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Laatzen „Uns rufen auch immer mehr Männer an“
Umland Laatzen „Uns rufen auch immer mehr Männer an“
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00:17 02.09.2018
Ehe- und Paarberatung: Andreas Heinze und Birgit Baumann sowie zwei weitere Kolleginnen mit gleichfalls therapeutischer Fachausbildung hören Paaren mit Beziehungsproblemen zu. Quelle: Astrid Köhler
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Laatzen

 In der Ehe- und Paarberatung der Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Laatzen-Springe am Kiefernweg erhalten Paare seit Jahrzehnten Rat – wenn Kinder involviert sind auch kostenlos. Drei Beraterinnen und ein Berater, allesamt mit therapeutischer Ausbildung, stehen den Paaren bei Fragen und Probleme zur Verfügung. Unsere Redakteurin Astrid Köhler hat mit zwei von ihnen gesprochen, mit der Sozialpädagogin Birgit Baumann (62) und dem Familientherapeuten und Beratungsstellenleiter Andreas Heinze (61).

Lassen Sie uns mit einer einfachen Frage starten: Was ist das Geheimnis einer guten Ehe?

Baumann: Eine gute Sache ist miteinander zu sprechen, zu erzählen, was in einem vorgeht, und dem anderen Fragen zu stellen, statt das Verhalten nur still zu interpretieren. Heinze: Und es ist wichtig, Wünsche zu äußern wie ,Ich möchte gern...’

Übers Jahr gesehen kommen etwa 250 Paare und Einzelpersonen zu Ihnen in die Beratungsstelle – darunter viele mit dem Schwerpunkt Beziehungsprobleme. Was sind die Hintergründe?

Baumann: Das ist ein weites Feld. Es kommen Paare, die ihre Beziehung verbessern aber auch solche die sich trennen wollen und nicht genau wissen, wie sie das ihren Kindern sagen. Es gibt auch solche, die schon getrennt sind und Probleme haben sich abzusprechen, zum Beispiel, wann das Kind bei wem ist. Heinze: Auch unerfüllter Kinderwunsch kann ein Grund sein oder Probleme mit den Herkunftsfamilien, die sich auf die Beziehung auswirken.

Es heißt, das „verflixte 7. Ehejahr“ sei besonders schwierig. Können Sie das bestätigen?

Heinze: (lacht) Nein, da ist kein Jahr festzumachen, weder das 7. noch das 11., 2. oder ein anderes. Sie: Entscheidend ist eher, ob sich etwas verändert oder jemand das Gefühl hat, etwas muss sich was verändern.

Was ist das Fordernde in einer Beziehung?

Heinze: Meist sind es irgendwelche Veränderungen. Die Kinder sind aus dem Haus, ein Partner hat eine neue Arbeitsstelle oder ist erkrankt. Mit jüngeren Kinder ist es mitunter schwierig, wenn diese selbständig werden – mit dem Schulbeginn und in der Pubertät. Dann treten persönliche Bedürfnisse bei den Eltern wieder stärker in den Vordergrund. Die Partner stehen dann vor der Frage: Haben wir uns auseinandergelebt und funktionieren wir nur noch? Baumann: Manch einer kann den neuen Freiraum nicht füllen, weil er oder sie sich verloren hat und erst überlegen muss: Wer bin ich ohne Kinder? Was macht mir Freude?


Jeder Fall ist individuell – dennoch: Gibt es Probleme, eher von Männern oder eher von Frauen genannt werden?

Baumann: Frauen fühle sich manchmal nicht gesehen, in dem was sie tun und wollen. Sie vergessen aber, dass man das auch mitteilen muss. Männer sollen hellsehen können, aber das klappt ja nicht.

Heinze: Es gibt inzwischen aber auch junge Männer, die meinen wortlos verstanden werden zu müssen. Das verändert sich.

40 Prozent der Anrufer bei Erstkontakt sind Männer

Sind es immer noch fast ausschließlich Frauen, die als erstes anrufen und ihren Partner mit zur Beratung schleppen?

