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Umland Langenhagen Nachrichten So sieht der Alltag von Pflegern aus
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00:33 28.03.2018
An diesem Vormittag bleibt Zeit genug: Helene Vespermann kann einen der männlichen Patienten während der morgendlichen Körperpflege rasieren. Quelle: Rebekka Neander
Langenhagen

Natürlich habe ich Bammel. Artikel habe ich gelesen, Reportagen gesehen, ungezählte Tweets und Facebook-Posts verfolgt. Die Pflege ist in Not, heißt es. Es fehle an Personal, an Geld, an Zeit. So weit, so klar. Aber jetzt stehe ich standesgemäß in Kasack und weißer Hose vor einer Zimmertür auf Station 3 der Paracelsus-Klinik, blicke in die gnadenlos aufmunternden Augen meines professionellen Spiegelbildes – und mein Kopf reduziert sich auf ein einziges Ausrufezeichen: Hoffentlich mache ich jetzt nichts falsch. 

Helene Vespermann lacht meine Furcht einfach weg. So wie sie überhaupt ein warmes Lächeln für die allererste und -beste Therapie hält. Nicht nur den Patienten gegenüber. Wenn an den Sach- und Fachzwängen der Pflege nichts zu ändern ist, hilft wenigstens Freundlichkeit durch den Tag, und dies nicht nur den Patienten. Das Abenteuer der nächsten Stunden ist in ihren Augen und denen ihrer Kollegen ohnehin der pure Luxus: Zu zweit gilt es, zwei Patienten zu waschen. Ohne großen Zeitdruck. 

Bandscheiben kaputt, beide Schultern operiert

Vespermann, nach 30 Jahren im Job, 23 davon in der Silberseeklinik, ist inzwischen eigentlich Hygiene-Beauftragte. Der malträtierten Knochen wegen. Beide Schultern operiert, mehrere Bandscheibenvorfälle. „Der Job“, sagt sie kurz – zuckt mit den Schultern und lacht. Was sonst. Sie ist extra eingerückt für meinen Wunsch: Einmal am eigenen Leib den Alltag einer „Gesundheits- und Krankenpflegerin“, wie ihr Beruf heute formal korrekt heißt, ausprobieren. 

Sie will mir keinen optimierenden Mantel der Unternehmenskommunikation vor die Augen halten. Im Gegenteil: „Und schreib’ bitte nichts schön!“, lautet ihre klare Anweisung, die nahtlos übergeht in: „Hände desinfizieren! Neue Handschuhe an! Nie ohne Schürze ans Bett! Und bitte auf die andere Seite, sonst stehst Du mir im Weg.“ Ein Halbsatz, der schon wenige Minuten später klar macht, warum meine Vorstellung, für unsere Reihe „Ausprobiert“ einfach in einer normalen Schicht mitanzupacken, grandios naiv war. Ich leiste der Anweisung Folge – und kann gerade so eben verhindern, über den Infusionsständer zu fallen. Viel zu tun in sehr engen Zimmern. Die Verdichtung der über Vespermanns Jahre am Silbersee von 6 auf 3 Kräfte tagsüber halbierten Stationsbesetzung wirkt auf mich massiv. Jedes erklärende Wort für den Laien an der Hand kostet wahrscheinlich mehr Zeit, als ich helfen könnte. Vespermann, Mutter von drei und Großmutter von zwei Kindern und dabei ein Jahr jünger als ich, würde dies natürlich immer liebevoll-unnachgiebig bestreiten.

Der Kopf schwirrt: Was ist wann und wie zu pflegen?

Denn erklärt bekomme ich trotzdem viel: Was wann wie zu pflegen ist. Wann welche Schürze, wann welche Handschuhe, wann welcher Mundschutz. Was wo steht – oder zumindest zu stehen haben sollte. Gemeinsam verlassen wir das Zimmer. Vor der Tür durchzuckt es Vespermann. Tür auf, wieder rein. Es fehlt: der Eintrag in der Dokumentation, wie der Patient zuletzt gelagert worden ist.   

