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Sehnde Mit 50 nochmal zurück auf die Schulbank
Umland Sehnde Mit 50 nochmal zurück auf die Schulbank
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00:16 25.08.2018
Tischlermeister Martin Wohlers erklärt seiner Auszubildenden Bärbel Jonczyk, worauf sie beim Sägen achten muss. Quelle: Katja Eggers
Ilten

Vor ihrem ersten Schultag an der Berufsschule in Burgdorf war die Aufregung groß. „Ich hatte richtig Muffensausen“, berichtet Bärbel Jonczyk. Mit 50 Jahren hat die Garbsenerin jetzt noch einmal einen kompletten Neustart gewagt. Seit dem 1. August macht sie eine Umschulung und lässt sich in der Kunsttischlerei von Martin Wohlers in Ilten zur Tischlerin ausbilden.

Immer dienstags drückt Jonczyk die Schulbank. In ihrer Klasse ist sie mit Abstand die Älteste. „Ich bin sogar älter als die Lehrer“, sagt Jonczyk und lacht. Die Sorge vor dem ersten Schultag war jedoch völlig unbegründet. „Alle sind super nett, es gab überhaupt keine Probleme“, berichtet Jonczyk Dass sie in fortgeschrittenem Alter nun wieder Hausaufgaben aufbekommt, ein Berichtsheft führen und für Prüfungen lernen muss, stört sie nicht die Bohne. „Ich bin froh, dass ich nach eineinhalb Jahren Arbeitslosigkeit überhaupt wieder Arbeit habe“, betont Jonczyk.

Hinter ihr liegen etliche Bewerbungen und viel Frust. Die meisten Betriebe würden jüngere Azubis bevorzugen. Tischlermeister Martin Wohlers sieht das anders. Dass Jonczyk handwerklich begabt ist und jede Menge Motivation mitbringt, hat sie während eines Praktikums in seinem Betrieb bewiesen. Kennen gelernt haben sich beide schon vorher, als Jonczyk ihm ihr Biedermeiersofa zum Aufarbeiten vorbei brachte. „Wir haben das Sofa gemeinsam hergerichtet – das war nicht einfach, lief aber sehr gut“, erinnert sich Wohlers.

Seiner Auszubildenden bringt der Tischlermeister nun auch noch den Stoff aus dem ersten Ausbildungsjahr bei. Denn Jonczyk kann die dreijährige Lehre als Umschülerin verkürzen und ist gleich im zweiten Lehrjahr gestartet. Die Umschulung wird vom Jobcenter der Region Hannover unterstützt – auch finanziell. „Wir haben derzeit 139 betriebliche Einzelumschulungen laufen“, sagt Mitarbeiter Ulf Lasko Werner. Die Teilnehmer sind zwischen 25 und 60 Jahre alt und werden mittels Umschulung nach oft langer Arbeitslosigkeit wieder in den Arbeitsmarkt vermittelt. „Gerade für Ältere ist das eine gute Möglichkeit, noch einmal Fuß zu fassen“, betont Werner.

Jonczyk hat in Garbsen zuvor an einem Theaterprojekt teilgenommen, das Langzeitarbeitslosen eine neue Perspektive gibt und sie wieder fit macht für den Arbeitsmarkt. In Hartz IV ist sie seinerzeit gerutscht, als sie als Selbstständige mit einem Service für Werkzeugmaschinen ihre beiden Hauptkunden verlor, weil die ihre Werke in China schlossen. Einen neuen Job hat Jonczyk trotz vieler Bemühungen danach nicht wieder gefunden.

Gelernt hat die Garbsenerin ursprünglich etwas ganz anderes. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin und war zwei Jahre als Reisesekretärin unterwegs. Später studierte sie Sozialwissenschaften. In einem Betrieb für Drehmaschinen arbeitete sie zunächst als Bürokraft, dann als Vertriebsassistentin und später als Vertriebsleiterin. Schließlich machte sie sich selbstständig.

Der Wunsch, sich handwerklich zu betätigen, habe aber wohl schon immer in ihr geschlummert. „Als ich zum ersten Mal die Tischlerei betreten und die ganzen Maschinen gesehen habe, wusste ich gleich, dass ich mich hier wohl fühlen würde und eine Umschulung für mich in Frage kommt“, sagt Jonczyk. Gegenüber ihren jungen Mitschülern an der Berufsschule hat sie Vorteile. „Ich bin ruhiger, konzentrierter und bringe viel Lebenserfahrung mit“, sagt Jonczyk. Wenn sie sich in ihrer Lehre bewährt, kann sich ihr Ausbilder auch vorstellen, sie fest anzustellen.

Betriebe, die noch Auszubildende suchen, können sich an das Jobcenter Region Hannover wenden. „Wir beraten gern und stellen auch den Kontakt zu potenziellen Umschülern her“, erklärt Werner. Infos gibt es auf der Internetseite .

Von Katja Eggers

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