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Umland Garbsen Nachrichten So helfen Ehrenamtliche Flüchtlingen in Garbsen
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12:18 26.02.2018
Das leisten die Ehrenamtlichen in der Flüchtlingsarbeit Quelle: Collage HAZ
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Garbsen

 250 Adressen umfasst der E-Mail-Verteiler, an den Rebekka Hinze regelmäßig ihren Newsletter zur Flüchtlingsarbeit schickt. Sie informiert darüber, was geplant ist, was gebraucht wird, wo geholfen werden kann. Hinze leitet das Ökumenische Netzwerk „Willkommen“ und koordiniert den Unterstützerkreis von Ehrenamtlichen die sich im gesamten Garbsener Stadtgebiet engagieren – seit vielen Jahren schon.

Wichtigster Teil der Integration beginnt erst

„In der Bevölkerung könnte der Eindruck stehen, dass alles läuft, weil viel von der ehrenamtlichen Arbeit nicht sichtbar stattfindet“, sagt Hinze. Der wirklich anstrengende und zeitintensive Teil der Arbeit mit den Geflüchteten beginne allerdings jetzt erst: Es müssten Wohnungen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze gefunden werden. 50 aktive Helfer zählt Hinze derzeit – manche kämen zu den Netzwerkveranstaltungen, manche spendeten Kleidung, Möbel, Spielzeug, manche machten Angebote für Geflüchtete in den Unterkünften oder in Vereinen. „Nur weil kaum oder keine neuen Menschen mehr zu uns in die Stadt kommen, heißt es ja nicht, dass die 1.000 Menschen, die hier sind, keine Unterstützung mehr brauchen."

Masterplan will Zusammenarbeit der Ehrenamtlichen ausbauen

Zu diesem Ergebnis kommt auch der knapp 60 Seiten starke Masterplan Integration. „Das Engagement der Bürger ist neben der Beteiligung von Vereinen, Kirchen und Organisationen ein wichtiges Element“, sagt Sozialdezernentin Iris Metge und zählt dazu auch den Einsatz von Integrationslotsen und Mitgliedern des Projektes Neuland. Ziel sei es die Zusammenarbeit weiter auszubauen. Eine ganzer Maßnahmenkatalog ist diesem Themenbereich gewidmet.

Serie: „Integration in Garbsen“

9000 Menschen in Garbsen sind Zuwanderer. Sie kommen aus 100 Nationen. Einige sind während der Flüchtlingskrise 2014 in Garbsen gelandet, andere leben schon länger hier. Sind diese Menschen angekommen? Was lässt Integration gelingen? Diesen Fragen gehen wir in unserer Serie „Integration in Garbsen“ nach. Wir treffen Ehrenamtliche, Flüchtlinge, Vertreter aus Stadt und Politik und sprechen mit ihnen über Vielfalt, Teilhabe, Chancen und Herausforderungen. Teil 2: Das Engagement der Ehrenamtlichen.

 

Was weitgehend theoretisch im Masterplan festgehalten ist, spüren die Ehrenamtlichen bei ihrem regelmäßigen Zusammentreffen mit den Geflüchteten. Sie bekommen mit, welche Chancen der enge Kontakt mit den neu Zugezogenen bietet, sie spüren aber auch, was fehlt in der Stadt und noch zu tun ist. Die Aufgaben in der Integration würden sich ständig verändern, sagt Hinze. Abgeschlossen sei der Prozess aber nicht: „Man kann nie sagen, wir sind am Ziel.“ 

Engagement ist keine Dauerlösung

Als die ersten Flüchtlinge im Jahr 2015 nach Garbsen kamen sei es erst einmal wichtig gewesen Unterkünfte und Kleidung bereitzustellen, sagt Hinze. Jetzt gehe es um Wohnungen und die berufliche Integration. Dass Menschen, Verbände, Kirchen und Organisationen bei der Integration helfen und sich engagieren, sei aber keine Dauerlösung sein, auf die der Staat sich verlassen kann, sagt Hinze.

Sie verweist auf die „gleichberechtigte Teilhabe“, die der Begriff in sich trage. Die Arbeit der Ehrenamtlichen sei nicht nur ein Geben – vielmehr dienten der Einsatz beim Deutschlernen, im Alltag, bei Festen und in den Unterkünften dazu, den Menschen Chancen aufzuzeigen und Vorurteile abzubauen. „Der Masterplan ist ein weiterer, weitsichtiger Baustein auf dem Weg, dieses Miteinander gemeinsam mit allen Akteuren nachhaltig zu erreichen“, findet Hinze. Und doch weiß sie auch: „Wir werden einen langen Atem brauchen.“

