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00:40 03.03.2018
"Mit meiner Größe überragte ich die Nordkoreaner", sagt Christian Stegen, der hier vor dem Mansudae Denkmal mit den beiden bronzenen Statuen von Kim Il Sung und Kim Jong Il steht. Quelle: Privat
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Leveste

 Skurril: 50 einheitlich gekleidete Frauen schwenken am frühen Morgen Fahnen – eine Zeremonie zur Motivation der vorbeigehenden Arbeiter. Ungewohnt: Jeden Morgen um 5 Uhr dröhnt die Nationalhymne in enormer Lautstärke. Unbekannt: Die U-Bahnen sind ausrangierte Modelle aus Berlin. Pflicht: Vor dem Besuch des Mansudae-Denkmals müssen auch Touristen für 5 Euro einen gebundenen Strauß Blumen kaufen. Gespenstisch: Auf den großen vierspurigen Straßen sind kaum Autos unterwegs. Bedrückend: Überall ist Militär. Imposant: Die Monumentalbauten wie der Triumphbogen oder die filigranen Bronze-Statuen. Scharf: Kimchi – eingelegten Chinakohl. „Danach ist man munter“, sagt Christian Stegen.

Der Levester hat viel zu erzählen. Der 42-jährige Ortsbrandmeister hat ein Land besucht, in das bislang nur wenige Deutsche gekommen sind: Nordkorea. „Anfangs war ich etwas unschlüssig“, gibt er zu. Doch gleichzeitig faszinierte ihn die Idee, ein Land zu bereisen, das kaum jemand kennt. Und Stegen ist ehrlich: Vieles von dem, was er im Vorfeld recherchiert und gelesen habe, habe der Realität entsprochen. So durfte sich die Reisegruppe nicht ohne ihr zur Seite gestellten Begleiter bewegen. „Individualtouristen sind nicht erlaubt“, sagt Stegen. Die Begleiter hätten penibel darauf geachtet, dass kein Mitglied der Reisegruppe das Hotel verlässt und ihnen auch gesagt, was erlaubt sei und was nicht. „Es war nicht immer nachvollziehbar“, sagt Stegen. Das Programm werde exakt vorgegeben. In Kontakt mit den Einheimischen sei er nicht gekommen. „Allein schon wegen der Sprachbarriere.“ 

Eine vierspurige Straße und keine Autos: Der imposante Triumphbogen erinnert an den Koreakrieg. Quelle: Privat

Besonders die Gegensätze in dem Land seien beängstigend gewesen. Auf der einen Seite gebe es Protz und Prunk, auf der anderen Seite herrsche bittere Armut. „Allerdings haben wir die Armutsviertel nicht zu Gesicht bekommen“, sagt Stegen. Lediglich bei den Busfahrten über Land konnte man erahnen, wie hart das Leben für die Nordkoreaner sei. Die Bevölkerung habe oftmals keinen elektrischen Strom, aber Statuen und Bilder der Staatsführung sowie Monumentalbauten würden die ganze Nacht strahlend hell beleuchtet. „Wir haben Supermärkte besucht, die riesig waren, jedoch war keine einzige Person dort zum Einkaufen“, erzählt der Levester. Die Preise seien schlicht zu hoch. Andererseits habe er noch nie so viele akkurat gekleidete Menschen gesehen. Und: Die Hauptstadt Pyoenyang sei die sauberste Stadt, in der er bislang gewesen sei. 

U-Bahnstation in Pjöngjang. Die Wagen stammen aus Berlin. Quelle: Stegen

Dennoch war Stegen beeindruckt. Vor allem von den Monumenalbauten. „Es ist Wahnsinn, was errichtet worden ist.“ Besonders der ehemalige Präsidentenpalast habe ihm imponiert. Im Kumsusan-Gedenkpalast werden im Mausoleum in Glassärgen die einbalsamierten Leichname von Kim Il Sung und Kim Jong Il aufbewahrt. „So befremdend und unwirklich es eigentlich war, so faszinierend und unglaublich war es aber auch“, gesteht Stegen. Der Personenkult kenne offenbar keine Grenzen und Geld spiele in diesem Zusammenhang keine Rolle.

Blick auf den Kumsusan-Gedenkpalast, wo die beiden Kims aufgebahrt sind. Quelle: Privat

Zum perfekt organisierten Programm gehörte auch der Besuch einer Elite-Schule.  Die Gruppe sei in einen großen Theatersaal geführt worden, in dem etwa 100 Kinder in ihren Schüleruniformen saßen. „Es war gespenstisch. Niemand hat gesprochen. Nicht mal geflüstert. Alle starrten uns nur an“, erinnert sich Stegen. Nachdem alle Besucher ihre Plätze eingenommen hatten, führten die Kinder ein Musical auf. „Es war absolute Spitze und gleichzeitig beängstigend professionell“, meint Stegen.

Auf dem ersten Blick nicht zu erkennen: die Autobahn nach Kaesong zur Grenze nach Südkorea. Quelle: Stegen

Auch an die koreanische Grenze führt eine Tagesreise, nach Panmunjom in die entmilitarisierten Zone. Dort werde mit einer irren Lautstärke der Süden beschallt – Propaganda. An einer Stelle waren es nur noch acht Meter bis Südkorea. „Man könnte im Prinzip kurz durchsprinten, wenn nicht zwei bewaffnete Nordkoreaner genau diese Tür bewachen würden“, berichtet Stegen.

In der entmilitarisierten Zone mit Blick auf Südkorea und dazugehörigen Grenzsoldaten. Quelle: Stegen

Über den nordkoreanischen Staatschef Kim Jong Un hat Stegen nur wenig erfahren. „Angeblich weiß niemand, wo er wohnt beziehungsweise lebt“, sagt Stegen. Auf die Frage eines Mitreisenden, ob die Gruppe denn auch an dem Haus von Kim Jong Un vorbei fahren werde, antwortete der Reiseführer schroff. Niemand wüsste, wo der „geliebte Führer“ wohne. Damit sei das Gespräch auch sofort wieder beendet gewesen, berichtet Stegen.

Und würde er die Reise wiederholen? „Ja“, sagt Stegen. Auch wenn er zugibt: „ Vieles erschien mir surreal und vollkommen absurd, wie eine makabre Satire.“

Rund 500 Fotos hat Christian Stegen gemacht. Einen Großteil davon zeigt der 42-Jährige am Sonntag, 4. März“ unter dem Titel „Mein Besuch im isoliertesten Land der Welt“ im Gasthaus Behnsen. Beginn ist um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Von Dirk Wirausky

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