember 2017 mit dem so genannten Bäderfrieden.

Sind Sie froh, dass das Thema vom Tisch ist?

„Das Thema ist befriedet. Ich habe damals intensiv den Entwurf von Venneberg & Zech für den Badepark begleitet. Dann kam die Idee Zentralbad. Das ist gescheitert. Jetzt stehen wir wieder am Punkt von damals.“

Wie bewerten Sie das Endergebnis? 

„Garbsen ist meiner Meinung nach mit einem Zentralbad gut aufgestellt und könnte damit alle Bedürfnisse abdecken. Aber so nüchtern ist es nicht: Es gibt die Geschichte zweier starker Stadtteile. Und wir haben eine Stadtmitte, die noch nicht gelebt wird. Deshalb war das Bad in der Mitte nicht zu vermitteln. Der Badepark ist eben sehr beliebt. Das hat zu der politischen Entscheidung geführt, wie wir sie jetzt haben.“

Viele Aufgaben bedeutet viele Termine. Der Kalender der letzten Dienstjahre war voll. Ab 8. März ist er leerer.

Was tut die so lange geforderte Dezernentin im Ruhestand? 

„Mein Kopf muss erstmal bei „Ruhestand“ ankommen. Ich werde mich der Freizeit widmen und vorerst sicher kein Ehrenamt übernehmen, obwohl ich das Ehrenamt sehr hoch schätze. Ich nehme erstmal ganz bewusst eine Auszeit und reise.“ 

Gibt es etwas, von dem Sie heute im Rückblick sagen: Das war falsch?

„Ein Betrachter von außen mag kritisieren, dass wir vielleicht andere Schwerpunkte hätten setzen müssen. Wir haben so viele Themen so intensiv begleitet und unser Gestaltungsspielraum war groß – ich habe mit diesem Spielraum nie gehadert, sondern mich gefreut über alles, was ich voranbringen konnte. Schwierig war für mich die Erkenntnis, dass wir für Flüchtlinge Notunterkünfte aufmachen mussten. Das hatte ich mir für die Menschen anders gewünscht. Letztlich ist die Unterbringung aber gelungen, weil uns Wohnungsgesellschaften mit Mietwohnungen und Investoren mit drei Gemeinschaftsunterkünften sehr geholfen haben, weil das ehrenamtliche Engagement hochgradig effektiv war und weil sich viele Institutionen eingebracht haben. Wir können nur so gut sein, wie die Summe der gesellschaftlichen Akteure in der Stadt.“

Herzlichen Dank und alles Gute.

Von Markus Holz

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