Heinze: Nein, das Bild stimmt nicht mehr. Letztes Jahr ist der Anteil der männlichen Anrufer von einst 17 Prozent auf nunmehr 40 Prozent gewachsen. Das ist eine rasante Entwicklung. Vor allem junge Männer rufen selbst an.

Lebensberatung hilft auch Einzelpersonen und Familien

Bei der 1976 gegründeten Lebensberatungsstelle des Kirchenkreises Laatzen-Springe am Kiefernweg 2 erhalten sowohl Paare wie auch Einzelpersonen und Familien Unterstützung und Rat – unabhängig von ihrem Glauben oder ihrer Konfession. Die Themenspanne reicht von Beziehungs- und Selbstwertproblemen, über berufliche oder erzieherische Fragen bis zur Trauer. Das Beraterteam ist multiprofessionell aufgestellt und deckt zusätzlich zur therapeutischen Ausbildung die Bereiche Sozialpädagogik, Psychologie sowie Kinder und Jugendlichenpsychotherapie ab. Therapien jedoch bietet die Beratungsstelle nicht an.

Termine können für wochentags von 8 bis 18 Uhr erfragt werden unter der Nummer der Lebensberatung, Telefon (0511) 823299. Immer donnerstags von 16.30 bis 17.30 Uhr gibt es eine offene Sprechstunde. Außerdem bietet die Lebensberatung ein spezielles und kostenloses Elterntelefon an donnerstags von 11 bis 12 Uhr. Wer sich Sorgen wegen seiner Kinder macht oder Fragen hat kann dann die Nummer der Lebensberatung wählen. akö

Wie ist die Altersspanne der Ratsuchenden bei Ihnen?

Heinze: Auch das verändert sich. Früher war es eher der Mittelbereich der 40- bis 50-Jährigen und es gab altersmäßig wenig darüber oder darunter. Die Jüngsten bei uns sind inzwischen Anfang 20, das älteste Paar Mitte 70.

Kinder, so sehr sie häufig gewünscht sind, gelten auch als große Belastungsprobe für eine Partnerschaft. Warum ist das so?

Baumann: Der Alltag ist schwer. Wenn beide berufstätig sind, bleibt kaum noch Zeit für das Paar übrig. Es ist sehr viel zu organisieren – Hinbringen, Abholen, und wenn dann noch einer krank wird...

Heinze: Paare stehen auch zunehmend unter Leistungsdruck von außen. Es gibt viele die besser wissen, wie alles richtig läuft und sich einmischen.

Wie erleben es Kinder, wenn ihre Eltern Beziehungsprobleme haben?

Heinze: Erst einmal erleben sie diese natürlich. Das ist wichtig und wird manchmal nicht deutlich, weil Kinder versuchen zu funktionieren.

Baumann: Kinder sind sehr feinfühlig. Mache agieren Gefühle aus, die unterschwellig vorhanden sind, sind ständig wütend, machen Dinge kaputt, ziehen sich zurück oder weinen viel.

Heinze: Für das Kind ist es die einfachste Erklärung, wenn Erwachsene sauer oder komisch drauf sind: Ich bin schuld. Ich habe etwas verkehrt gemacht oder muss mein Verhalten verändern.

Baumann: Kinder wollen ihre Eltern behalten. Dafür tun sie alles.

Wie können Mütter und Väter ihren Kindern helfen?

Baumann: Indem sie ihrem Kind sagen: Du hast bestimmt bemerkt, dass wir uns öfter streiten. Das hat aber nichts mit dir zu tun. Manchmal können wir uns nicht so gut einigen.

„Schlimm ist, wenn gar nicht mehr gesprochen wird“

Und was sollten Eltern mit Beziehungsproblemen vermeiden?

Baumann: Schlimm sind unterschwellige, schlechte Stimmungen oder wenn gar nicht mehr gesprochen wird. Das kann ein Kind nicht einordnen. Besser ist es zu sagen: Uns geht es im Moment nicht so gut. und dann sind wir vielleicht manchmal ein bisschen komisch, aber das hat nichts mit Dir zu tun. Diese Botschaft ist immer ganz gut.

Es gibt den Begriff der „Beziehungsarbeit“. Was halten sie davon?