Wie sieht er aus, der Alltag einer Pflegekraft im Krankenhaus? Wir haben den Alltag einer Station für ein paar Stunden begleitet. Das Fazit: Herzlich, aber hart.

Wer Vespermann beim Deckenbeziehen (“keine ruckelnden Bewegungen, sonst fliegen hier nur Keime durch die Luft“) zuguckt, beim rasanten Zurechtlegen aller nötigen Dinge in der richtigen Reihenfolge am perfekten Ort, mag diese routinierte Perfektion ungern zerstören. Mir dagegen schwirrt der Kopf: Auf dem Wagen der Pflegeutensilien drängeln sich Tücher für den Menschen (in der Mikrowelle vorgewärmt) und Tücher für die Ausrüstung (bitte nicht verwechseln), Creme, Pflegespray und Pappschalen mit Instrumenten und einer Kulturtasche mit allerlei Salben und Ölen. 

Es geht um die Knochen der Patienten – und die der Pflegenden

Für Chaos ist da kein Platz. Kurz: Ich lasse die Finger davon. Aber es geht dabei nicht nur um sinnvolle, zeit- und arbeitsparende Abläufe. Es geht – vor allem – um Hygiene. „Für jedes Bein, für jeden Arm, einfach für jeden Körperabschnitt ein eigenes Tuch.“ Diese bitte in der richtigen Reihenfolge. Für unachtsame Griffe mit unreinen Handschuhen hat hier niemand Zeit. Die brauchen die Pflegekräfte für elementare Details: Die korrekte Lagerung der Gelenke, damit sich keine Knochen durch trockene, womöglich wundgelegene Haut bohren. Wenn die Zeit reicht, auch für eine Rasur mit dem Einweg-Elektro-Rasierer. Eleganz sieht anders aus, „aber immerhin“, sagt Vespermann und lacht. Das Schneiden der Finger- und Fußnägel ist den Pflegekräften dagegen verboten. Wissen das die Angehörigen? „Wahrscheinlich nicht.“

Und es geht um die eigenen Knochen. Kinesiologie ist Vespermanns Zauberwort, übersetzt für: Wie drehe ich einen Menschen, der schwerer ist als ich, ohne ihm oder mir selbst weh zu tun? Vespermanns sanft-kräftiges Zupacken ist trickreich. Man könnte auch sagen: Wer in Physik bei Mechanik und Hebelgesetzen aufgepasst hat, hat fürs Leben auf Station gelernt. Doch unterhalb der Matratze ist das ergonomische Paradies zu Ende. Der Großteil der Betten verfügt noch nicht über einen Motor. Heißt: Für jedes Waschen pumpt Vespermann mit dem Fuß in einer auch für den Laien erkennbar ungünstig-schrägen Körperhaltung das Bett nach oben und hernach wieder runter. Für jede Veränderung des Kopf- oder Fußteils müssen beide Hände ans Bett: eine drückt, eine zieht. Das tut schon beim Zugucken weh. Bin ja auch keine 20 mehr. 

Schicksal der Patienten bleibt manchmal nicht in den Klamotten

Frei von Schmerz ist Vespermann auch an diesem Vormittag nicht. Das liegt weniger an den kurzen Attacken des hochgradig dementen Patienten in dem Bett zwischen uns. Mit warmem, aber festem Griff kann sie die Faust des hochgewachsenen Mannes nicht nur einfangen, sie verjagt mit tiefer, beruhigender Stimme auch die krankheitsbedingte Angst des Mannes. Was die erfahrene Krankenpflegerin umtreibt, ist dass diesem Menschen nach Entlassung aus dem Krankenhaus nicht jene Pflege zuteil werden wird, die sie ihm wünscht. Die Familie möchte den Vater wieder zuhause pflegen, ist damit allerdings offenkundig überfordert. Vespermann wäre wohler, sie wüsste ihn fortan in dauerhaft stationärer Betreuung. Es wird so nicht kommen, „dann sehen wir uns eben wieder“. Nein, das ist kein Trost.  

