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Laatzen Schulden sind keine Schande
Umland Laatzen Schulden sind keine Schande
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00:17 19.07.2018
Die Laatzener Schuldnerberaterinnen Wiebke Peltzer (l.) und Sabine Taufmann (r.) von der Diakonie Hannover-Land. Quelle: Katharina Kutsche
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Laatzen

Verschuldet sind wir alle. Dieser Satz von Sabine Taufmann macht erst mal nachdenklich. Aber klar: „Wir schulden unserem Vermieter die Miete, dem Finanzamt die Steuer“, sagt die Sozialarbeiterin. Verschuldung muss also kein Problem sein. Doch wer überschuldet ist, seine Verpflichtungen dauerhaft nicht erfüllen kann, hat große Sorgen, etwa wenn das Konto gepfändet wurde, die Miete nicht überwiesen werden kann. Für diese Menschen gibt es Hilfe, eben bei Taufmann und ihrer Kollegin Wiebke Peltzer.

  Serie Diakonie

Wer mit Armut, familiären Problemen, Sucht oder dem Tod eines Angehörigen konfrontiert ist, bekommt hier Hilfe: Die Diakonie im Kirchenkreis Laatzen-Springe hat eine Reihe von Beratungsangeboten. In einer Serie geben wir einen Überblick über die diakonischen Einrichtungen vor Ort.

Die beiden Frauen sind Schuldnerberaterinnen in Laatzen, einem kostenfreien Angebot der Diakonie Hannover-Land. Rund 150 Menschen suchen die Beratungsstelle in der Alten Rathausstraße 41 pro Jahr auf. Manchen reicht ein Gespräch, andere werden mehrere Monate, manchmal auch bis zu eineinhalb Jahren betreut – je nachdem, was die Betroffenen brauchen. Wichtig ist, dass sich das Angebot nicht nur an Überschuldete richtet, sondern auch an deren Angehörige: Eine kritische Finanzlage kann schließlich ganze Familien belasten. Etwa ein Viertel aller Anfragen bei Taufmann und Peltzer kommt daher von Menschen, die für den Partner, das Kind, die Eltern wissen möchten, was sie gegen Schulden tun können. Sitzen die Betroffenen dann tatsächlich vor den Schuldnerberaterinnen, ist die größte Hemmschwelle schon überwunden.

Gründe, in die Überschuldung zu rutschen, gibt es viele, die häufigsten sind Arbeitslosigkeit, Krankheit und Trennungen. Und: „Es muss kein individuelles Fehlverhalten vorliegen“, betont Taufmann. Ein Mensch könne alles richtig gemacht, die Finanzierung für das Eigenheim gut aufgestellt haben. Doch wenn der Partner sich scheiden lässt oder stirbt, kann der beste Haushaltsplan kippen.

In der Beratung machen die Sozialarbeiterinnen zunächst eine Bestandsaufnahme. Wie hoch sind die Einnahmen, wie hoch laufende Kosten, ausstehende Raten? Dann erarbeiten Schuldner und Beraterin einen Haushaltsplan, besprechen, wie das Budget eingesetzt werden kann. Für den Fall, dass bereits ein Inkasso-Unternehmen versucht, die Schulden einzutreiben, können die Beraterinnen den Schriftverkehr übernehmen – sie brauchen dafür nur eine Vollmacht des Schuldners. „Für viele ist das eine große Erleichterung“, sagt Taufmann, zumal die bedrohlichen Briefe dann nicht mehr im eigenen Briefkasten landen.

Die Schuldnerberatung der Diakonie ist in der Alten Rathausstraße 41 in Alt-Laatzen zu finden. Quelle: Katharina Kutsche

Bei welchen Beträgen man von Überschuldung spricht, ist individuell verschieden. Auch jemand, der mit 500 Euro in der Kreide steht, kann schon unruhig schlafen, wenn er nicht weiß, wie er die Schuld begleichen kann. In den Beratungsgesprächen geht dann darum, Ängste zu nehmen und zu klären, was genau die Betroffenen belastet. Das können sie offen sagen, denn Taufmann und Peltzer haben eine Schweigepflicht. „Und wir machen keine Vorwürfe, wir bewerten nicht“, sagt Peltzer.

