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Umland Sehnde Nachrichten Kommt Wasser aus Atommüllager nach Sehnde?
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00:15 24.11.2017
„Assewasser-Nein danke“: Bürgerinitiative macht mobil gegen Pläne, Salzwasser aus Atommüllager unter Tage zu lagern. Quelle: Alexander Körner
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Sehnde

 Gelbe Kreuze im Ortsbild. Ein Trecker mit schwarzen Protestslogans auf gelbem Grund. Autos mit Aufklebern am Heck, gelb, natürlich. Flugblätter in gelb. Gelb steht für Gefahr. Gelb wurde zur Farbe des Widerstands gegen Atompläne überall in der Republik. Seit einigen Wochen hat dieses Gelb Sehnde erreicht, eine Bürgerinitiative trug die Farbe in die Stadt, und ihr Sprecher, Bernd Nieding, sagt: „Wir sind nicht kompromissbereit. Wir haben Angst. Wir wollen das Wasser hier nicht haben.“ 

Das Wasser mit dem radioaktiven Tritium. Es stammt aus dem unterirdischen Atommüllager Asse II in Remlingen, einem Ort zwischen Braunschweig und Wolfenbüttel. Dort liegen rund 126.000 Fässer mit Strahlungsabfall einen drei Viertel Kilometer unter der Erde, der dort eingelagert zwischen 1967 bis 1978. Doch in dieses Bergwerk sickern jeden Tag rund 12.000 Liter salzhaltiges Wasser. Es dringt aus Rissen und Klüften des umliegenden Gebirges herein und könnte auf lange Sicht die Stabilität der Stollen gefährden. Also wird es unter Tage aufgefangen, in verplombten Behältern gesammelt und auf Grenzwerte überprüft. Dann muss es hinaus. Ohne Abtransport des eindringenden Wassers dürfte Asse II nicht betrieben werden. 

Es ist ein vorsorglicher Protest in Sehnde, denn noch ist nicht entschieden, ob die örtlichen Bergwerke Friedrichshall und Bergmannssegen-Hall jemals zum Endlager für den Stoff werden. Nahezu 2500 Bürger haben dennoch mit ihrer Unterschrift dokumentiert, dass sie Salzwasser mit Tritium aus einer Deponie voller Atomabfällen unter ihrer Stadt nicht haben wollen. 

Sehnde gilt nur als Option

Die Asse sucht nach Wegen, das Zutrittswasser zu entsorgen. Es gibt Anträge, die Lösung in der Elbe zu verklappen. Bis Ende 2016 fuhren LKW das Wasser in ein nun geschlossenes Bergwerk bei Celle, derzeit nutzt ein Chemieunternehmen die Flüssigkeit für seine Produkte. Das ist nach Auskunft der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) unbedenklich, weil das Zutrittswasser Grenzwerte für Trinkwasser einhält, was die radiologische Belastung mit Tritium betrifft. Sie liege deutlich unter 100 Bequerel pro Liter. Ein Sprecher sagte: „Wäre kein Salz in der Lösung, wäre es Trinkwasser.“ Das einsickernde, von Salz gesättigte Wasser habe zudem nie Kontakt mit tiefer gelagerten atomaren Abfällen. 

Bei der Asse-Gesellschaft betonen sie, Bergwerke unterhalb von Sehnde und Lehrte seien nur eine „Rückfalloption“ für den Fall, dass mehr Wasser in die Asse dringt oder andere Varianten ausfallen. Logistik, Genehmigungen, Wirtschaftlichkeit und Ökobilanz spielten entscheidende Rollen. Immerhin ist man für die Option Sehnde soweit, dass einige Vorbereitungen abgeschlossen sind. Asse-AG und Sehndes Kali+Salz, Eigentümerin der Bergwerke, schlossen bereits im März einen Vertrag. Beim Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie ist zudem beantragt, Zutrittswasser mit einer Tritium-Belastung bis 100 Bequerel pro Liter aufnehmen zu dürfen. Bei der BGE heißt es, „die Unterschreitung von 100 Bequerel pro Liter könne sicher nachgewiesen werden“. Bei einer Präsentation in Sehnde war von zwei und fünf Bequerel je Liter an. Tritium gelangt laut BGE über die Luft ins Zutrittswasser, es entweicht aus den Kammern mit Atomabfall. 

