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Umland Laatzen Nachrichten "Das ist auch ein Stück weit eine Immunisierung"
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00:17 18.09.2017
Von Johannes Dorndorf
Wilhelm Paetzmann Quelle: Dorndorf
Laatzen-Mitte

Herr Paetzmann, am 22. September wird die Ausstellung "Abgestempelt" in der Albert-Einstein-Schule eröffnet. Gezeigt werden darin antisemitische Postkarten aus dem 19. Jahrhundert. Was hat es damit auf sich?

Der Grundgedanke, der dahintersteht, ist, dass man sich über die antisemitische Postkarten aus dem 19. Jahrhundert dafür sensibilisieren kann, dass sich etwas völlig harmlos Erscheinendes wie eine Witzpostkarte zu einem Verbrechen ausweiten kann. Man konnte sich bei diesen Karten ja immer rausreden: "Was ist schon eine Postkarte?", "Das ist doch nur ein kleiner Witz", "Ich meine das ja nicht ernst." Aber wenn man eine solche Karte verschickt, zeigt das, dass der Inhalt gesellschaftlich akzeptiert war. Auch der Spruch "Die Juden sind unser Unglück" stammt von Heinrich von Treitschke 1877 - das ist kein Nazispruch. So merkt man, wie so etwas wachsen kann - das ist der Nährboden.

Welche historische Lehre lässt sich daraus ziehen?

Man muss rechtzeitig sagen: Nein, das mache ich nicht mit. Da wird das Leid anderer bagatellisiert. Wenn ich heute rumgehe und Witzpostkarten ansehe, gehen die oft ins Sexistische hinein. Da kann auch derjenige immer sagen: „Ich mein das gar nicht so, das ist doch nur ein Witz“. Aber da wird ein bestimmtes Frauenbild propagiert und zu einer gewissen Akzeptanz geführt.

Ziehen Sie solche Parallelen auch im Unterricht?

Ja. Der Reiz ist ja gerade, Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Das gilt auch für andere Fragestellungen wie zum Beispiel: Wie ist das Verfassungsmodell der Kaiserzeit - was stimmt hier nicht? Wie ist das politische System in der Weimarer Zeit? Wie ist Hitler vorgegangen? Man muss Schüler befähigen, einen Standpunkt auszubilden, kritisch zu sein und selbst Initiative zu ergreifen. Das ist Aufgabe des Geschichts- und Politikunterrichts. Menschen, die einen Standpunkt haben, lassen sich nicht so leicht manipulieren. Bei der Geschichte des Nationalsozialismus ist es interessant zu beobachten, dass die Widerständler - egal ob sie Kommunisten, Mitglieder der Arbeiterbewegung oder der Kirchen waren - einen Standpunkt hatten und als Persönlichkeit gefestigt waren.

Es gibt Stimmen, die heute vor einem wachsenden Antisemitismus warnen. Beobachten Sie eine solche Entwicklung auch bei Ihren Schülern?

Nein, nicht dass ich wüsste. Ich habe schon Schüler gehabt, die sehr rechts gerichtet waren. Mit denen muss man halt das Gespräch suchen. Aber bei ihnen geht es weniger gegen die Juden: Es ist heute der Islam, der als Feindbild aufgebaut wird. Wir sind dann gefordert, das, was erzählt wird, auf den Prüfstand zu stellen.

Man hört immer wieder den Vorwurf, dass es mit der Erinnerung an die NS-Zeit auch irgendwann mal gut sein müsse. Hören Sie so etwas auch von Schülern?

Interessanterweise habe ich das aus Schülermund noch nicht gehört - eher im Gegenteil: Die fragen mich schon in der sechsten Klasse: Wann bekommen wir endlich das Thema? Ich frage mich auch immer, woher das Gerücht kommt, man mache nur etwas über Nationalsozialismus - denn das stimmt nicht. Der NS ist allerdings fest verankert in den Lehrplänen aller Schulen ab dem 9. Jahrgang.

Es gibt auch auf Exkursionen zur Gedenkstätte Bergen-Belsen...

Genau, keiner geht bei uns von der Schule, der nicht in Bergen-Belsen gewesen ist. Und keiner geht von der Schule, der nicht an dem Projekttag mit den beiden Zeitzeugen und KZ-Überlebenden Henry Korman und Salomon Finkelstein teilgenommen hat. Das ist ein Konsens der Schule. Wir sagen: Das halten wir für so wichtig, dass wir zwei Tage dafür ansetzen.

Sie haben sich ganz persönlich auch mit der Erinnerungskultur in Alt-Laatzen auseinandergesetzt: Die Schüler ihres Seminarfachs "Erinnern statt Vergessen" haben mit der Formulierung eines Gedenktextes einen ganz konkreten Beitrag dazu geleistet. Wie wichtig ist eine solche Auseinandersetzung?

Es war eine Steilvorlage für einen Geschichtslehrer, als die Stadt das Thema an die Öffentlichkeit zurückgegeben hat. Wir haben wochenlang daran gearbeitet, selbst Texte entworfen, Reden von Gauck und von Weizsäcker gelesen. Es ist eine echte geistige Anstrengung gewesen, wir haben die Worte immer wieder verworfen und neu formuliert. Für die Schüler, die mitgemacht haben, ist es eine großartige Erfahrung, sich dieses abgerungen zu haben und auch die Anerkennung des Rates bekommen zu haben.

