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Langenhagen Belegschaft pfeift auf die EU-Verordnung
Umland Langenhagen Belegschaft pfeift auf die EU-Verordnung
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00:18 08.07.2018
Reemstma-Werk Langenhagen: Die Belegschaft hat Angst um ihre Jobs. Quelle: Sven Warnecke
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Langenhagen

Am Langenhagener Reemtsma-Standort droht ein Stellenabbau. Es sollen 159 Arbeitsplätze der bislang gut 880 wegfallen. Für den Zigarettenhersteller auch eine Konsequenz aus „Marktrückgängen in der ganzen Welt“. Hinzu kämen Belastungen durch eine EU-Regulierung („Track and Trace“), wonach von Mai 2019 an alle in der Europäischen Union produzierten Tabakverpackungen sowie jeder noch so kleine Karton mit einem eigenen Code versehen werden müssen, heißt es von Unternehmenssprecherin Doreen Neuendorf.

Erschwert die EU die Geschäfte?

Ihren Angaben zufolge sollen so Lieferwege lückenlos nachvollzogen werden können, damit Tabakschmuggel leichter bekämpft werden kann. Die Umrüstung der Maschinen für das hochkomplexe Nachverfolgungssystem sei kostspielig und betreffe Langenhagen in besonderem Maße, heißt es von Neuendorf weiter. Denn das Werk exportiert in 61 Länder und 20 Duty-free-Märkte – 35 Prozent davon außerhalb der EU-Grenzen. Doch das spiele scheinbar keine Rolle. Aus diesem Grund sei „ein Halten der gesamten Produktion für Märkte außerhalb der EU ein deutliches Produktionserschwernis und zudem aus Gründen der Wettbewerbsfähigkeit nicht sinnvoll“, gesteht Neuendorf. Und deshalb macht auch das eine Überprüfung des gesamten Unternehmens und der Standorte erforderlich, betont die Sprecherin.

EU-Regelung bedroht am Langenhagener Standort 159 Arbeitsplätze.

Kurzum: „Mit dem Inkrafttreten einer neuen EU-weiten Regulierung namens Track and Trace im Mai 2019 ist eine Regulierung geschaffen, die es in großen Teilen zu komplex und zu kostenintensiv macht, in Langenhagen für Nicht-EU-Märkte zu produzieren“, betont Neuendorf. Sie macht aber auch deutlich, dass der Standort Langenhagen erhalten bleiben soll. Von einer Werksschließung könne keine Rede sein. Denn in den vergangenen Jahren wurde in den Betrieb in erheblichem Maß investiert. Und das soll auch in Zukunft geschehen. Etwa in die Erweiterung der Packkapazitäten, die Einführung neuer Banderolenformate mit neuem Steuerzeichen, in Maschinen für andere Packungsformate und auch in das Lagersystem. Alles in allem im hohen zweistelligen Millionenbereich, heißt es von der Unternehmenssprecherin. „Wir sind uns unserer sozialen Verantwortung am Standort sehr bewusst und daher suchen die Werksleitung und der Betriebsrat gemeinsam nach fairen, bestmöglichen und möglichst sozial verträglichen Lösungen“, unterstreicht Neuendorf.

Reemtsma bekennt sich zum Standort

Angesichts des drohenden Stellenabbaus hat sich am Donnerstag die Belegschaft nach einer Betriebsversammlung zu einer Protestkundgebung vor dem Werkstor zusammengefunden. Der Betriebsratsvorsitzende des Unternehmens an der Imhoffstraße Lutz Genzky kündigte dabei an, dass nach dem bereits stehenden Sozialplan bis September auch der Interessenausgleich der Mitarbeiter zwischen Konzernleitung und Betriebsrat ausgehandelt sein dürfte. Gleichwohl nutzte er die Gelegenheit, in Anwesenheit von Stefan Muhle, Staatssekretär im niedersächsischen Wirtschaftsministerium, die Unterstützung der Politik einzufordern. Und er spricht von einem „Schock“, angesichts des angekündigten Stellenabbaus, der zunächst erst einmal verarbeitet werden musste. Für ihn, wie auch für Gewerkschaftssekretär Thomas Bernhard von der NGG – Gewerkschaft für Nahrung, Genuss und Gaststätten - sitzen die Schuldigen für das Dilemma der Tabakindustrie in Brüssel, aber auch in Berlin. Genzky spricht dabei ganz offen von „Arbeitsplatzvernichtung durch die Hintertür“.

Mitarbeiter sind keine Monster, sondern Menschen

Der Betriebsratsvorsitzende spricht etwas aus, was vermutlich alle in der Belegschaft denken: „Wir sind keine Monster, die Atomsprengköpfe produzieren“, sagt er. Vielmehr würden in Langenhagen ganz legal, vor allem ganz legale Tabakprodukte hergestellt. Doch die Bundes- und Europapolitik werte das anscheinend anders. Die neuen Vorgaben der EU lösten bei Reemtsma in Deutschland faktisch ein Produktionsverbot aus, kritisiert Genzky. Er erinnert daran, dass mit der EU-Verordnung nun Menschen „Ängste um ihre Existenz“ haben.

Die Hoffnung vieler Mitarbeiter in Langenhagen ist nun, ob analog zu den Verhandlungsergebnissen im Hamburger Werk diese auch für den hiesigen Betrieb erzielt werden können. Denn die Unternehmensleitung hatte angekündigt, dort einen Großteil des Stellenabbaus über Vorruhestandsregelung auffangen zu wollen. Der bereits veröffentlichte Sozialplan – der für alle Reemtsma-Standorte in Deutschland gilt – sieht in Hamburg vor, dass von der Streichung der 116 angekündigten Stellen nur etwa 20 über betriebsbedingte Kündigungen abgebaut werden müssen. Die restlichen konnten sozialverträglich abgebaut werden, wie Neuendorf dieser Zeitung berichtete.

Folgen treffen auch die Stadt Langenhagen

Allerdings: Die Probleme bei einem der größten Gewerbesteuerzahler und Arbeitgeber in der Stadt haben auch die Rathausverwaltung und die Kommunalpolitik aufgeschreckt. Angesichts dessen kalkuliert die Stadt für den laufenden Haushalt 2018 mit einem Rückgang der Gewerbesteuereinnahmen um 12,8 Millionen Euro. Ob und gegebenenfalls wie hoch Reemtsma dafür indes verantwortlich ist, ist komplett offen.

Bei seinem Besuch in Langenhagen betonte Staatssekretär Stefan Muhle, dass die Niedersächsische Landesregierung Reemtsma durchaus im Blick habe und sagte Unterstützung zu. Auch er sprach angesichts der angekündigten Stellenstreichung – immerhin bedeutet das den Verlust jeden fünften Arbeitsplatzes im Langenhagener Werk – von einem „Schlag ins Kontor“.

Von Sven Warnecke

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