Keine Gefahr also für Sehnde und das benachbarte Lehrte? Die Bürgerinitiative „Assewasser-Nein danke“ hat schon der Vertrag misstrauisch gemacht. Im März unterschreiben und erst im Juni die Öffentlichkeit informieren, das ist in den Augen vieler nicht die Transparenz, die angemessen wäre. Dann ist da das Tritium. Mag sein, dass die Belastung im Zutrittswasser geringer sei als erlaubt. Der Grenzwert aber gelte für gesunde Menschen, nicht für Alte, Kranke, Embryonen. „Was ist, wenn die Wissenschaft in 20 Jahren feststellt, dass eine wesentlich geringere Dosis schädlich ist?“, fragt Nieding. Der Schacht atme, in den das Wasser geflutet wird, „durch eine Lüftungsanlage der Grube geht Luft rein und raus“. Es könne sein wie beim Asbest, sagt er, „inzwischen weiß man, eine einzige Faser kann Krebs auslösen“. 

Bürgermeister fürchtet Wertverluste

Für Sehndes Ortsbürgermeister Helmut Süß (SPD) sieht die Sache so aus: „Sehnde ist Familienstadt. Wenn wir mit der Asse in Verbindung gebracht werden, gibt es ein Imageproblem. Wir wollen ja Neubürger gewinnen.“ Süß fürchtet, dass auch Grund und Boden an Wert verlieren könnten. Und damit auch die Häuser, die draufstehen. Sei Sehnde erst einmal Lieferort für die Asse, dann sei die Stadt gesetzt als Lagerstätte, auch „wenn die Asse absaufen sollte“. Jedenfalls solange, wie die Bergwerke von Kali+Salz Kapazitäten haben. Sie reichen wohl noch wenige Jahre. 

Ganz anders betrachtet dagegen das offizielle Lehrte die Lage. Bürgermeister Klaus Sidortschuk (SPD) reiste mit dem städtischen Umweltausschuss nach Remlingen, man begab sich unter Tage, ließ sich alles erklären von den Fachleuten vor Ort und war anschließend der Meinung, dass der Stadt keine Gefahr drohe. „Die Zutrittswässer sind radiologisch nicht belastet“, sagt Sidortschuk, jeder LKW werde verplombt und vor einer möglichen Einlagerung werde aus jedem Wagen eine Probe genommen, um die Werte zu messen. „Nichts spricht gegen eine Einleitung.“ Es gebe keine Gefahr für Lehrte. 

Bernd Nieding von der Bürgerinitiative las von dieser positiven Einschätzung in der Zeitung. Seine Einschätzung dazu ist: „Die haben den Showblock mitgemacht und sind kritiklos darauf abgefahren.“ Alle Sehnder Parteien dagegen unterstützen die Bürgerinitiative. Ob im Fall einer tatsächlichen Lagerung der Rat überhaupt um Zustimmung gebeten wird, ist fraglich. Das Landesamt für Bergbau entscheidet über die Anträge. Es gibt keine Umweltverträglichkeitsprüfung und damit keine öffentliche Beteiligung.

Das ist Asse II

Der Schacht Asse II im Landkreis Wolfenbüttel hat eine unrühmliche Geschichte. 1965 vom Bund gekauft, wurde es zu einem Versuchsendlager für schwach- und mittelradioaktive Atomabfälle ausgebaut. Er wurde in Fässern geliefert, die unterirdisch verräumt wurden. Es gibt Bilder die zeigen, wie die Behälter einfach übereinander gekippt herumliegen. Zudem dringt Wasser ins Bergwerk ein, das entsorgt werden muss, jeden Tag 12 Kubikmeter. 2010 wurde bekannt, dass an fünf Stellen radioaktive verseuchte Salzlauge ausgetreten war, mit Werten über- und unterhalb von Grenzwerten. gum

Von Gunnar Menkens

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