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Umland Laatzen Nachrichten Laatzenerin zieht Mauersegler von Hand auf
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09:02 03.08.2018
Mauersegler Nummer drei ist mittlerweile etwa acht Wochen alt - und kann noch nicht richtig fliegen. Quelle: Stephanie Zerm
Alt-Laatzen

Im Wohnzimmer von Familie Kaiser hört man leises Zirpen und Flügelflattern. Die Geräusche stammen von einem kleinen Mauersegler, der darauf wartet, in die Freiheit entlassen zu werden. Doch bislang sind alle Flugversuche des Vogelkindes kläglich gescheitert. „Dreimal haben wir schon versucht, ihn fliegen zu lassen“, sagt seine ,Adoptivmutter’ Martina Kaiser. Doch bisher konnte sich der kleine Bruchpilot nicht in der Luft halten und landete nach einigen Metern wieder im Gras.

Tiere sind wegen der großen Hitze zu früh aus dem Nest gesprungen.

 

Da die Vogelklinik der Tierärztlichen Hochschule zurzeit restlos überfüllt ist, hat die Rethener Tierärztin Christiane Bärsch ihre Freundin Martina Kaiser gefragt, ob sie Lust hätte, drei verwaiste Mauersegler aufzuziehen. Passanten hatten die etwa vier Wochen alten Vogelkinder in Rethen auf der Straße gefunden und der Tierärztin gebracht. „Bei der Hitze wird es in den Nestern zu heiß, so dass die jungen Vögel auf der Suche nach Abkühlung herausspringen, obwohl sie noch nicht fliegen können“, sagt Kaiser. Die Nistquartiere der Vögel, die zumeist unter Dächern von hohen Gebäuden liegen, erhitzen sich bei hohen Temperaturen auf bis zu 80 Grad Celsius. Doch selbst wenn die Jungvögel den Sturz unverletzt überstehen, sind ihre Überlebenschancen gering, erklärt Kaiser: „Im Gegensatz zu anderen Vogelarten füttern Mauersegler ihre Jungen nicht außerhalb des Nestes.“

Obwohl die 42-Jährige noch nie zuvor ein Wildtier aufgezogen hatte, nahm sie die drei Vogelkinder vor rund vier Wochen bei sich auf und holte sich bei der Mauersegler-Klinik in Frankfurt Rat. „Anfangs habe ich sechs Mal täglich gefüttert, mittlerweile nur noch vier bis fünfmal“, berichtet die Alt-Laatzenerin. Dabei ist die Versorgung der Tiere alles andere als ein Kinderspiel. „Sie sperren nur bei ihren Eltern den Schnabel auf“, erzählt Kaiser. Daher muss sie beim Füttern vorsichtig den Schnabel der Tiere öffnen, ohne sie zu verletzen.

Geschmack der Vogelbrut ist sehr speziell

Auch der Geschmack der Vogelbrut ist sehr speziell: „Sie dürfen nur Heimchen, Wachsmottenlarven oder Drohnenbrut bekommen.“ Daher bestellte Martina Kaiser 1400 Heimchen, um die Jungvögel groß zuziehen. Unterstützt wird sie dabei von ihrer Familie. „Durch die vielen Fütterungen hatte ich bislang nicht einmal Zeit, um in den Ferien mit den Kindern ins Freibad zu gehen oder andere Dinge mit ihnen zu unternehmen“, sagt die zweifache Mutter. Ihre 13-jährige Tochter Elina und ihr zehnjähriger Sohn Michel jedoch volles Verständnis. „Ein Tierleben geht schließlich vor“, sagt Elina.

Tierärztin Christiane Bärsch stellte kostenlos Medikamente und Aufbaupräparate zur Verfügung. Und sogar Hund Lasse ist bei der Vogelaufzucht dabei. „Den ersten Abend ist er immer zwischen den Vögeln und mir hin- und hergelaufen und hat gewinselt“, berichtet Martina Kaiser. Offenbar habe der Vizsla-Rüde gemerkt, dass es einem der Vogelkinder sehr schlecht ging. „Es hatte sich bei dem Sturz aus dem Nest wohl zu stark verletzt“, vermutet Martina Kaiser. Das Tier starb in der ersten Nacht, in der es bei ihr war. „Als es tot war, hat unser Hund dann gebellt und seitdem hat er sich nie wieder für die Mauersegler interessiert“, berichtet die Aushilfsvogelmutter.

Nicht alle Vogelkinder brauchen Hilfe

Nicht alle jungen Vögel brauchen die Hilfe des Menschen. Der Nabu warnt sogar davor, hilflos wirkende Jungvögel gleich mitzunehmen. Denn der Schein trügt häufig, da die Jungen vieler Vogelarten ihr Nest bereits verlassen, bevor ihr Gefieder vollständig ausgebildet ist. Meist werden die fast flugfähigen Jungvögel noch von ihren Eltern gefüttert. Daher sollten sie zunächst etwa eine Stunde beobachtet werden und Menschen nur eingreifen, wenn Gefahr droht oder sich wirklich kein Altvogel blicken lässt.

Um Jungvögel vor Fressfeinden zu schützen, kann man sie in einen Strauch oder einen Baum in unmittelbarer Nähe bringen. Noch nackte Vögel können vorsichtig zurück ins Nest gesetzt werden. Denn Vögel stören sich nicht am menschlichen Geruch und nehmen ihren Nachwuchs auch wieder an, wenn ein Mensch ihn angefasst hat.

Lediglich Gebäudebrüter wie Mau­er­seg­ler, Rauch- oder Mehlschwalben werden nicht mehr von ihren Eltern gefüttert, wenn sie aus dem Nest gefallen sind.

Da die Aufzucht von Jungvögel sehr zeitaufwendig ist und besondere Kenntnisse zur Fütterung voraussetzt, sollten Finder sich an Wildtierstationen, Tierärzte, Tierheime oder den Nabu wenden.

Mauersegler Nummer zwei hatte mehr Glück. Er gedieh in der Obhut von Martina Kaiser prächtig und wurde bereits ausgewildert. „Mauersegler sind sehr soziale Tiere“, erklärt die 42-Jährige, während sie in den Himmel späht, um nach ihrem Zögling Ausschau zu halten. „Daher kamen auch sofort andere Mauersegler und haben ihn in ihren Schwarm aufgenommen.“ Vogel Nummer drei ist jedoch ein „Sorgenkind“. „Obwohl er mit seinen rund sieben Wochen mittlerweile alt genug ist, kann er nur wenige Meter fliegen“, sagt Kaiser.

Mauersegler essen, trinken und schlafen im Flug

Dabei sind Mauersegler wahre Flugakrobaten: Wenn die Jungen aus dem Nest ausfliegen, bleiben sie meist zwei Jahre am Stück in der Luft, essen, trinken und schlafen im Flug. Dabei können sie so hoch wie Flugzeuge fliegen und erreichen im Sturzflug Geschwindigkeiten von mehr als 200 Kilometer pro Stunde.

Martina Kaiser fürchtet daher, dass Vogel Nummer drei sich ebenfalls beim Sprung aus dem Nest verletzt hat. Doch aufgeben will sie nicht. „Wir machen weiter Flugversuche und Brustmuskeltraining zur Stärkung mit ihm.“ Sollte das alles nicht helfen, hofft sie, jemanden zu finden, der das das Vogelkind für sie in einem klimatisierten Auto zur Mauersegler-Klinik nach Frankfurt bringen kann. Dort könne er dann genau untersucht werden.

Von Stephanie Zerm

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