Die Diskussion um das Ehrenmal war in den Ratsgremien anfangs ziemlich vermurkst. Haben da nicht auch die Schüler mit dem Kopf geschüttelt?

Das, was richtig schräg war, lag vor unserer Zeit. Das haben wir uns an Zeitungsausschnitten klar gemacht. Ich habe aber dazu animiert, nicht zu sehr in der Vergangenheit zu wühlen und das aufzugreifen, wo man unüberlegt formuliert und agiert hat. Wir blicken nach vorne.

War das ein Prozess, den eine Stadt so durchmachen muss?

Letztendlich spiegelt sich in diesem Prozess nur das wider, was sich in der BRD generell abgespielt hat. Einige Kommunen sind weiter, aber manche haben überhaupt noch nichts gemacht in dieser Richtung. Laatzen hängt ein Stück weit in der Mitte drin. Immerhin sind hier bestimmte Standpunkte formuliert worden. Oftmals formuliert man ja gar nicht, was man wirklich denkt und fühlt, sondern lässt vieles im Vagen und Ungenauen. So aber war Aufarbeitung möglich. Laatzen ist insofern ein Sonderfall, weil das Laatzener Ehrenmal aus dem Jahre 1934 und nicht aus den Zwanzigerjahren stammt - das wäre viel einfacher gewesen. Die Inschriften aller Ehrenmäler, die ich sonst gesehen habe, sind noch ganz und gar von der Phonetik des 19. Jahrhunderts geprägt: Ehre und Vaterland. Mit dem Schriftzug "Treue um Treue", den das Schwert am Ehrenmal trägt, kommt etwas Neues hinein.

Gemeint ist die Treue zu Adolf Hitler...

Genau, das SS-Motto. Der nationalsozialistische Begriff der Treue mit dem persönlichen Eid auf den Führer - das ist der Kontext, in dem es hier schief läuft. Das Ehrenmal ist zudem nicht an einem Ort der Stille gebaut - etwa auf einen Kirchhof wie in Grasdorf - sondern in einen öffentlichen Raum. Gegenüber stand das alte Rathaus, das heute nicht mehr existiert. Dazu war es gedacht: davor politische Reden zu halten, Paraden und Fahnenappelle abzunehmen. Es ist konzipiert auf eine Funktionalisierung des Totengedenkens im Sinne des Nationalsozialismus. Das muss in den entsprechenden Informationstexten noch benannt werden - eine Aufgabe, die die nächsten Seminarfächer mit übernehmen werden.

Die Geschichte Laatzens von 1933 bis 1945 ist kaum dokumentiert. Bekannt ist aber, dass die Nationalsozialisten hier auf Zustimmung trafen. Benötigt Laatzen nicht eine bessere Aufarbeitung der Geschichte?

Da ist bestimmt noch ein schönes Betätigungsfeld für engagierte Historiker. Norddeutschland war ganz, ganz braun. Ich kann über Laatzen nichts Konkretes sagen. Aber es gab hier durch die vielen Ziegeleien und eisenverarbeitende Betriebe überproportional viele Zwangsarbeiter. Und das Zwangsarbeiterarchiv ist noch komplett erhalten - das ist etwas Besonderes.

Haben Sie sich damit schon im Unterricht beschäftigt?

Mit Zwangsarbeit schon - das ist auch ein Thema, was gerne bagatellisiert wird. Viele erzählen, dass sie auf dem Bauernhof auch Zwangsarbeiter gehabt hätten: Denen sei es gut gegangen, die hätten mit am Tisch gesessen. Aber der KZ-Häftling, der in einem Lager lebte, war auch Zwangsarbeiter. Bei den geringsten Vergehen wurden drakonische Strafen festgelegt, ein Zwangsarbeiterleben galt gar nichts in der NS-Zeit. Das muss man sich klarmachen. Eine Art Forschung vor Ort würde sich hier sehr anbieten.

Bei der Ausstellungseröffnung in der Albert-Einstein-Schule werden sich die beiden KZ-Überlebenden Salomon Finkelstein und Herny Korman in das Goldene Buch der Stadt eintragen.

Wir verdanken den beiden Ehrenbürgern als Schule unheimlich viel. Bei den jährlichen Projekttagen erleben die Schüler, wie die beiden ohne Hass und ohne Verbitterung zu ihnen sprechen und sie auffordern, sich zu engagieren und stolz zu sein auf unsere demokratische Grundordnung. An was erinnert man sich noch von seiner Schulzeit? Es sind solche Begegnungen - das ist auch ein Stück weit eine Immunisierung gegen historische Vereinfachungen. Ich denke wirklich, dass jeder Schüler durch diese Begegnung letzten Endes besser Bescheid darüber weiß, was während der NS-Zeit passiert ist.

Die Albert-Einstein-Schule zeigt ab 22. September die Ausstellung "Abgestempelt", die sich mit antisemitischen Postkarten aus dem 19. und 20. Jahrhundert befasst. Bei der Eröffnung tragen sich Laatzens Ehrenbürger Salomon Finkelstein und Henry Korman ins Goldene Buch der Stadt ein.

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