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Umland Langenhagen Nachrichten Nie wieder Krieg ist Auftrag für jüngere Generation
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20:22 23.02.2018
Stadtarchivarin Heike Brück-Winkelmann präsentiert Bernhardt Bayer (links) und Horst Körber historische Fotoaufnahmen von Jürgen Hameister aus dem alten Langenhagen. Quelle: Sven Warnecke
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Langenhagen

 Die Themenwoche „Kriegskinder“ ist am Dienstagabend im Langenhagener Stadtarchiv gestartet. Diese haben verantwortlich der Seniorenbeirat und der Verein Win mit dem Hospizverein, der Stadtbibliothek, dem Stadtarchiv und dem Mehrgenerationenhaus zusammen mit Studenten der Hochschule Hannover initiiert. Zum Auftakt lieferte Stadtarchivarin Heike Brück-Winkelmann ein „ZDF“, wie sie es formulierte. Gemeint war eine Sammlung aus „Zahlen, Daten und Fakten“. Was sich im ersten Moment eher nüchtern anmutete, war indes durchaus spannend und aufschlussreich. Denn diese belegen, wie spätestens seit Kriegsende am 8. Mai 1945 im Lauf der Jahre ein Zusammenwachsen zwischen Einheimischen und Vertriebenen aus den deutschen Ostgegebieten klappen konnte. 

65 Prozent der Langenhagener Wohnungen waren 1945 zerstört

Und das nicht nur räumlich, meint Brück-Winkelmann angesichts der seinerzeit zunächst mehr als abgelegenen Silbersee-Siedlung oder auch der Siedlung Twenge. Dort entstanden in den 1950er Jahren Wohnhäuser für Flüchtlinge. Sie kosteten zwischen 15.000 und 30.000 Mark. Viel Geld bei einem durchschnittlichen Monatseinkommens von etwa 300 Mark. Sämtliche Häuser kennzeichnet bis heute eine ähnliche Bauweise und relativ große Gärten zur Selbstversorgung, hat die Stadtarchivarin bei ihren Forschungen herausgefunden. Und der Bedarf an Wohnraum war immens. Bei Kriegsende waren etwa 65 Prozent der Langenhagener Wohnungen zerstört und nicht mehr bewohnbar. Zeitgleich verdoppelte sich die Zahl der Einwohner – bedingt durch den Zuzug aus dem Osten. So wuchs die Gemeinde Langenhagen auf knapp 20.000 Einwohner an. In der benachbarten, einst selbstständigen Gemeinde Engelbostel, lebten im Jahr 1949 exakt 146 Einheimische. Ihnen standen 141 geflüchtete oder evakuierte Menschen gegenüber, nannte Brück-Winkelmann eine weitere beeindruckende Zahl. Diese belege aber auch, wie Integration gelingen könne.

Mehr als 260 Zivilisten sterben während des Krieges in Langenhagen

Doch der Krieg habe nicht nur durch Zerstörung Spuren in Langenhagen hinterlassen, berichtete die Stadtarchivarin ferner. So habe es 681 mal Luftalarm gegeben. Zwischen 1939 und 1945 starben mehr als 260 Zivilisten bei den Bombenangriffen. Spätestens nach der Kapitulation setzte die Not ein – nicht nur die Obdachlosigkeit sei ein Problem gewesen, sondern auch die katastrophale Unterrichtsversorgung der Kinder. In den Schulen wurde zunächst gar nicht unterrichtet. Der reguläre Schulbetrieb setzte erst im November wieder ein. In Godshorn etwa wurden dabei 127 Kinder, darunter 62 aus Flüchtlingsfamilien, von einem einzigen Lehrer unterrichtet. Diese Not hielt bis 1947 an, wusste Brück-Winkelmann zu berichten. In Langenhagen oder Kaltenweide sei der „Problemkomplex Schule“ nicht anders gewesen.

Viele Menschen sterben an Unterernährung

Ein weiteres, noch größeres Problem war der Nahrungsmangel. In den Unterlagen des Stadtarchivs belegen diverse Dokumente, das nach Kriegsende die häufigste Todesursache „chronische Ernährungsstörung in Folge Unterernährung“ gewesen sei, blickte Brück-Winkelmann zurück. Und es habe lange Zeit gedauert, bis dann Normalität auch in Langenhagen eingetreten sei. „Das beschäftigt die Älteren noch heute“, weiß Brück-Winkelmann. 

