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Bäckerei Hoppe in Bilm schließt nach 136 Jahren

Sehnde Bäckerei Hoppe in Bilm schließt nach 136 Jahren

Vier Generationen haben ihn betrieben: Der Familienbetrieb Bäckerei Hoppe in Bilm schließt nach 136 Jahren. Damit verabschiedet sich der letzte Laden mit Nahversorgung im Dorf.

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Heinrich und Irma Hoppe haben jahrzehntelang in ihrem Betrieb gearbeitet.
 

Quelle: Oliver Kühn

Bilm. Der Ururenkel hat nicht mehr gewollt. Und so lässt die Bäckerei Hoppe in vierter Generation und nach sage und schreibe 136 Jahren als Familienbetrieb in der kleinen Seitenstraße Am Denkmal zum 31. Dezember endgültig ihren Ofen kalt. „Aus Alters- und Gesundheitsgründen“, wie ein Abschiedsschild an der Eingangstür Kunden hinweist. Damit ist nicht nur der letzte Sehnder Bäcker, der noch selbst gebacken und verkauft hat, nach Silvester Geschichte. In Bilm schließt mit der Bäckerei der Hoppes auch der letzte Laden überhaupt in dem 900-Einwohner-Ort – denn einen Nachfolger gibt es nicht. Damit geht ein gewichtiges Stück dörflicher Tradition verloren.

Für Seniorchef Heinrich Hoppe ist nach gut 66 Jahren der richtige Zeitpunkt gekommen. „Jede Nacht um 1 Uhr aufstehen, sechs Tage die Woche, damit ist es genug“, sagt der 80-Jährige. Auch seine ein Jahr jüngere Frau Irma steht seit 57 Jahren im Ladengeschäft. „Wir sind ja ein bisschen Tante-Emma-Laden“, sagt sie. Außer Brot, Brötchen, Kuchen und Gebäck gibt es bei den Hoppes auch Wurst und Käse, Milch und Butter, Kaffee und Konserven und sogar Zeitungen zu kaufen. Die Eheleute sind stolz auf ihr Lebenswerk als klassischer kleiner Handwerksbetrieb. „Rumkugeln, Marzipan und Pralinen habe ich mit der Hand gemacht, wir haben keine großen Maschinen“, sagt der Senior. 

„Bei uns gibt es keine Fabrikware“

Das extra lang gebackene Gersterbrot sei eine Hoppesche Spezialität gewesen, das sogar Kunden aus Hannover anlockte. „Bei uns gibt es keine Fabrikware“, betont Irma Hoppe. Was Stammkunde Ingo Meyer aus Gleidingen nur bestätigen kann: „Ich habe die kleine Bäckerei zufällig entdeckt, das Brot ist wirklich besonders gut.“ Die selbstgemachten Krapfen und Rumkugeln offenbar auch: Ständig kommen Kunden herein, die noch eine letzte Bestellung aufgeben.

Man wolle den Laden nach der Schließung zwar auf dem Immobilienmarkt anbieten, sagt Heinrich Hoppe junior. Viel Hoffnung auf eine Nachvermietung macht sich der 55-Jährige aber nicht: „Dass einer in einem Dorf wie Bilm eine Bäckerei aufmacht, ist utopisch. Aber vielleicht einen kleinen Kiosk.“ Denn mit den Supermarktketten könne man preislich nicht mithalten. „Und Brötchen aufbacken macht inzwischen ja jede Tankstelle“, meint Heinrich Hoppe junior. Auch er habe fast 40 Jahre im Familienbetrieb mitgearbeitet, bei nur einer Woche Urlaub im Jahr. Doch seine Gesundheit erlaube ihm dies nicht mehr, deshalb danke er allen Bilmern für die langjährige Treue. Vielleicht gebe es aber eine Chance auf einen Dorfladen wie in Bolzum. In Wassel allerdings sei ein solcher Versuch gescheitert.

In Bilm wurde 1827 mit dem Bevölkerungszuwachs das erste Gemeindebackhaus gebaut, wo ein Bäcker Brot für die Bauern herstellte. 1881 wurde der Bäckermeister Fritz Hoppe Pächter, der damit den Grundstein für den Familienbetrieb legte. Der Brotteig wurde früher von den Einwohnern zu Hause angemengt und dann im Gemeindehaus gebacken – für ein festgelegtes Backgeld. Fritz Hoppe kaufte das alte Backhaus mit Garten 1913 für 7600 Goldmark. Später, etwa von 1933 bis 1948, wurde stattdessen von den Bauern Getreide geliefert und ein Backgeld gezahlt. Der Vater von Senior Heinrich Hoppe, ebenfalls ein Heinrich, betrieb sogar noch etwas Landwirtschaft sowie einen Getreide- und Futtermittelhandel. Das ursprüngliche Haus ist in den Jahren mehrmals umgebaut, einige Teile auch abgerissen worden.

Keine Nahversorgung mehr im Dorf

Dass die Bäckerei Hoppe schließt, sorgt in Bilm für großes Bedauern. Davon zeugen Anzeigen in Zeitungen, aber auch Kommentare in einer Sehnder Facebook-Gruppe. „Ich habe ja Verständnis dafür, dass die Hoppes nach 57 Arbeitsjahren in Rente gehen möchten. Es ist nur schade um den nächsten Tante-Emma-Laden, der schließt“, schreibt ein Mitglied. „Scheinbar lohnt sich solch ein Geschäft heutzutage nicht mehr.“ Dass es keinen Nachfolger gebe, findet eine andere Nutzerin „echt schade“. Das liege zum Teil aber auch an den Bilmern selbst, meint ein weiterer: „Es müssten mehr Leute bei kleineren Läden einkaufen, ist ganz einfach.“ Ein anderes Gruppenmitglied ist etwas optimistischer. „Es wird sicherlich in den nächsten ein bis zwei Jahren jemand sein Glück versuchen mit einem kleinen Lädchen.“

Der stellvertretende Bilmer Ortsbürgermeister Cord Waschke nennt die Schließung des letzten Ladens im Dorf einen „herben Verlust“. Damit sei die Nahversorgung in Bilm“ vollständig beendet“. Das werde vor allem für Ältere zum Problem, die nicht wegen zweier Brötchen und eines Stücks Butter in einen Nachbarort fahren könnten. Ob jetzt ein Dorfladen eine Chance habe, sei schwer einzuschätzen.ok

Von Oliver Kühn

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