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Neuwarmbüchen verliert sein letztes Gasthaus

Isernhagen Neuwarmbüchen verliert sein letztes Gasthaus

Wenn sich nicht doch noch ein Pächter findet, wird das traditionsreiche Gasthaus Lahmann im Herbst 2019 Geschichte sein. Das wäre das Aus für die Dorfgastronomie in Neuwarmbüchen.

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Noch bis Oktober 2019 soll der Betrieb im Gasthaus Lahmann weitergehen - dann ist Schluss.

Quelle: Frank Walter

Neuwarmbüchen. Das Gasthaus Lange ist bereits abgerissen, auf dem Grundstück entstehen mehrere Wohnhäuser. Im Oktober 2019 soll auch im Gasthaus Lahmann Schluss sein – und Neuwarmbüchen wird damit seine letzte Dorfgaststätte verlieren.

Das Gasthaus Sievers in H.B., der Maikäfer in Kirchhorst, der Alte Posthof in Engensen, der nur noch zu Feiern und seinen Biergarten öffnet, zuletzt die Waldschänke in Wettmar und die Gaststätte Lange in Neuwarmbüchen – und im nächsten Jahr also auch das Gasthaus Lahmann im Ortskern Neuwarmbüchens. Immer mehr Betreiber von Dorfgasthäusern in Isernhagen und Burgwedel geben auf.

Das Aus nach 25 Jahren

Bei Jochen Schlein und seiner Frau Babette ist das nicht anders. „Wir sind ausgelaugt und kaputt – es reicht einfach“, sagt der 61-jährige Schlein. Im Oktober nächsten Jahres werden es 25 Jahre sein, die beide den Betrieb führen, und das in vierter Generation.

Babette Schlein ist eine geborene Lahmann. Ihre Urgroßeltern Dorette und Heinrich Narten hatten das als Gastwirtschaft errichtete Gebäude 1919 vom Landwirt Plinke gekauft und es zunächst unter dem Namen Gasthaus Niedersachsen geführt. Später übernahmen mit Tochter Hedwig und deren Mann Georg Lahmann sowie später Ute und Wolfgang Lahmann die nächsten Generationen. Der große Saal war die Gründungsstätte für Vereine, diente Turnern und Tischtennisspielern als Übungsraum, beherbergte Familienfeiern und Theatervorführungen. Donnerstags probt immer noch der Gesangverein im Klubzimmer.

Keinen Nachfolger gefunden

Doch damit wird im Oktober 2019 aller Voraussicht nach Schluss sein. Eine Nachfolge innerhalb der Familie ist nicht möglich. Mehr als zwei Jahre lang hat das Ehepaar Schlein über Mundpropaganda und auch über die Brauerei einen Nachfolger gesucht, doch vergeblich: Es habe nur zwei Interessenten gegeben, die letztlich aber doch abgesprungen seien, berichtet Jochen Schlein. „Das Haus ist nicht zu verpachten“, zieht er ein Fazit – als Verpächter müsse er aber auf sein Geld kommen. 

Rauchverbot als Einschnitt

Dörfliche Gastronomie sei heute kein leichtes Geschäft mehr – das zeigten die Beispiele aus der Umgebung, meint der 61-Jährige. „Gasthäuser dieser Größe funktionieren nicht mehr.“ Daran ändere nicht einmal die Tatsache etwa, dass seine Frau und er keinen Abstand für das Interieur wollten. „Jeder könnte einkaufen und sofort loslegen.“ Das Rauchverbot in Gaststätten sei ein Einschnitt gewesen, der richtig weh getan habe. „Das war das Ende der Frühschoppen und Feierabend-Biere.“ Der Trend gehe zu ausländischer Gastronomie, und „Riesenläden“ wie in Otze und Fuhrberg seien zudem harte Konkurrenz im Saisongeschäft zur Spargelzeit. Früher seien die Tante-Emma-Läden verschwunden, heute seien es die Dorfgasthäuser – „traurig genug“, so Schlein.

Wenn sich nicht überraschend doch noch ein Pächter findet, soll der inklusive Klubzimmer 200 Quadratmeter große Saal am Gasthaus Lahmann abgerissen werden. An dieser Stelle soll ein Mehrfamilienhaus mit bezahlbaren Wohnungen entstehen. „Wir sind schon mit Baufirmen im Gespräch“, sagt Schlein. Das historische Gasthaus selbst, an dessen Geschichte seit einigen Jahren sogar ein Gedenkstein erinnert, soll nach Möglichkeit erhalten bleiben. Allerdings nur äußerlich: Der Gastraum soll zu Wohnzwecken umgebaut werden.

Das Interview

In Isernhagen und Burgwedel schließen immer mehr Dorfgasthäuser - eine zufällige Häufung oder ein regionsweiter Trend?

Der Trend ist leider regions- und auch landesweit zu beobachten. In Niedersachsen haben wir in den letzten zehn Jahren rund ein Drittel der Schankwirtschaften verloren.

Was sind die Gründe?

Zum einen verändert sich das Ausgehverhalten der Leute. Die Zahl der Gäste, die zum Frühschoppen, Feierabendbier oder Stammtisch kommen, nimmt stetig ab. Zum anderen ist der Gastwirt einer zunehmenden Bürokratisierung ausgesetzt. Starre Arbeitszeitregelungen, Dokumentationspflichten, Allergenkennzeichnung, Brandschutz-, Lärmschutz- und Hygienevorschriften… Die Betreiber müssen mehr im Zeit im Büro verbringen, statt Gäste zu bewirten. Das Arbeitszeitgesetz verhindert, dass Hochzeitsfeiern so lange dauern können, wie die Gäste sich dies wünschen. Das alles führt letztendlich dazu, dass es immer schwerer wird, Nachfolger zu finden.

Was können Gastronomen tun, damit ihr Betrieb eine Zukunft hat?

Als Branchenverband kämpfen wir dafür, dass die Rahmenbedingungen sich verbessern. Hierzu gehören eine Flexibilisierung des Arbeitszeitgesetzes und die Herstellung von Wettbewerbsgleichheit bei der Mehrwertsteuer von 7 Prozent auf Speisen. Viele Gastronomen punkten mit regionalen und saisonalen Speisenangeboten, bei denen die Herkunft der Lebensmittel nachvollziehbar ist. Besondere Veranstaltungen, Themenabende, das Einstellen auf jüngere Zielgruppen, die Ausweitung auf vegetarische Angebote können Möglichkeiten sein. Wir sehen, dass es auch florierende Dorfgasthäuser gibt, die von professionellen und herzlichen Gastgebern erfolgreich geführt werden.

Von Frank Walter

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