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Sehnde Der Tag, an dem der Hagel kam
Umland Sehnde Der Tag, an dem der Hagel kam
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00:19 29.07.2018
Vor fünf Jahren: Hagelkörner so groß wie Hühnereier oder Tennisbälle prasselten auf weite Teile Lehrtes und Sehndes nieder. Damals sind tausende von Bildern entstanden. Wie zeigen einige davon. Quelle: Rohmann
Lehrte/Sehnde

Am 27. Juli 2013 gegen 17.45 Uhr schlug die Stunde der Zollstöcke, der Maßbänder, der Handflächen und der Füße. Alles was nur irgendwie einen Größenvergleich zu dem hergab, was soeben in Massen vom Himmel gekracht war, musste herhalten. Es brauchte Beweise, Fotos am besten. Denn sonst glaubt einem das in ein paar Jahren ja niemand mehr. Hagelkörner von fünf, ja sechs oder sieben Zentimeter Durchmesser. Und dann die zerstörten Gartenmöbel, die zerfetzten Laubdächer der Bäume, die tiefen Dellen in den Karosserien der Autos sowie tausende und abertausende von zerstörten Dachziegeln.

Innerhalb von nicht einmal einer Viertelstunde hatte am späten Nachmittag ein Hagelsturm auf einer Linie zwischen Wassel, Bilm und Sehnde, Lehrtes Süden, Arpke, Sievershausen, Hämelerwald und Dollbergen Schäden in Millionenhöhe verursacht. Noch heute, fünf Jahre später, ist das zerstörerische Wetterereignis vielen Lehrter und Sehndern sehr präsent. Vor wenigen Tagen erst hatte die Redaktion darum gebeten, Fotos von dem Hagelsturm zu schicken oder die Geschichten zu erzählen, die man mit diesem Wetterereignis verbindet. Die Resonanz war überwältigend.

Da sind zum Beispiel Nicole Friedlein und ihre Tochter, die an jenem Nachmittag ihren dritten Geburtstag feierte. Nachmittags wurde im Pool geplanscht, und als die Unwetterwolken am Horizont auftauchten, wurden Kinder und Grill in die Garage geholt. Und dann passierte etwas, was Friedlein heute so beschreibt: „So etwas habe ich noch nie gehört. Es war beängstigend, es rauschte, man hörte die Einschläge krachen. Die Kinder hatten ziemlich Angst.“

Zahlreiche Leser haben uns ihre Fotos vom Unwetter im Nordosten der Region Hannover geschickt. Hier sehen Sie eine Auswahl der Einsendungen.

Andere, die ihre Eindrücke von jenem Hagelsturm schildern, tun das noch drastischer. Von „Bombeneinschlägen auf dem Autodach“ spricht etwa Karin Fischer aus Lehrte, die vom Hagel überrascht wurde, als sie mit Ferienkindern vom Freibad nach Hause fuhr. Im Auto habe man „wie in einem Käfig“ gesessen. Dann sei sogar die Frontscheibe zersprungen, und schließlich habe man auf einem Teppich aus Hagelkörnern den Rest des Weges nach Hause fahren müssen. Von einem „Artillerieangriff“ aus dem Himmel schreibt Karla Schmidt aus Sehnde, von „Hagelkörnern so groß wie Tennisbälle“ Peter Lieser aus Sehnde, der an der Teichstraße wohnt. Den Straßenzug, der besonders heftig vom Unwetter getroffen wurde, habe er später „Todeszone“ genannt.

Nach dem Hagel kamen dann das Staunen, die Zollstöcke und die fotografischen Beweise. Mancher hat hunderte von Aufnahmen von den Zerstörungen an Haus, Garten und Auto gemacht, mancher ging statistisch an die Sache ran. Elf Minuten habe der Hagel gedauert, je Quadratmeter seien im Schnitt 20 große Hagelbälle niedergegangen, und 80 Prozent seiner Walnußernte seien hinüber gewesen, schreibt etwa Wulf Saß aus Sehnde.

Viele Lehrter und Sehnder wiederum erinnern sich indessen mit Schaudern an die Reparaturen, die sich wegen der vollkommen überlasteten Dachdeckerbetriebe mitunter monatelang hinzogen, an Handwerker, die sogar aus dem Rheinland kamen, um zu reparieren, und an die nervtötenden Verhandlungen mit Versicherungen. 

Mancher nahm die Sache allerdings auch recht gelassen. So wie Peter Weidemann aus Lehrte. Er sammelte „einen ganzen Sack voll“ Eiskörner auf, wie er sagt, tat sie in einen Sack und packte diesen in die Tiefkühltruhe: „Für den Whisky später, auf den Schreck“, sagt er heute.

