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Nachrichten Pflegenotstand: Das sagen Springer Azubis, Wissenschafter und Angestellte
Umland Springe Nachrichten Pflegenotstand: Das sagen Springer Azubis, Wissenschafter und Angestellte
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20:05 03.07.2018
Kennen sich mit Pflege aus: Dr. Jörg Kleinhenn diskutiert mit den Auszubildenden Claudia Kunkel (links) und Barbara Kessler.
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Springe

Während Gesundheitsminister Jens Spahn die Personalnot in der Pflege mit einem neuen Programm bekämpfen will, machen sich Pflegelehrer, Azubis und Angestellte in Springe ihre Gedanken zum Thema. Alle sind sich einig, dass sich in der Branche viel ändern muss, um sie für den Nachwuchs attraktiver zu machen und auch Pflegebedürftigen gegenüber gerecht zu werden. Eines vereint die Pflegeexperten: Leidenschaft für die Pflege von Menschen.

„Man kriegt so viel zurück“

Barbara Kessler und Claudia Kunkel gehen an der Berufsbildenden Schule in die Lehre. Für beide ist Altenpfleger ein Traumberuf. „Es macht mir richtig Spaß, in der Pflege zu arbeiten. Die Menschen sind extrem dankbar, man kriegt so viel zurück“, sagt Kessler. Die Auszubildende arbeitet für einen Pflegedienst in Bredenbeck. „Dort ist jeder Tag anders. Menschen können da bis zum Schluss in ihrer gewohnten Umgebung bleiben.“ Froh ist sie auch, einen passenden Betrieb gefunden zu haben, in dem jederzeit ein Ansprechpartner bereitstehe.

Claudia Kunkel ist in einem Seniorenpflegeheim in Wülfingen in der Ausbildung, wo sie die familiäre Atmosphäre und die Kollegen schätzt. Auch sie erfährt im Berufsalltag viel Dankbarkeit der Bewohner, was sich in Gestik und Mimik widerspiegele. Während ihrer Sechstagewoche besuchen Kessler und Kunkel an zwei Tagen Schulunterricht, wo sie von Jörg Kleinhenn betreut werden.

Der gelernte Krankenpfleger und Pflegewissenschaftler ist an den Berufsbildenden Schulen Springe Koordinator für Ernährung, Hauswirtschaft, Körperpflege, Soziales und Pflege. Kleinhenn betont, dass man auf Fähigkeiten der Patienten, ihr Leben und ihre Krankheit zu bewältigen, zurückgreifen und sich an ihren Biografien orientieren sollte. Ziel ist die Förderung der Selbstständigkeit und Autonomie der Patienten.

Im Unterricht lernen die Azubis nicht nur Körperpflege, sagt Kessler. „Auch Krankheitslehre, Psychologie, Bindungsverhalten gehören dazu.“ Kleinhenn möchte reflektierte Haltung fördern und Wege aufzeigen, wie mit einer Situation umgegangen werden kann. „Wir arbeiten handlungsorientiert und zeigen anhand von Fallbeispielen Handlungsmöglichkeiten auf.“ Die dreijährige Ausbildung wird in der stationären und ambulanten Pflege in Betrieben der südlichen Region Hannover absolviert. Dazu kommen 500 Praktikumsstunden in anderen Bereichen. „Im Pflegezimmer trainieren wir Lagerungstechniken, Kinästhetik – rückenschonende Arbeit. Dabei habe ich gemerkt, was man alles falsch machen kann“, sagt Kessler.

Viel Druck und Verantwortung

Kessler und Kunkel sehen die Pflegebranche vor großen Herausforderungen. „Bezahlung und Arbeitszeiten müssen sich ändern. Manche arbeiten zwölf Stunden am Stück durch“, so Kunkel. Großer Druck und viel Verantwortung führten zu körperlichem Stress, launischem Verhalten bis zum Burn-out. Unzufriedenheit gebe es auch, weil Löhne ungleich verteilt seien und in Bundesländern und auch den Betrieben variierten. Kunkel fordert einen Tariflohn.

Peter Roddau aus Springe, der sich bei der Pflegekammerwahl als Kandidat aufstellen ließ – aber nicht in das Gremium einzieht –, sieht ebenfalls die Notwendigkeit, dass sich etwas ändern muss. Seine Forderungen an die Politik: bessere Bezahlung der Pflegekräfte sowie die Refinanzierung über die Kostenträger. Besonders im privaten Sektor würden Kostenträger Tarifverträge nicht anerkennen.

Auch solle die Attraktivität des Berufes durch bessere Personaluntergrenzen gesteigert werden – bedeutet: mehr Personal, weniger Arbeitsbelastung. In Krankheitsfällen seien nur Notfallbehandlungen möglich. Daher fordert er einen Aufnahmestopp bei Unterschreiten der Personaluntergrenze. Bis sich jedoch langfristig etwas ändern könne, rechnet er mit fünf bis zehn Jahren.

Von Juliet Ackermann

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