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Langenhagen „In zwei Welten gelebt“
Umland Langenhagen „In zwei Welten gelebt“
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12:57 19.10.2018
Karin Steinherr berichtet in der IGS Süd über ihre furchtbaren Erlebnisse. Quelle: Stephan Hartung
Langenhagen

Man kennt das von Theaterstücken: Vorher wird überlegt, ob es für Kinder oder doch lieber erst für Jugendliche geeignet ist. Auch an der IGS Süd. Dort wurde das Stück „Tabu“ aufgeführt, das die Geschichte eines Vergewaltigungsopfers erzählt. „Wir haben uns aber dazu entschieden, dass unsere sechsten Klassen das sehen können – wir aber im Nachgang mit den Schülern darüber reden müssen“, sagt Schulsozialarbeiterin Jennifer Kohne. In der Sporthalle standen die Schauspieler Kerstin und Sepp Egerer auf der Bühne, stellten Opfer und Täter dar. Als Sprecherin agierte Karin Steinherr. Am Ende der Vorstellung kam Steinherr nach vorn und wurde für die Schüler sichtbar – denn sie ist das Opfer dieser wahren Geschichte.

Gebannt schauen die Schüler der IGS Süd den Akteuren auf der Bühne zu. Quelle: Privat

Der Besuch von Steinherr an der IGS Süd ist Teil eines Präventionsprojekts für den sechsten Jahrgang zum Thema „Sexueller Missbrauch“. Die Erlebnisse der Bayerin erschüttern und sensibilisieren – zeigen aber auch, wie wichtig das Thema ist. „Vielen Schülern ist gar nicht bewusst, wie schnell sich Bilder, die sie von sich ins Internet stellen, verbreiten und so die Grundlage für Pädophile sind“, sagt Karin Steinherr.

Als sie acht Jahre alt ist, stirbt ihr Vater – zu ihm hat sie ein besondern gutes Verhältnis. Ein besseres als zu ihrer Mutter. Aus heutiger Sicht, sagt sie, stehe dieses Ereignis für den Beginn ihres späteren Martyriums. Ihre Mutter verliebt sich neu, der Stiefvater missbraucht das Mädchen. Oralsex und Vergewaltigungen sind an der Tagesordnung. Das Opfer ist zu dem Zeitpunkt gerade einmal neun Jahre alt. Heute ist sich Steinherr sicher, dass ihre Mutter, mit der sie seit Jahren keinen Kontakt mehr hat, „das mitbekommen haben muss, so tief kann kein Mensch schlafen“, meint sie. Was sie dann beschreibt ist der blanke Horror: Denn der Stiefvater zeigt dem Kind Horrorfilme. In der Folge hat die kleine Karin Angst, schläft im Bett der Erwachsenen – und musste ihren Stiefvater dort befriedigen. Währenddessen täuscht die Mutter im großen Ehebett Tiefschlaf vor.

Schicksal erschüttern die Schüler

Die Schüler reagieren geschockt. Die Betroffenheit steht ihnen regelrecht ins Gesicht geschrieben. Doch das Martyrium von Steinherr geht noch weiter. Nachdem der Stiefvater 1997 wegen anderer Delikte verurteilt wurde und im Jahr darauf im Gefängnis starb, zwang sie ein vormaliger Freund des Stiefvaters zu sexuellen Handlungen. Diese Vergewaltigungen gingen immer weiter – bis vor sechs Jahren. Zu diesem Zeitpunkt war Karin Steinherr längst verheiratet und vierfache Mutter. „Ich habe in zwei Welten gelebt. Habe gesagt, dass ich einkaufen gehe – dann bin ich zu ihm gefahren, weil ich musste und er mich dazu gezwungen hat“, schildert sie ihre nur schwer nachvollziehbaren Beweggründe.

Die Frage, die sich bei den Schülern automatisch ergab: Warum lässt man so etwas mit sich machen? „Ich habe das alles erlebt ab einem Alter von neun Jahren. Mit fehlte die Zeit für die eigene Entwicklung, um selbstbewusst zu werden. In dieser Hinsicht war ich auch als Erwachsene noch ein Kind.“ Apropos Kind: Sie erinnert sich an die Zeit, als sie aus der Schule nach Hause kam. „Da habe ich meinen Ranzen zur Seite gestellt, habe es dann kurz hinter mich gebracht – und bin nach draußen zum Spielen mit anderen Kindern gegangen. Das war einfach alles normal.“

„Das war einfach alles normal“

Ebenfalls typisch für Opfer wie sie: Man redet mit niemandem darüber. Entweder weil man es sich nicht traut – oder aus Angst vor Konsequenzen. „Mein Stiefvater hat mir damit gedroht, dass er mich ins Jugendheim bringt, wenn ich etwas verrate. Sein Freund hat immer gedroht damit, er würde meinem Ehemann alles erzählen.“

Ihr Ehemann erfuhr schließlich alles – aber durch Karin Steinherr selbst. Zuvor wusste er nur von den Vergehens des Stiefvaters. Den anderen Peiniger muss sie dann nicht mehr fürchten. Er erlitt vor sechs Jahren, dem Zeitpunkt des Endes der Vergewaltigungen, einen Schlaganfall und ist seither ein Pflegefall.

Das ist Karin Steinherr

Karin Steinherr lebt in Neuburg an der Donau. Sie ist verheiratet und hat vier Kinder. Mit ihrem Mann betreibt sie in Bayern Gaststätte und Landwirtschaft. Klingt alles idyllisch. So schön ihre aktuelle Familiensituation, so grausam ist ihre eigene Vergangenheit. Die heute 44-Jährige ist Opfer von sexuellem Missbrauch. Der Horror begann für sie als Kind. Erst 2014 brach sie ihr Schweigen, im darauffolgenden Jahr gründete sie in ihrem Heimatort eine Selbsthilfegruppe für sexuell missbrauchte Frauen und Männer. Für dieses Engagement wurde Steinherr 2016 von der Redaktion der Zeitschrift „Auf einen Blick“ als Heldin des Alltags ausgezeichnet. Angespornt von der Auszeichnung entschloss sie sich, präventiv zu arbeiten. Sie begann, im örtlichen Jugendzentrum mit den Schülern über dieses Thema zu reden. Heute referiert Karin Steinherr an Schulen, um so viele Jugendliche wie möglich anzusprechen. Außerdem bietet sie Betroffenen Hilfe an. Im Juli 2017 gründete Steinherr den Verein „Gemeinsam gegen sexuellen Missbrauch“.

Von Stephan Hartung

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