Und auch die Geburtstagsparty bei Nicole Friedleins Tochter ging recht bald nach dem Unwetter weiter. Die Kinder hätten sich „ziemlich schnell aus der Schockstarre erholt“ und dann sogar mit den Hagelkörnen auf der Straße gespielt. „Aber meine Tochter, die nun vor ihrem achten Geburtstag steht, spricht noch heute ganz oft davon. Das wird für für sie unvergesslich bleiben“, schreibt Nicole Friedlein.

Ein Geruch wie von gemähtem Rasen

Das große Aufräumen nach dem Sturm: Ein Landwirt reinigt Straßen in Lehrtes Südstadt. Quelle: Hänsler

Markus Hänsler aus Lehrte erinnert sich vor allem an einen Traktorfahrer. Der Mann fuhr gleich nach dem Sturm durch den Südring in Lehrte und beseitigte mit einer Rotationsbürste das viele Laub von der Fahrbahn. Alles habe damals intensiv nach frisch gemähtem Rasen gerochen.

„Wir konnten nur zuschauen“

Blick aus dem Fenster am Trendelkamp in Sehnde während draußen der Hagelsturm wütet. Quelle: Schmidt

Karla Schmidt ist heute noch geschockt, wenn sie an den Hagelsturm denkt, den sie unter einem Dachfenster ihres Hauses in Sehnde erlebte. „Es war unglaublich, und alles, was wir tun konnten, war zuschauen, wie draußen alles kaputtgeschlagen wurde“. In der Reihe von sieben Häusern in ihrer Straße seien anschließend etwa 700 Löcher in den Dachziegeln gewesen.

Geschredderte Bäume und Pflanzen

Grünpflanzen, die auf Balkonen oder in Gärten stehen, sind nach dem Hagel zerfetzt. Quelle: Kelm

Anja Kelm und Marco Istas-Kelm haben den Hagel nicht zu Hause in Höver erlebt. Doch als sie abends dorthin zurück kamen habe man sich „wie in einem Kriegsgebiet“ gefühlt. Überall geschreddertes Grün und zerstörte Pflanzen, kaputte Dachfenster, Regenrohre, Rollläden und Solarlampen. Bis die Hagelkörner komplett geschmolzen waren, habe es Stunden gedauert.

Der Wucht des Hagels entkommt (fast) nichts

Konrad Rohmann aus Sehnde erinnert sich im Zusammenhang mit dem Hagelsturm vor allem an sein Auto und den guten Rat seiner Frau. „Auf ihr Anraten hatte ich das Auto gerade noch in die Garage fahren können, bevor es losging“, sagt er. Also gab es keine Beulen in der Karosserie – wie bei so vielen anderen Wagen, die teils heute noch Dellen aufweisen und Aufkleber mit dem Text „Hagel 2013, ich war dabei“ tragen.

Das Carport aus Japan hält stand

HAgelkörner dieser Größe prasseln auf das Carport der Familie Ventskaitis ein. Es hält, im gegensatz zu vielen anderen, der Wucht stand. Quelle: Ventskaitis

Michaela und Norbert Venskaitis aus Sehnde denken im Zusammenhang mit dem Hagel gern an ihren Carport aus japanischer Produktion. Es war das einzige in der Nachbarschaft am Heidering in Sehnde, dass (bis auf ein paar Beulen) die Sache glimpflich überstand. Das habe anschließend sogar den Hersteller verblüfft, meint das Ehepaar. Viele Jalousien seien jedoch von den tennisballgroßen Hagelkörnern zerstört worden.

Das Brautpaar bekommt nichts mit

Für Hannelore Behlig aus Sehnde war der Tag, als der Hagel kam, aus anderem Anlass etwas Besonderes. Sohn und Schwiegertochter heirateten. Während jedoch die Hochzeitsgesellschaft in Bilm fassungslos an den Fenstern eines Restaurants stand und ansehen musste, wie draußen die liebevoll gedeckten Kaffeetische vom Hagel zerstört wurden, bekam das Brautpaar von alledem nichts mit. Es war derweil in Gödringen zum Fotoshooting. Und dort gab es keinen Hagel.

Hagelbälle in der Tiefkühltruhe

Ein loch im Terrassendach, geschlagen von einem Hagelball. Quelle: Korth

Der Drang, den großen Hagelsturm zu dokumentieren, ist groß gewesen. Etwa bei Wolfgang Korth in Sehnde. Er zückte schon die Kamera, als die ersten drohend dunklen Wolken am Himmel nahten und schoss dann minutenlang Bild um Bild aus einem Wohnzimmerfenster am Wagnerweg. Der grüne Rasen wurde durch den Hagel langsam weiß, das Gewächshaus ging zu Bruch. Einige der größten Geschosse vom Himmel fror Korth dann ein. Sie lagen vier Jahre lang in seiner Gefriertruhe – bis diese kaputt ging.

Von Achim Gückel

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