Die Jüngsten, die in die Räume in der Alten Rathausstraße kommen, sind Anfang 20, die ältesten deutlich über 60. Die Ursachen für die Überschuldung unterscheidet sich nicht nach Alter. Generell lässt sich sagen, dass Menschen, die längerfristig ein niedriges Einkommen bekommen, eher gefährdet sind, in eine Schuldenfalle geraten. Und mehr als die Hälfte der Betroffenen hat eine abgeschlossene Berufsausbildung. Überschuldung kann also jeden treffen, auch wenn finanzielle Bildung schützt.

Dazu gehört auch das Wissen um die Folgen. Hartnäckig hält sich etwa das Gerücht, man könne wegen Schulden ins Gefängnis kommen. „Das liegt auch daran, dass Inkassounternehmen mit Haft drohen. Sie verschweigen aber, dass es sich um eine Beugehaft handelt, die ein Gerichtsvollzieher verhängen kann, wenn jemand sein Vermögen im Rahmen einer Vermögensauskunft nicht offen legt“, so Taufmann. Je mehr Druck die Inkasso-Unternehmen aufbauen, desto mehr Angstraten zahlen die Betroffenen. „Aber die Mietzahlungen sind immer wichtiger als die Inkasso-Raten, auch wenn die Unternehmen noch so oft anrufen“, sagt Peltzer.

Drei Tipps für Schuldner und Angehörige

Auf seriöse Anbieter achten: Die Berufsbezeichnung Schuldnerberater ist nicht geschützt! Um nicht an unseriöse Anbieter zu geraten, sollten Betroffene darauf achten, wer hinter der Beratungsstelle steht: Kommune, Diakonie, Wohlfahrtsverband etwa sind seriöse Träger.

Vorsicht vor voreiliger Hilfe: Keine Bürgschaften, keine Handyverträge für andere abschließen – auch wenn derjenige noch so lieb fragt. Wer einen Vertrag unterschreibt, ist dafür verantwortlich, dass die Rechnungen bezahlt werden. Und das kann teuer werden.

Die Wohnung ist am Wichtigsten: Priorität sollten immer Miete und Energie haben. Wer das rechtzeitig und regelmäßig bezahlt, der wird nicht obdachlos, dem wird nicht der Strom abgeschaltet.

Beide Beraterinnen sind schon viele Jahre bei der Diakonie tätig. Sie haben Sozialarbeit studiert und mussten sich ergänzend berufsbegleitend fortbilden. In Laatzen werden sie unterstützt von einer Verwaltungskraft. Taufmann macht zusätzlich Schuldenprävention in Schulen, doch die Zeit reicht nicht: Zwei weitere Berater wären hilfreich. Dann könnten Betroffene schneller einen Termin bekommen, derzeit dauert das bis zu vier Wochen. Finanziert wird die Beratung von mehreren Stellen: den Städten Laatzen, Pattensen, Hemmingen, der Region, dem Land, Kirchenkreis und Sparkassen- und Giroverband. Mit mehr Personal könnte die Beratung noch präventiver arbeiten und Schüler informieren: Was brauche ich zum Leben, welche Versicherungen sind wirklich nötig, welche Zahlungsarten gibt es im Internet? Die Schule ist der richtige Ort für solche Fragen, glaubt Taufmann, denn die Pubertät sei das relevante Alter: „Und da lassen sich Kinder von ihren Eltern am allerwenigsten sagen.“

Hier gibt es Infos

Die Schuldnerberatung der Diakonie sitzt in der Alten Rathausstraße 41, Alt-Laatzen. Sprechzeiten können telefonisch unter (0511) 8744666 oder per E-Mail an schuldnerberatung.laatzen@evlka.de vereinbart werden. In akuten Fällen kann die erste Beratung am Telefon erfolgen, etwa wenn jemand auf der Straße steht, fristlos gekündigt oder eine Ersatzfreiheitsstrafe angedroht wurde. Auch da können die Beraterinnen noch helfen, beim Jobcenter die Übernahme der Kosten beantragen, mit der Staatsanwaltschaft verhandeln, Musterbriefe verschicken, vor allem: Ängste nehmen.

Von Katharina Kutsche

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