Mit der Deutschen Mark kommt mehr auf den Tisch

Diese erste, noch zaghafte  Rückkehr zur Normalität trat mit der Währungsreform 1948 und Einführung der Deutschen Mark ein, erinnert sich Kriegskind Heinz Jansen in der anschließenden Diskussion der gut 20 Teilnehmer beim Start der Themenwoche. Gleichwohl habe es etwa bei der Familie Jagau auf dem Bauernhof für das erste Stück Butter nach Kriesgsende bis 1950 gedauert, ergänzt Zeitzeuge Hans-Jürgen Jagau. Und das, obwohl der Nahrungsmangel in landwirtschaftlichen Familien lange nicht so groß gewesen sei, wie bei anderen Menschen, sagte der heutige Langenhagener Ortsheimatpfleger, der auf dem elterlichen Hof mit vielen einquartierten Flüchtlingen aufwuchs. Mit den vielen Kindern sei das ein „wundervolles Spielen gewesen“, rekapituliert Jagau.

Über Erlebnisse wurde nie gesprochen

Doch was Jansens oder Jagaus Eltern wirklich erlebt hatten, ist  zum großen Teil gar nicht überliefert. „Mein Vater hat nicht wirklich darüber gesprochen“, sagt Jansen. „Wir haben nicht diskutiert, sondern ein neues Leben angefangen.“ Das bestätigt auch Horst Körber. „Das Kriegsende war eine Erlösung für uns, denn endlich hörten die Bombenangriffe auf“, erinnert er sich. Genau aber dieses nicht Ausgesprochene ist Sinn der Themenwoche. Denn gewisse Traumata treten erst im höheren Alter auf, erläutet Brück-Winkelmann. Deshalb soll auch thematisiert werden, wie mit den  verschütteten Kriegserinnerungen von Eltern und Großeltern umgegangen werden kann, auch vor dem Hintergrund von Demenz, betont sie. Aus diesem Grund fordert sie auch eine speziell in dieser Hinsicht verbesserte Ausbildung für die Menschen in der Altenpflege.  

Schrecken der Flucht bleibt im Gedächtnis

Das einzig positive, dass dieser Zeit abzugewinnen sei, wäre der im kollektiven Gedächtnis verhaftete Schrecken des Elends und der Flucht von bis zu 15 Millionen Menschen, ist sich Jagau indes sicher. Denn der habe wohl bei einem Großteil der Bevölkerung – auch der nachfolgenden Generationen - bewirkt, dass bei dem jüngsten Flüchtlingsstrom in dieses Land eine so große Welle der Hilfsbereitsschaft sichtbar geworden sei, betont er. 

Claudia Koch vom Verein Win als Mitveranstalter ist nach eigenen Angaben froh, diese Zeit nie miterlebt haben zu müssen. Doch daraus sei ein Auftrag für die jüngere Generation erwachsen: „Nie wieder Krieg“, betont sie.

HAZ-Autor berichtet über Schicksale der Vertriebenen

Der Mittwoch steht ganz im Zeichen des Erzählcafés für Kriegskinder. Dazu hatten der Langenhagener Seniorenbeirat mit der Vorsitzenden Christa Röder und die  beiden Studentinnen Jessica Ostendorf und Ylva Kriete, die gerade ein entsprechendes Projekt an der Hochschule Hannover initiiert haben, in das Mehrgenerationenhaus eingeladen. Mit dabei war auch der HAZ-Redakteur Simon Benne. Der Historiker und Buchautor („Als der Frieden nach Hannover kam“) berichtete dabei über die Schicksale der Vertriebenen. Im Anschluss hatten  Betroffene die Möglichkeit, sich auszutauschen – und dabei Erlebtes auch zu verarbeiten. Bei entsprechender Nachfrage soll das Erzählcafé, auch zu anderen Themenfeldern, eine feste Größe in Langenhagen werden. 

Und so geht die Themenwoche weiter

Den Abschluss bildet dann am Freitag, 23. Februar, um 15 Uhr der Gesprächskreis im Quartierstreff an der Freiligrathstraße 11. Doch die Einladung dafür richtet sich eben nicht an die Kriegskinder selbst, sondern vielmehr an die Angehörigen aus den nachfolgenden Generationen, die dabei zu Wort kommen sollen.

Von Sven Warnecke

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