Sie: Ich kann damit nicht viel damit anfangen. Eine Beziehung lebt von dem Gefühl zu- und miteinander. Ich weiß nicht, wie man an Gefühlen arbeiten kann.

Er: Für manche Menschen ist es aber schon viel Arbeit, einander zuzuhören und miteinander zu reden. Die Beziehungsfreude sollte aber nicht aus dem Blick geraten.

Wertschätzung, Respekt, Grenzen bei sich und dem Partner zu achten sind einige Eigenschaften, die Beziehungen fördern. Wie können diese wieder geweckt oder neu erlernt werden?

Sie: Indem man sich wirklich für den anderen interessiert und Fragen stellt, statt sich mit einem Halbsatz zufrieden zu geben oder gleich zu sagen, das kenne ich und geht mir auch so.

,Du-Botschaften’ gilt es zu vermeiden

Geht es darum, dem anderen Raum zu lassen?

Sie: Ja, genau und auch Aussagen nicht gleich zu bewerten. Zugang zum Partner zu finden ist schon eine Kunst, aber das kann man üben.

Er: Es ist auch wichtig, bei sich zu bleiben statt Du-Botschaften zu verteilen, von wegen ,Du hast schon wieder’ und ,wenn Du nicht so wärst...’

Unter drei Wochen Wartezeit für Beratungstermin

Wenn Paare um Hilfe bitten, wie lange warten die auf einen Termin und wie lange dauert die Beratung?

Er: Das kommt darauf an, wann die Leute Zeit haben. Wenn es erst um 18 Uhr geht, wird es schwierig, denn da gibt es mehrere. Die durchschnittliche Wartezeit liegt aber bei unter drei Wochen bis zum ersten Termin und die durchschnittliche Dauer bei etwa fünf Beratungsterminen.

Wie laufen die Beratungsstunden ab?

Sie: In der ersten Stunde sammeln wir Informationen. Dann steigt auch der Hoffnungspegel, dass die Beratung etwas nützen kann. Beim zweiten Mal wird eventuell auch schon eine Vereinbarung getroffen, was verändert werden könnte. Es gibt aber auch immer Tiefphasen und Rückschritte ins Alte. Die Hürde muss man gehen.

Er: Probleme sind vielleicht über Jahre gewachsen und sollen dann nach zwei Besuchen in der Beratungsstelle weggehen? Den Zaubertrank haben wir noch nicht.

Was soll sich verändern – was hat sich verändert?

Welche Fragen stellen Sie als Berater?

Er: Zunächst was sich verändern soll und dann beim nächsten Treffen, was sich verändert hat.

Sie: Was bei der Paarberatung angesprochen wird ist auch die jeweilige Biographie der Partner: Hat er Geschwister? Wie war das Verhältnis zu den Eltern? Wie haben sich die Eltern verstanden? Wurde Zuhause viel gebrüllt oder überhaupt miteinander gesprochen? Sich das bewusst zu machen, bringt Verständnis für die aktuelle Situation.

Die Paare, die bei Ihnen Rat suchen, zeigen bereits eine Bereitschaft sich mit sich und miteinander auseinanderzusetzen. Was raten sie jenen, die den Schritt in die Beratungsstelle – aus welchen Gründen auch immer – scheuen?

Er: Einfach mal ausprobieren. Das geht immer.

Sie: Manche Paare sprechen im übertragenen Sinne so unterschiedliche Sprachen, wollen sich auf etwas einigen aber können es nicht. Da ist eine dritte Person als Moderator manchmal hilfreich.

Frau Baumann, Herr Heinze – vielen Dank für das Gespräch.

Diakonieserie

Wer mit Armut, familiären Problemen, Sucht oder dem Tod eines Angehörigen konfrontiert ist, bekommt hier Hilfe: Die Diakonie im Kirchenkreis Laatzen-Springe hat eine Reihe von Beratungsangeboten. In einer Serie geben wir einen Überblick über die diakonischen Einrichtungen vor Ort.

1. Teil der Diakonie-Serie: Bericht über die Schuldnerberatung.

2. Teil der Diakonie-Serie: Bericht über die Sozialberatung.

3. Teil der Diakonie-Serie: Bericht über Suchtberatung.

Von Astrid Köhler

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