“Ohne Zweitjob ist kein Urlaub drin“

In der Pflege zu arbeiten ist „verdammt anstrengend, unterbezahlt – und wunderbar“. Nils Dettmann ist Pflegedienstleiter in der Paracelsus-Klinik und damit verantwortlich für die personelle Ausstattung aller Stationen der Klinik. Er steht zu seiner Beschreibung des Berufs und ist dennoch kein Masochist, vor allem aber ist Dettmann kein Träumer. Auf die Frage, was er sich wünschen würde, käme die gute Fee im Krankenhaus vorbei, versagt er eine Aussage. „Egal, was ich mir wünsche, ich bin zu sehr gefangen in den Kausalitäten.“ Heißt: Für alles, was auf den ersten Blick den Pflegenden helfen würde, fällt ihm sofort ein, warum es nicht geht. 

Mehr Personal? Klar, sofort. Da lässt Dettmann keinen Zweifel. Nur: Woher nehmen? „Wir haben keine eigene Pflegeschule.“ Früher bildeten die Schulen der anderen Häuser über Bedarf aus. „Da konnten wir ohne Mühe neues Personal auswählen.“ Heute aber hätten sich die Verhältnisse umgekehrt. „Initiativ-Bewerbungen sind außerordentlich selten.“ Aus Sicht der Arbeitnehmer eine gute Sache. „Die können sich aussuchen, was sie machen wollen.“ Gleichwohl habe auch er keine hellseherischen Fähigkeiten. „Ich weiß nie, weshalb im Laufe des Jahres vielleicht doch jemand länger ausfällt. Ich kann aber im laufenden Stationsbetrieb Übergangsphasen nur schwer puffern. Eigentlich bräuchte ich dafür eine Überbesetzung.“ Aber wer will die bezahlen?

Mehr Gehalt? „Das ist ein Thema der Tarifparteien“, sagt Dettmann. Und damit ein Thema für jeden. „Wir können den Pflegenden nur zahlen, was die Gesellschaft bereit ist, ihnen zu geben.“ Würden sich die Tarifparteien auf höhere Gehälter einigen, müsse jedem klar sein, dass damit auch die Jedermann-Kosten für das Gesundheitssystem steigen müssten. Dabei sei die Bezahlung derzeit definitiv zu niedrig. Dass Pflegende trotz ihrer Alltagsbelastung nicht selten noch einen Zweit- oder sogar Dritt-Job haben, sichere schlicht das Überleben. Das berichtet auch Gudrun Sinne, Bereichsleiterin Innere Medizin: „Vor allem Alleinerziehende müssen das tun, um sich einmal einen Urlaub leisten zu können.“ Sinne sorgt sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter. „Pflege muss auch noch leistbar sein.“ Und wenn es zu eng werde, müsse sie „auch mal rumbrüllen – wenn man nichts tut, passiert auch nichts.“

Andere Arbeitszeitmodelle? Gern, aber schwierig. „Grundsätzlich wollen wir hier, dass alle im Drei-Schicht-System arbeiten“, sagt Dettmann. Einfach, weil es gerecht ist. Gleichwohl müssten die Bereichsleiter, die für die Dienstpläne ihrer Stationen verantwortlich sind, auf die individuelle Konstitution des einzelnen achten. „Nicht jeder kann fünf Nachtdienste am Stück machen.“ Gleichzeitig benötige man bei einem Ausfall eines Nachtdienstes kurzfristig Ersatz. „Wir können Arbeiten am Patienten ja nicht unerledigt lassen.“ Zumal bei besonderen Regelungen wie an der Silbersee-Klinik. Dort sind in der Nacht auf großen Stationen wie der Inneren zwei Dienste statt eines eingeteilt. Dafür aber übernehmen die Aufgaben zur Entlastung des Tag-Dienstes: Tabletten werden gestellt, Materialien vorbereitet. Fällt in der Nacht also etwas aus, verlagert sich die Arbeit kaskadenhaft auf den Folgedienst. „Früher war es oft üblich, dass Pflegende nur in der Nacht gearbeitet haben“, sagt Dettmann. Dieses Modell habe sich allerdings überholt. Nicht nur sei diese reine Nachtarbeit gesundheitlich bedenklich. „Diese Kollegen verlieren auch den Anschluss an die Entwicklung der Station.“ Fachlich wie menschlich. 