„Es kommt viel zurück“

Im Spätsommer 2015 fanden sich engagierte Frauen im Gemeindehaus in Horst zum Nähen zusammen. „Angelehnt an ein Schweizer Projekt wollten wir für die Flüchtlingskinder Kuscheldecken nähen“, sagt Petra Welzel, eine der Initiatorinnen. Irgendwann ebbte der Bedarf an Decken ab, doch die Gruppe trifft sich nach wie vor alle zwei Wochen zum gemeinsamen Arbeiten an der Nähmaschine. Sie erstellen Decken, Taschen und Topflappen und verkaufen sie beim Adventsmarkt und anderen Anlässen. War das Projekt zunächst als Geste für die ankommenden Menschen gedacht, nähen heute deutsche und syrische Frauen Seite an Seite – darunter eine Designerin aus Damaskus. „Wir empfinden die Zusammenarbeit als große Bereicherung“, sagt Welzel. Aus den Begegnungen in der Horster Nähstube sind Freundschaften entstanden: Welzel hilft bei Umzügen, renoviert Wohnungen, sucht nach Möbeln und Geschirr. Trotzdem will sie den Frauen ihre Hilfe nicht überstülpen. „Man muss eine Balance finden, damit die Menschen sich auch alleine zurechtfinden.“ Es gehe vor allem um das Zwischenmenschliche und das gemeinsame Erleben, sagt sie: „Es kommt viel zurück.“ ton

"Zusammenarbeit ist eine große Bereicherung": Petra Welzel (links) erklärt Jihan Haji die Schnittmuster. Quelle: Linda Tonn

„Eine Verbindung zwischen Menschen herstellen“

„Integration funktioniert nicht von allein,“, sagt Evelyn Schröder. Seit 2015 die Flüchtlinge nach Garbsen kamen, engagiert sich die 58-jährige als ehrenamtliche Deutschlehrerin. An zwei Tagen in der Woche kommt Schröder in die Flüchtlingsunterkunft in Frielingen und übt mit einer Gruppe von acht Frauen, wie man sich begrüßt, welche deutschen Worte beim Einkaufen wichtig sind und wie Alltagssituationen bewältigt werden können. Es ist bereits ihr dritter Kurs. Schröder möchte die Menschen vor allem einbinden – das werde gerade bei den Frauen, die alleine in den Unterkünften bleiben, oft vergessen, sagt sie. „Keine große Sache“, nennt die Frielingerin ihren Einsatz. „Am wichtigsten ist es mir, eine Verbindung zwischen den Garbsenern und Flüchtlingen herzustellen.“ Denn das fehle häufig immer noch. Schröder teilt sich den Unterricht mit Elke Steg, die sie bei einer ersten Informationsveranstaltung kennengelernt hat. Spontan beschlossen die beiden Frauen den Kurs gemeinsam anzubieten. „Ich wollte die Menschen kennenlernen und Vorurteile überwinden“, sagt Steg: „Und mit Sprache kenne ich mich aus.“ Der regelmäßige Kurs soll für dir Frauen eine Möglichkeit sein, rauszukommen und zu erfahren, wie man in Deutschland lebt. Langfristig sei das auch die Aufgabe der Ehrenamtlichen, finden die beiden Lehrerinnen. Und dennoch wissen sie auch, dass ihr Engagement nur punktuell ist. ton

Lernten sich beim Deutschkurs kennen: Elke Steg (links) und Evelyn Schröder (Zweite von rechts) Quelle: Anke Lütjens

„Kommunizieren auf Augenhöhe“

Für Angela Thimian-Milz passte vieles im Sommer 2015: Sie ging in den Ruhestand und Menschen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak kamen nach Garbsen. „Ich hatte die Zeit und wollte helfen“, erzählt sie. Sie wurde zunächst Patin für einen Syrer aus Aleppo, der mit seinem Sohn in der Unterkunft in Frielingen wohnte. Gemeinsam erledigen sie Arztbesuche, die Garbsenerin hilft bei der Suche nach Deutschkursen und Terminen beim Jobcenter. Im Januar 2016 kam die Ehefrau mit den beiden jüngeren Kindern (damals 17 und 13 Jahre) nach. „Die Kommunikation war schwierig“, sagt Thimian-Milz. Vieles habe am Anfang weder auf Deutsch noch auf Englisch geklappt. Doch mit der Zeit hat sich eine Freundschaft zu der Familie entwickelt. Regelmäßig treffen sie sich zum gemeinsamen Kochen und Spielen. Thimian-Milz versteht ihr Engagement als „Hilfe zur Selbsthilfe“, wie sie sagt. Dadurch, dass sie auch die Frauen in der syrischen Familie überall mit hinnehme, kämen Prozesse in Gang. „Zum Beispiel möchte die Mutter jetzt Fahrradfahren lernen.“ Die Familie sei dankbar dafür, in Deutschland zu sein. „Ich habe das Gefühl, sie sind angekommen“, sagt Thimian-Milz. Allerdings sei es wichtig, immer auf Augenhöhe miteinander zu kommunizieren. Nur so könne man voneinander lernen – und das sei ein entscheidender Faktor bei der Integration. ton

Patin für eine syrische Familie: Angela Thimian-Milz Quelle: Linda Tonn

Von Linda Tonn

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