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00:22 01.06.2018
Charlotte Geib in der winterlichen Natur in der Nähe von Kara-Baltas im Dezember 2017. Quelle: Privat
Hiddestorf

Seit inzwischen sieben Monaten lebt und arbeitet die Hiddestorferin Charlotte Geib in Bischkek, der Hauptstadt von Kirgisistan(auch Kirgistan oder Kirgisien genannt). Nach ihrem Abitur in Hannover hatte sich die 19-jährige zu einem einjährigen Freiwilligendienst mit „weltwärts“ entschlossen. Dies ist ein entwicklungspolitischer Freiwilligendienst, der zu großen Teilen vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finanziert wird. Im Gespräch mit dieser Zeitung berichtet sie von ihren Erfahrungen des ersten Halbjahres.

Frau Geib, Kirgisistan ist für viele Leser ein Buch mit sieben Siegeln, irgendwo in Asien. Geben Sie uns bitte ein paar nähere Informationen.

Charlotte Geib: Kirgisistan ist zentralasiatischer Binnenstaat zwischen Kasachstan, Usbekistan, Tadschikistan und China, westlich des Himalayas und nördlich von Indien. Rund 5,5 Millionen Einwohner zählt das Land, das etwas mehr als halb so groß wie Deutschland ist. Ungefähr 937.000 Menschen davon leben in der Hauptstadt Bischkek, in rund 800 Meter Höhenlage, im Hochgebirge des Tianshans.

Und was sind dort Ihre Aufgaben?

Charlotte Geib: Ich arbeite im Zentr reabilitazii detei i molodjoshi, einem Heim für Straßen- und Waisenkinder. Das ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt meines Aufenthaltes. Dort leben zurzeit etwa 80 Kinder und Jugendliche zwischen 2 und 20 Jahren. Das Heim ist staatlich finanziert und in vergleichsweise gutem Zustand. Die Betreuung, Verwaltung, ärztliche Versorgung vor Ort und vier Mahlzeiten am Tag, zubereitet durch ein Küchenpersonal, können gedeckt werden. Darüber hinaus fehlen allerdings die Mittel, den Kindern eine geregelte und konstruktive Freizeitgestaltung zu bieten.

Hier greifen meine Mitfreiwillige und ich ein. Wir basteln, malen und spielen mit den Kindern, helfen aber auch bei den Hausaufgaben und geben bei Interesse Englisch- und Deutschunterricht. Vor allem aber bauen wir eine Beziehung zu den einzelnen Kindern und Jugendlichen auf. So weiß ich, dass Arthur es liebt, zu zeichnen, und dass Ayana oft Hilfe bei den Mathematikhausaufgaben braucht. Wir geben den Kindern Raum, sie selbst zu sein und versuchen, auf individuelle Interessen einzugehen. Jeder Tag im Heim ist einzigartig, und genau das liebe ich an meiner Arbeit dort.

Gefällt Ihnen Kirgisistan auch als Land?

Charlotte Geib: Seit meiner Ankunft im vergangenen August habe ich mich in das Land, seine Kultur, seine Sprachen, seine Natur und seine Menschen verliebt. Kirgisistan ist mir ein zweites Zuhause geworden. Eine große Herausforderung war vor allem anfangs die Sprachbarriere. Bei meiner Ankunft sprach ich kaum ein Wort Russisch oder Kirgisisch. Inzwischen kann ich Russisch, was auf meiner Arbeit fast ausschließlich gesprochen wird, relativ gut verstehen und mich einigermaßen ausdrücken. Auf Kirgisisch kann ich leider immer noch nur ein paar vereinzelte Wörter, obwohl ich die Sprache unglaublich schön finde. Was ich von diesem Jahr definitiv mitnehme ist, dass man sich immer irgendwie mit Händen und Füßen und Wortfetzen verständigen kann, wenn man nur will. Außerdem werde ich die Vokabeln für „Schere“, „Kleber“ oder „Spielen“ wohl nie wieder vergessen.

Ins Herz geschlossen habe ich neben den Kindern im Heim und der Sprache aber auch die Kultur. Zu jedem Feiertag wird im Heim ein Programm auf die Beine gestellt und in ziemlich allen Städten und Dörfern gibt es öffentliche Veranstaltungen, an denen man teilnehmen kann. Nur ein paar Tage nach meiner Ankunft habe ich zum Beispiel die Live-Musik und das Feuerwerk am Tag der Unabhängigkeit am 31. August auf dem Ala-Too Platz hier in Bischkek genießen können.

Gab es auch so etwas wie ein Osterfest?

Charlotte Geib: Von Ostern habe ich hier nicht sonderlich viel mitbekommen. Ein Großteil der kirgisischen Bevölkerung ist muslimisch und die russisch-orthodoxen Christen, die etwa 15 Prozent der Bevölkerung ausmachen, haben ihr Osterfest am letzten Wochenende, am 8. April, gefeiert. Ein wichtiger Feiertag, der den Anfang des Frühlings und den Beginn eines neuen Erntejahres markiert, ist stattdessen Nouruz. Es ist auch als persisches oder iranisches Neujahr bekannt und wird vor allem im iranischen Kulturraum, aber auch in Zentralasien und im Kaukasus gefeiert. Ich hatte das Glück, Nouruz gemeinsam mit Freunden in einem kleinen Dorf, das etwa eine Stunde außerhalb Bischkeks liegt, feiern zu können. Vom traditionellen Kochen des Sömülöks (eine Art Brei aus Weizen) am Vorabend, über die traditionellen Tänze, die Live-Musik und Spiele am eigentlichen Festtag, bis hin zum traditionellen Festessen habe ich den Feiertag von Anfang bis Ende miterleben dürfen.

Charlotte Geib verbringt einen Freiwilligendienst in Zentralasien.

Würden Sie Kirgisistan als Reiseland weiterempfehlen?

Charlotte Geib: Unbedingt! Nicht ohne Grund wird Kirgistan auch als „Schweiz Zentralasiens“ bezeichnet. Die Natur ist nicht nur wunderschön, sondern auch facettenreich. Neben Bergseen und Gipfeln, die teilweise über 7000 Meter hoch sind, beherbergt Kirgistan auch die größten Walnusswälder der Welt. Außerdem ist die kirgisische Gastfreundschaft ein wunderschönes Erlebnis und übersteigt alles, was ich bisher erleben durfte. Selbst als komplett fremde Person bekommt man in der Regel immer irgendwo einen Platz zum Schlafen, eine warme Mahlzeit und ein paar Tassen Tee angeboten.

Können sich interessierte Leser irgendwo mehr über Kirgisistan und Ihre persönliche Arbeit dort informieren?

Charlotte Geib: Mehr über meine Zeit hier in Kirgisistan, Nouruz, die Natur und natürlich meine Arbeit als Freiwillige gibt es in meinem Blog unter www.alettertotheworld.org zu lesen. Sollte es den Wunsch geben, das Heim oder unsere Arbeit als Freiwillige mit Spenden zu unterstützen oder sollten Leser einfach Fragen haben, können diese mich gerne jederzeit über das Kontaktformular in meinem Blog erreichen.

Von Torsten Lippelt

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