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Garbsen Berenbosteler Familie kämpft um Cousine aus Kanada
Umland Garbsen Berenbosteler Familie kämpft um Cousine aus Kanada
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11:56 10.01.2019
"Wir kämpfen für sie": Heike Stucke (links) und ihr Sohn Oliver wollen, dass Mary Ann Alderton (Mitte) in Berenbostel bleibt. Quelle: Linda Tonn
Berenbostel

Dass einem die Zeit davonläuft, ist schnell gesagt. Wie es sich tatsächlich anfühlen muss, ist in diesen Tagen im Esszimmer der Familie Stucke in Berenbostel zu spüren. Am Tisch sitzt Mary Ann Alderton, eine 55-jährige Frau, in deren Gesicht abzulesen ist, dass sie derzeit wenig Schlaf findet. Vor sich hat sie einen Stapel Papier – ihren kanadischen Pass, den deutschen Führerschein, die Geburtsurkunde, Schreiben vom Jobcenter, von verschiedenen Ämtern und irgendwo dazwischen auch ein Brief der Ausländerbehörde der Region Hannover: „Der Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltsgenehmigung ist abgelehnt“. Alderton muss Deutschland bis zum 13. Januar verlassen.

„Das ist das Ungerechteste auf der Welt“, sagt Heike Stucke. Die 63-jährige Berenbostelerin ist Aldertons Cousine, bei ihr lebt die Kanadierin seit sie im Herbst 2016 nach Deutschland kam – mit der Absicht, hier zu leben und zu arbeiten. Hunderte Dokumente hat Stucke zu verschiedenen Behörden gebracht, Formulare ausgefüllt, Telefonate geführt. Das soll nicht umsonst gewesen sein. „Wir kämpfen für Mary Ann“, sagt Stucke. „Sie hat hier ein Zuhause, wir finanzieren sie. Sie verlangt doch nichts vom Staat. Sie will doch nur bei ihrer Familie bleiben.“ Ein Anwalt hat Einspruch gegen die geforderte Ausreise eingelegt, die Familie hat eine Online-Petition ins Leben gerufen, um für die Cousine zu kämpfen. „Die Zeit läuft uns weg“, sagt Oliver Stucke, der Sohn von Heike Stucke.

Kompliziertes Verfahren

Aldertons Geschichte zeigt, wie kompliziert – und teilweise undurchsichtig – es für Menschen sein kann, nach Deutschland zu kommen und hier zu leben. „Mary Ann will doch nur deutsche Luft atmen“, sagt Oliver Stucke schlicht. Die Ausländerbehörde dagegen fordert Papiere, eine Arbeit, finanzielle Sicherheit. Im Oktober 2016 war die Kanadierin, deren Vater ein nach Kanada ausgewanderter Deutscher und deren Mutter eine Deutsche ist, nach Garbsen gekommen. „Ich wollte näher bei meiner Familie sein“, erzählt sie. „Alle meine Verwandten sind in Deutschland. Heikes Mutter ist meine Tante.“ Dazu kommen Onkels und Cousinen in Süddeutschland. Ihre beiden Söhne blieben allerdings in Kanada.

Man könne alles vor Ort regeln, habe ihr die deutsche Botschaft in Kanada vermittelt – mit diesem Gefühl kam Alderton in Garbsen an und beantragte zunächst ein Touristen-Visum. „Wir haben für sie einen Job als Kurierfahrerin besorgt“, erzählt Oliver Stucke. Mit der Bescheinigung wollte sie eine Aufenthaltserlaubnis beantragen. Doch die Agentur für Arbeit, die zustimmen musste, lehnte den Antrag ab. Andere Arbeitnehmer aus Deutschland und der EU müssten bevorzugt werden, lautete die Aussage. „Heute wissen wir, dass wir dagegen Einspruch hätten einlegen können“, sagt Stucke. Damals sah sich die Familie nach einem anderen Weg um.

Deutsche Staatsbürgerin?