Mehr Wertschätzung? „Das wäre fast wichtiger als alles andere.“ Dettmann erinnert sich an die Enttäuschung der eigenen Eltern, als er verkündete, nach dem Zivildienst eine Ausbildung zum Krankenpfleger einem Studium vorzuziehen. „Meine Mutter fragte mich, ob man dafür überhaupt eine Ausbildung braucht.“ Für Dettmann steht heute deshalb außer Frage, dass sich Pflege im Krankenhaus auf Augenhöhe mit den Ärzten befinden muss. „Für mich sind Ärzte Kollegen einer anderen Abteilung.“ Bedauerlich ist für Dettmann, dass diese Perspektive nicht die der Patienten sei. „Niemand wählt ein Krankenhaus aus wegen seines Pflegepersonals, alle gucken nach den Ärzten, die dort arbeiten.“

Wir lassen Betten, Zimmer und Pflegewagen hinter uns. Zeit für eine kleine Pause. Die führt Helene Vespermann in tiefer Dankbarkeit für den Hausmeister der Klinik auf einen kleinen, inzwischen überdachten Balkon. Das Raucherzimmer des Personals. Zu gesundheitlichen Risiken muss mit der 48-jährigen gebürtigen Russin jetzt niemand in den Ring steigen. „Ich rauche, seit ich 12 bin.“ Ende der Ansage –und dann will sie es doch erklären. Die Zigarette zwischendurch ist eine kleine Flucht – auch vor den Gerüchen der Station. „Wir sind hier auf der Inneren.“ Das Kopfkino läuft in 4D. 

Selbstkritik in der Übergabe: Tablettengabe stimmte nicht

Mein Vormittag endet mit der Übergabe der Früh- an die Spätschicht. Zimmer für Zimmer, Bett für Bett wird ausgetauscht. Das Team schließt sich um den Tisch, an dem gemeinsam gefrühstückt, geflucht, gejubelt oder auch selbstkritisch das eigene Tun hinterfragt wird. „Wir machen alle Fehler“, ein Satz, den Helene Vespermann in den zurückliegenden Stunden mehrfach klargestellt hat. Das gilt für die eigentlich erfahrene Ärztin, die sich von Vespermann das korrekte Verfahren für die Entnahme von Blutproben anhören musste, ebenso wie für die Pflegerin, die eben gerade ihren Kolleginnen mitleidslos gegen sich selbst den Fehler bei der Tablettenstellung geschildert hat. Das Schmerzmittel, das sie einer Patientin verabreicht hat, war stärker als verschrieben. Glücklicherweise aber nicht zu stark. „Die Patientin weiß Bescheid, der Arzt auch.“ Die Runde nickt. Weiter im Takt. 

Die Nachricht des frühen Nachmittages hat inzwischen die Runde gemacht: Den heutigen Nachtdienst für die gesamte Station wird krankheitsbedingt nur eine Kollegin statt der normalerweise zwei vorgesehenen Pflegekräfte absolvieren können. Eine Person für maximal 42 aufstellbare Betten. So viele sind es in dieser Nacht nicht; allein elf Zimmer sind mit positiv getesteten Grippe-Patienten nur einzeln belegt. Heißt für die Pflegerin aber auch: Bei jedem Eintritt muss ein kompletter Schutzanzug angelegt werden. Helene Vespermann ist der Respekt vor der Kollegin für einen Moment ins Gesicht geschrieben. Dann fällt ihr Blick auf mich. „Es ist eine erfahrene Kollegin“, sagt sie – und mir kommt dieser Ton des Beruhigungs-Profis irgendwie bekannt vor. Dann lächelt sie. Hilft ja nix.

Von Rebekka Neander

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