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Langenhagen Autor Tim Pröse lässt Geschichten lebendig werden
Umland Langenhagen Autor Tim Pröse lässt Geschichten lebendig werden
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13:42 11.03.2018
Autor Tim Pröse freut sich, dass Ingrid Willing zur Lesung gekommen ist. Sie selbst hat die NS-Herrschaft miterlebt. Quelle: Polley
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Langenhagen

 Bis auf die Stimme von Tim Pröse ist es mucksmäuschenstill im VHS-Treffpunkts. Ruhig und sanft klingen seine Worte. Er liest Passagen aus seinem Buch „Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden gegen Hitler“.  Die Anspannung unter den 18 Zuhörern ist greifbar. Der Autor beginnt die Aufzeichnungen aus den letzten Stunden im Leben von Sophie Scholl, Mitglied der Widerstandsgruppe „Weiße Rose“, vorzutragen. Wenn kalte Schauer auf dem Rücken sichtbar wären, in diesem Moment wären viele zu sehen.

Pröse ist aus München nach Langenhagen gekommen, um aus seinem 2016 erschienenen Bestseller zu lesen. Mehr als 20 Jahre hat der Journalist für dieses Werk recherchiert und begegnete dabei unter anderem dem Manager Berthold Beitz, der Juden vor dem sicheren Tod bewahrte, der Witwe von Oskar Schindler, den letzten beiden Hitler-Attentätern sowie Verwandten von Anne Frank und eben den der ermordeten Geschwister Sophie und Hans Scholl. Einige der letzten Zeugen hat Pröse über viele Jahre begleitet. Herausgekommen sind 18 Porträts von Holocaust-Überlebenden, Judenrettern und Widerstandskämpfern während der NS-Zeit. 

Tim Pröse signiert Exemplare und schreibt persönliche Widmungen. Quelle: Polley

„Toll, dass sie gekommen sind – trotz Hitler.“ Mit diesen Worten begrüßt der 47-jährige Autor die Zuhörer. Es solle aber nicht um den ehemaligen „Führer“ gehen, sondern vielmehr um die Menschen, die sich gegen ihn und die NS-Herrschaft gestellt und opponiert haben. Er beginnt seine Lesung mit dem Tag der Beerdigung von Hans und Sophie Scholl. Es ist der 24. Februar 1943. Abwechselnd liest er Passagen vor und gibt anschließend kurze Erläuterungen. Er lässt diese Beerdigung lebendig werden: Mit Gesten und Blicken versucht er die Stimmung vor 75 Jahren wiederzugeben. Als er vorliest: „Die Mutter streichelt die Särge ihrer beiden Kinder“ streichelt Pröse den Tisch. 

Immer wieder schütteln die Gäste den Kopf, wenn er anschaulich Szenen aus dem Gefängnis München-Stadelheim textlich darstellt. Doch aus den Aufzeichnungen der Zellengenossin von Sophie wird auch deutlich, dass die junge Frau auch in den letzten Stunden ihres Lebens gegen die Nazis gekämpft hat. Kurz vor ihrem Tod sagte sie: „Ich würde alles nochmal genauso machen“.

Erzählungen von Recherche und Anekdoten

Pröse versucht immer wieder die erdrückende und traurige Stimmung durch kurze Erzählungen von Begegnungen mit Zeitzeugen und Anekdoten aufzulockern. Da ist zum Beispiel der Friseur aus dem Geburtsort der Geschwister Scholl, der in seinem Schaufenster einen alten Kinderstuhl mit einem Bild von Sophie stehen hat. Oder das Plakat von Sophie, dass der Mann in seinem Jugendzimmer hängen hatte – direkt neben Winnetou. 

Ebenfalls erzählt der 47-jährige Autor an diesem Abend die Geschichten von Jurek Rotenberg, der von Berthold Beitz – dem späteren Chef von Krupp und einflussreichen Industriellen in der Montanunion – vor der Gaskammer gerettet wurde, und von Kurt Keller, der als Wehrmachtssoldat bei der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 dabei war und anschließend desertiert ist. Zusammen mit Keller ist Pröse im Frühjahr 2014 in die Normandie gefahren. Keller war seit den Erlebnissen 1944 nicht wieder da gewesen.

Autor Tim Pröse freut sich, dass Ingrid Willing zur Lesung gekommen ist. Sie selbst hat die NS-Herrschaft miterlebt. Quelle: Polley

Autor begrüßt Ingrid Willing als „Ehrengast“

Nach etwa einer Stunde schlägt Pröse das Buch zu, setzt seine Brille ab und bekommt von den Zuhörern viel Applaus. Nachdem die Schockmomente über das gerade erfahrene vorüber sind, trauen sich die Interessierten Fragen zu stellen. Der Autor freut sich besonders, dass Ingrid Willing aus Langenhagen als „Ehrengast“ an diesem Abend dabei ist. Die 87-jährige Jüdin hat den Zweiten Weltkrieg und die NS-Zeit als Kind miterlebt. Ihr Sohn lebt im hessischen Felsberg und setzt sich dort gegen Antisemitismus ein. Pröse hatte ihn während seiner Recherche getroffen. „Beim Lesen des Buches sind die Erinnerungen wieder hoch gekommen“, erzählt Ingrid Willing. „Es sind sehr berührende Geschichten.“

Pröse liegt das Thema am Herzen

Auch die anderen Zuhörer sind voll des Lobes für das Buch. „Respekt vor der Leistung, sich mit diesem Thema zu beschäftigen“, sagt eine Zuhörerin. „Da steckt sehr viel Herzblut drin.“ Pröse selbst spricht von einem „Lieblingsthema“. Er fühle sich mit den Menschen von damals verbunden. Zudem sei das Thema wieder aktuell. „Mit Krieg und Terror wiederholt sich in den letzten Jahren vieles, was diese Menschen schon erlebt haben“, erzählt der Autor. „Wir können daraus lernen.“

Von Julia Polley

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