Hatte sie mit einem deutschen Vater und einer deutschen Mutter nicht auch Anspruch auf die deutsche Staatsbürgerschaft? „Wir konnten alles nachweisen, haben sogar die Geburtsurkunde des Vaters in einem Berliner Standesamt gefunden“, sagt Heike Stucke. Dabei wusste die Familie nicht, dass der Vater bei der Geburt der Tochter Mary Ann 1963 bereits die kanadische Staatsbürgerschaft angenommen hatte. Das wurde ihr – mehr als 50 Jahre später – zum Verhängnis. „Einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts zufolge konnten zum Zeitpunkt der Geburt von Mary Ann Alderton Kinder, deren Eltern miteinander verheiratet waren, die deutsche Staatsangehörigkeit nur vom Vater ableiten“, erklärt Carmen Pförtner von der Region Hannover. „Das kann ich nicht verstehen“, sagt Oliver Stucke. „Eine Mutter ist doch nicht weniger wert.“

Wer kann eingebürgert werden?

In Garbsen leben Menschen aus 111 Nationen, 9.508 Einwohner haben keine deutsche Staatsangehörigkeit. Zuständig für die Einbürgerung ist die Ausländerbehörde der Region Hannover. Wer deutscher Staatsbürger werden will, muss seit acht Jahren in Deutschland leben, einen gültigen Aufenthaltstitel vorweisen, einen Einbürgerungstest absolvieren und nachweisen, dass er gut Deutsch spricht. Zudem muss er belegen können, dass er seinen Lebensunterhalt eigenständig bestreiten kann. „Um eine Aufenthaltserlaubnis zu erlangen, muss ein Aufenthaltszweck nachgewiesen werden“, erklärt Carmen Pförtner von der Region Hannover. Das wären beispielsweise eine Ausbildung, eine Beschäftigung, völkerrechtliche Gründe und familiäre Gründe, wie eine Familienzusammenführung. ton

Das einzige, was die 55-jährige Kanadierin derzeit in der Hand hat, ist ihre Fiktionsbescheinigung – eine kleine grün-rote Karte, die ein vorläufiges Aufenthaltsrecht gewährt. Neunmal hat sie diese bei der Ausländerbehörde verlängern lassen, mal für drei Monate, einmal sogar für sechs Monate. „Gesprochen hat mit uns bei diesen Terminen niemand“, berichtet Heike Stucke. „Und geholfen auch nicht.“ Auf eigene Kosten hat ihre Cousine einen Deutschkurs belegt, die Prüfung steht kurz bevor – für die Einbürgerung. Das ist derzeit die letzte Chance der Familie. „Unser Anwalt ist sich sicher, dass das 100-prozentig klappen wird“, sagt Oliver Stucke. „Wir brauchen doch nur sechs Wochen Zeit.“ In den vergangenen Wochen hat Stucke Gesetzestexte gewälzt und Informationen gesammelt. Mit gelbem Stift hat er Passagen markiert. In seinen Augen ist das Ganze ein „Skandal“.

„Frau Alderton erfüllt die Voraussetzungen für eine Einbürgerung nicht“, lautet dagegen die Antwort von der Region Hannover. Eine Einbürgerung sei nicht erfolgsversprechend. Allerdings sei bei der Bearbeitung des Antrags teilweise die Zuständigkeit strittig gewesen, räumt man bei der Region ein. „Nach Auffassung der Region Hannover liegt die Zuständigkeit beim Bundesverwaltungsamt.“ Das allerdings sieht die Region – wegen des aktuellen Wohnsitzes – zuständig. Um der Kanadierin eine geordnete Ausreise zu ermöglichen, habe man die längstmögliche Frist von 30 Tagen für die Ausreise bestimmt, so Pförtner. Doch will sich die Familie nicht zufrieden geben. „Wir haben alles getan, alle Dokumente gebracht, nachgewiesen, dass wir finanziell sorgen können. Warum werden uns Steine in den Weg gelegt?“, fragt Heike Stucke, die seit Kindertagen ein enges Verhältnis zu ihrer Cousine hat. Mary Ann könne in Berenbostel wohnen, sei integriert in die Nachbarschaft, gemeinsam gehe man zum Poker. „Warum wird jemand weggeschickt, der einfach nur bei seiner Familie sein will?“, fragt Oliver Stucke. Eine Antwort darauf kann er nicht finden. Alderton könnte über die deutsche Botschaft in Kanada die Einbürgerung beantragen. Doch das kann dauern.

Von Linda Tonn

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