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Umland „Sind von der Flut in die Glut gekommen“
Umland „Sind von der Flut in die Glut gekommen“
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06:00 29.09.2018
Landwirt Volker Hahn. Quelle: Dirk von Werder
Hannover

Das Jahr 2018 war bisher geprägt von Trockenheit und Hitze – keine guten Voraussetzungen für die heimische Landwirtschaft. Getreide musste notreif geerntet werden, Heu wird zur Mangelware. Vor dem Erntefest des Verbandes Landvolk Hannover spricht Volker Hahn, Landwirt und Vorstandsvorsitzender des Landvolk Hannover, zieht Bilanz.

Ein „Jahrhundertsommer“ liegt hinter uns, Welche Folgen hat er für die Landwirtschaft?

Wir hatten über Monate eine extreme Wetterlage mit großer Hitze und ausgeprägter Trockenheit. Das hat sich auf den Feldern heftig ausgewirkt, mit Ertragseinbußen, die bei einzelnen Landwirten auch totale Ernteausfälle verursachten.

Gibt es besonders stark betroffene Höfe?

Ein „Ranking“ fällt hier schwer. Viele Ackerbauern auf den leichten Böden nördlich des Mittellandkanals haben versucht, über die Feldberegnung die Verluste zu begrenzen. Das erfordert einen hohen Arbeitseinsatz und verursacht erhebliche Kosten. Von Getreide über Mais, Zuckerrüben bis zu Kartoffeln und Gemüse haben wir deutliche Ertragseinbußen, bei konventionellen und Ökohöfen gleichermaßen. Auch auf den Wiesen ist viel zu wenig Futter gewachsen, das werden die Tierhalter erst zum Winterausgang bemerken, wenn die Vorräte vielleicht zu früh zur Neige gehen. Die Ertragsdepressionen erreichen über 50% auf den leichten Böden in der Wedemark. In der Calenberger Börde liegen die Erträge 10-20% unter dem Normaljahr. Und schließlich leiden auch die Waldbauern massiv unter Sturmschäden, Trockenheit und Käferbefall.

Können die Landwirte unter dieses Ausnahmejahr jetzt einen „Schlussstrich“ ziehen?

Definitiv nein, die Verluste belasten unsere Bilanzen, das ganze Ausmaß wird sich erst in den Jahresabschlüssen im kommenden Jahr zeigen (Anmerkung der Redaktion: Das landwirtschaftliche Wirtschaftsjahr datiert vom 1.7. bis zum 30.6.) und erhebliche Auswirkungen auf die Investitionstätigkeit haben. Auch auf unseren Feldern werden wir die Folgen noch lange spüren. Wegen der Trockenheit haben wir bei der Herbstbestellung vieles umstellen müssen.

Ist 2018 für die Landwirte ein Ausreißerjahr?

In Punkto Trockenheit ja, aber das Jahr zuvor hat uns mit zu viel Regen leider das Gegenteil beschert, wir sind von der Flut in die Glut gekommen! Jeder Gartenbesitzer kann nachvollziehen, dass regelmäßige Niederschläge und ein gewisses Maß an Sonne und Wärme wichtig sind. Außerdem müssen wir Landwirte die Märkte sehr genau beobachten. Und dort haben sich leider die Preise selten so entwickelt, wie wir es uns erhofft haben.

Und wie sehen die Märkte aktuell aus: Gut für Bauern, schlecht für Verbraucher?

Hier dürfte eher das Gegenteil zutreffen: Unsere Märkte sind global gesteuert, das ist von der Politik so gewollt, wir Landwirte müssen uns darauf einzustellen. Getreide, das aus eigener Erzeugung fehlt, wird aus anderen Anbauregionen importiert. Die Erzeugerpreise sind leicht gestiegen, aber das Plus gleicht den höheren Aufwand und die Mindererträge nicht aus. Der Verbraucher merkt von den Wetterkapriolen wenig. Vor 100 Jahren allerdings hätten Ernten wie 2018 oder 2017 noch bittere Hungersnöte verursacht.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat Hilfen für die Landwirte angekündigt, profitieren davon auch die Bauern in der Region?

Die Kriterien für die Vergabe dieser Hilfen werden noch diskutiert. Sie werden hoffentlich den Kollegen helfen können, die in ihrer Existenz bedroht sind. Landwirte setzen eher auf Selbsthilfe. Nach einer ganzen Reihe schwieriger Jahre – witterungsbedingt und aufgrund niedriger Preise - fehlen jedoch jetzt auf vielen Höfen liquide Mittel.

Wetter und Markt sind zwei Einflussfaktoren, wie bewerten Sie das politische Umfeld?

Die Landwirtschaft wird mit vielen neuen Richtlinien und Vorschriften konfrontiert. In der Theorie mögen sich markige Forderungen gut anhören, aber selten gibt es nur eine schwarz-weiss Antwort. Ich wünsche mir in aufgeheizten Stimmungslagen eine intensivere Diskussion. Aktuell wissen unsere sauenhaltenden Betriebe nicht, wie sie nach dem Ausstieg aus der betäubungslosen Kastration ab 1. Januar ihre Ferkel großziehen sollen. Die Politiker haben versäumt, für praxisgerechte Alternativen zu sorgen. Die Existenz ganzer Familienbetriebe hängt an solchen Entscheidungen. Wir benötigen einen stärkeren Austausch untereinander und die Zusammenarbeit an Lösungen, die von Politik, Gesellschaft und Landwirtschaft akzeptiert und umgesetzt werden können.

Am 30. September lädt das Landvolk Hannover zum Erntefest ein. Was wollen Sie dort ihren Gästen vermitteln?

Ganz wichtig sind uns Dialog und Austausch. Verbraucher hinterfragen immer wieder, wie Nahrungsmittel erzeugt werden, wo sie herkommen. Auf diese Fragen geben wir Antworten. Wir wollen erklären, warum ein Landwirt auf Düngung oder Pflanzenschutz nicht verzichten kann. Ich bin überzeugt, dass es uns Landwirten gut tut, Verbraucher zu verstehen. Ich wünsche mir im Gegenzug von „dem Verbraucher“ gelegentlich auch etwas Verständnis und Wertschätzung für die Landwirtschaft. In der Region Hannover haben viele Menschen ihren Lebensmittelpunkt im ländlichen Umfeld, wo sie wohnen. Das Dorf darf aber nicht nur Kulisse oder Schlafstätte sein, für Bauern ist es ein Wirtschaftsraum, in dem sie leben, arbeiten und somit auch die Kulturlandschaft pflegen und erhalten.

Am Sonntag, 30. September, veranstaltet das Landvolk Hannover sein Regionserntefest, diesmal auf dem Hof von Familie Baumgarte in Vinnhorst (Heinescher Hof 4). Das Erntefest beginnt um 10 Uhr mit einem Gottesdienst, ab 11 Uhr startet ein buntes Programm. Parallel dazu findet das Kreisleistungspflügen ab 12 Uhr statt. Weitere Informationen unter: www.landvolk-hannover.de

Von Patrick Stein

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