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15:34 07.10.2016
In der rechten Hand den Gürtel, in der linken die Goldmedaille: Hamid Jafari zeigt seine Trophäen, die er als Amateurweltmeister Anfang September im Kickboxen und im Thaiboxen gewonnen hat. Quelle: Katja Eggers
Lehrte

In der Flüchtlingsunterkunft an der Manskestraße hängen die Medaillen an der Wand über dem Bett. Seine Pokale und Urkunden hat Hamid in einem Regal platziert. Vor wenigen Wochen ist er in Hamburg in seiner Altersklasse Deutscher Meister im Kickboxen geworden. Im März hat er die Deutsche Meisterschaft im Thaiboxen gewonnen. Hamids ganzer Stolz ist jedoch der schwarze Weltmeistergürtel. Den hat der 15-Jährige Anfang September bei der Amateurweltmeisterschaft des Weltverbands WKU in Bad Kissingen im Thaiboxen der Junioren unter 18 Jahren geholt.

Im Kickboxen hat sich der junge Afghane dort obendrein den Weltmeistertitel der Junioren unter 16 Jahren gesichert. Bei der WM starteten 300 Sportler aus 20 Ländern. Hamid hatte Gegner aus Österreich, Nepal und Deutschland. Bei der Siegerehrung trug er die afghanische Flagge um die Schultern, und es wurde die afghanische Nationalhymne gespielt. "Das war ein sehr bewegender Moment", sagt Dirk Ewert, der Integrationsbeauftragte von SV Yurdumspor, der Hamid nach Bad Kissingen begleitet hatte.

Hamid hätte sich gewünscht, dass diesen Moment auch seine Eltern und die drei Geschwister miterlebt hätten. Aber die Familie ist weit weg. Die Jafaris sind in den Iran geflohen. Hamid hat nur noch telefonisch Kontakt zu ihnen. Nach Deutschland musste er allein weiter. Der Vater hatte Angst, dass sein Sohn zurück nach Afghanistan geschickt würde oder als Kämpfer nach Syrien gemusst hätte.

Hamid war zwei Monate auf der Flucht. Der Fußmarsch in die Türkei dauerte 20 Stunden und führte nachts im Stockdunkeln durchs schneebedeckte Gebirge. Hamid hatte Angst. "Wenn ich abgerutscht wäre, hätte mir niemand geholfen", sagt er. Von Ismir nach Istanbul ging es im Bus weiter. Dann mit Schleppern im Schlauchboot nach Griechenland. Es herrschte Sturm, die Wellen schlugen hoch. Das Boot vor ihnen kenterte. "Alle tot", sagt Hamid. Er selbst musste während der Überfahrt immer wieder mit den Schuhen das Wasser aus dem Boot schöpfen. Die Tasche mit allem, was er hatte, ging über Bord.

An Land setzte Hamid die Flucht mit Zügen und Bussen fort. Von Kos nach Athen, von Mazedonien und Kroatien über Österreich nach München und Frankfurt. Nach einem Monat im Flüchtlingscamp in Griesheim kam Hamid schließlich nach Lehrte: "Hier fühle ich mich endlich sicher."

In der Flüchtlingsunterkunft an der Manskestraße teilt er sich als sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling ein Zimmer mit Mischal aus dem Irak. Hamid besucht die Sprachlernklasse der Realschule. Er spielt Fußball bei Yurdumspor und trainiert Kickboxen bei der TSG Ahlten. In der Unterkunft in Lehrte nutzt er Fitnessräume, die vormals Garagen waren.

Hamid boxt seit frühester Kindheit. Sein Vater war in Afghanistan ein namhafter Thaiboxer - von ihm hat Hamid alles gelernt. Der Sport bedeutet dem jungen Afghanen alles. "Da steckt er seine ganze Energie rein, das gibt ihm Sicherheit und hilft ihm zu verarbeiten, was er Schlimmes erlebt hat", sagt Ewert.

Hamids Wunsch: Profiboxer werden, einmal an der Weltmeisterschaft in Thailand, dem Mutterland des Thaiboxens, teilnehmen - und endlich seine Familie wiedersehen.

Fotostrecke Lehrte: Flüchtling boxt sich bis nach oben

Von Katja Eggers

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