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Seelze St. Martin kommt 1948 zu neuen Ehren
Umland Seelze St. Martin kommt 1948 zu neuen Ehren
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17:08 22.08.2018
Pastor Ortwin Brand am Taufstein aus dem Jahr 1690. Quelle: Thomas Tschörner
Seelze

 Die Martinskirche in Seelze ist in ihrer heutigen Form in den Jahren 1767 bis 1769 gebaut worden. Ganz selbstverständlich nimmt jeder an, dass die Kirche schon immer nach St. Martin benannt war. Doch offenbar war die Kirche lange namenlos: Erst am vierten Advent 1948 erhielten Kirche und Pfarrgemeinde den Namen des Heiligen von Tours (siehe Kasten).

Die barocke Saalkirche aus dem Jahr 1767/1769 ist schön gestaltet.

„Der Altar der ersten Seelzer Kirche muss –soviel darf wohl behauptet werden –einem Heiligen oder der Jungfrau Maria geweiht gewesen sein“, schreibt Stadtarchivar Norbert Saul in seiner Broschüre „Martinskirche Seelze –von Tours nach Seelze“ über den Namensgeber. Saul ist überzeugt, dass dieser Namenspatron bis zur Reformation im Fürstentum Calenberg eigentlich bekannt gewesen sein müsste. Doch in den folgenden Jahren sei dieses Wissen offenbar verloren gegangen.

Woher kommen die Kirchennamen?

Was passiert in der Geschichte von Sankt Martin, wer war die Heilige Barbara, und sind Dreieinigkeit und Dreifaltigkeit gleichzusetzen? Die Kirchennamen in Seelze sind vielen vertraut, doch was steckt tatsächlich hinter Zum barmherzigen Samariter und St. Maria Rosenkranz? Wie viele spannende Geschichten sich in den alten Gemäuern verbergen, zeigen wir in einer kleinen Serie. Wir stellen die evangelischen und katholischen Gotteshäuser in Seelze vor und begeben uns auf die Spuren der Namenspatrone.

Seelzes Pastor Ortwin Brand verweist darauf, dass die derzeitige Kirche bereits das dritte bekannte Gotteshaus an dieser Stelle ist. Um 1200 sei ein romanischer Kirchenbau entstanden, der jedoch bei einer Fehde zwischen Herzog Albrecht von Sachsen-Lüneburg und Dietrich von Mandelsloh zerstört wurde. Der Nachfolgebau sei dann 1755 beim großen Feuer in Seelze ein Raub der Flammen geworden. Erst 1769 sei die Kirche in ihrer aktuellen Gestalt fertiggestellt worden, mit deren Bau 1767 begonnen wurde. Damals allerdings noch ohne Turm, der erst 1876 von Conrad Wilhelm Hase entworfen wurde.

Mit dem Feuer von 1755 wurden auch alle Zeugnisse vernichtet, die sicheren Aufschluss über die ursprüngliche Benennung geben konnten, ist Saul überzeugt. Dennoch gebe es triftige Indizien, dass die Kirche bereits im Mittelalter den Namen St. Martin trug. Saul hat Unterlagen des Seelzer Lehrers Wittmeyer (1874 bis 1952) ausgewertet, der zwei Anhaltspunkte für den Heiligen Martin als Namensgeber gefunden hatte. So verwies Wittmeyer auf den sogenannten Martenkamp, hochdeutsch Martinskamp, bei dem es sich wahrscheinlich um kirchliches Rodeland aus der Gründerzeit der Pfarrkirche handelte. Flurstücke hätten damals in aller Regel ortsbezogene Namen gehabt. „Worauf in Seelze sollte sich ,Martenkamp’ aber beziehen, wenn nicht auf die Dorfkirche?“ Der zweite Hinweis sei ein Protokoll der ersten reformatorischen Kirchenvisitation in Seelze aus dem Jahr 1543, in dem vermerkt ist, dass bis dahin das Patronat über die Kirche und Pfarre in Seelze der Dekan des Mindener Stiftes St. Martin innegehabt habe. „Auch dies kein Beweis, für Heinrich Wittmeyer aber, zusammen mit dem ,Martenkamp’ Grund genug, die Benennung der ersten Seelzer Kirche nach dem heiligen Martin praktisch für erwiesen zu halten“, erklärt Saul. Die 1767 errichtete Kirche hatte nie einen Namen erhalten. Bei der Vorbereitung der 700-Jahr-Feier habe man sich aber auf die Wurzeln der Pfarrgemeinde besonnen und die Kirche am vierten Advent 1948 nach St. Martin benannt.

In früheren Jahren sei die Kirche dunkler gewesen, sagt Pastor Ortwin Brand. Den aktuellen, leicht gelblichen warmen Weißton hat die barocke Saalkirche erst in den neunziger Jahren erhalten. Ins Auge fällt der Hochaltar mit seiner Kanzel von Johann Friedrich Zieseniß, der die Gleichwertigkeit von Sakrament und Predigt nach protestantischem Verständnis symbolisiert. Noch aus der Zeit vor dem Kirchenbrand stammt der Taufstein aus dem Jahr 1690, der von der Familie Rotermund gestiftet wurde. Nach älter ist der Grabstein von Mechthild von Lona aus dem 13. Jahrhundert, der 1755 bei Aufräumarbeiten gefunden und später im Eingangsbereich aufgestellt wurde.

Martin war nicht der „geborene Heilige“

Martin wurde 316/317 in Pannonien (heute Ungarn) geboren und kam wenig später mit seinen Eltern nach Norditalien. Nach Einschätzung von Stadtarchivar Norbert Saul war Martin keineswegs der geborene Heilige. Er wuchs im Götterglauben der Römer auf und wurde schließlich zum Militärdienst eingezogen und kam nach Gallien, zunächst nach Reims, dann nach Amiens. Mit Martin ist untrennbar die Szene verbunden, bei der er im Winter 338/339 am Stadttor von Amiens einem halb erfrorenen Bettler begegnete und für diesen seinen Mantel in zwei Hälften teilte. In der Nacht darauf erschien ihm Christus, mit jenem Teil des Mantels bekleidet, den er dem Bettler gegeben hatte. In der Osternacht 339 ließ sich Martin taufen, konnte zwei Jahre später den Militärdienst quittieren, erhielt die Weihe und einen Missionsauftrag. Seine Wanderungen und Reisen als Volksmissionar und Gründer von Pfarrgemeinden machten ihn gegen seinen Willen zu einer Art Volksheiligen, der schließlich Bischof von Tours wurde. Er starb im Alter von rund 80 Jahren während einer Reise und wurde praktisch sofort als Heiliger verehrt. Seine Grabstätte in Tours wurde zum Ziel zahlloser Pilger und Wallfahrer.

Von Thomas Tschörner

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