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Springe Hier geht es um die Kartoffel von morgen
Umland Springe Hier geht es um die Kartoffel von morgen
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23:38 12.09.2018
Maschinen, so groß und teuer wie kleine Einfamilien-Häuser: Selbstfahrende Kartoffelroder in Aktion bei der PotatoEurope in Springe Quelle: Moritz Frankenberg
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Hannover/Springe

Staunend blickt Amal Kurami auf die haushohe Maschine, die sich mit erstaunlicher Präzision ihren Weg über den Kartoffelacker tastet. Ja, ganz schön sei das, wiegt der Anfang 40-Jährige seinen Kopf hin und her. Aber in seiner Heimat, in Indien, könnte man das nicht gebrauchen. Dort seien die Felder kleiner, die meisten Höfe Selbstversorger – da brauche man eher kleines Gerät. Wichtig seien aber in jedem Fall Kenntnisse über moderne Anbaumethoden, ergänzt Kurami – und deshalb hat er als Kartoffelbauer sich auf den Weg gemacht, einmal um die halbe Welt, in die Region Hannover. Denn auf dem Gut Bockerode bei Springe findet seit Mittwoch zwei Tage lang die Potato Europe statt, Hannovers größte Kartoffelmesse. Über 10.000 Gäste werden erwartet – nicht nur aus dem mitteleuropäischen Ausland, sondern auch aus Ost- und Südosteuropa, Russland, Südamerika, China und Indien.

Die Messe wird von der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft und den Europäischen Nachbargesellschaften aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden organisiert. 239 Aussteller aus 14 Ländern geben in diesem Jahr auf rund 35 Hektar einen Einblick in neue Kartoffelsorten, technische Neuerung in Bodenbearbeitung, Legen, Roden und Verladen.

Die Dürreperiode ist eines der großen Themen, die bei der diesjährigen Potato Europe in aller Munde ist. Ganz Europa hatte monatelang mit Dürre zu kämpfen. „Wir haben in diesem Jahr einen massiven Einbruch in der Kartoffelernte erlebt. Wir halten jetzt Ausschau nach neuen Kartoffelsorten, die mit einer anderen Witterung zurecht kommen, als die Sorten, die wir bislang angebaut haben“, sagt Ian Crowley aus Südengland.

„Das führt zwangsläufig zu einer europaweiten Ertragsminderung. Die Pommes-Hersteller können einfach sagen, wir machen die Pommes kürzer und die Preise höher. Als Speisekartoffel-Hersteller hat man es da nicht so leicht, wir müssen uns etwas anderes einfallen lassen“, sagt Joerg Eggers von Europlant, einem der führenden Kartoffelzucht-Firmen Deutschlands. Auf einem Versuchsgelände werden über 30 Kartoffelsorten vorgestellt, die an unterschiedliche Witterungen und Bodenverhältnisse angepasst sind.

Aber nicht nur die Züchter sind gefordert. Mit neuen Regelungen im Düngemittel- und Pflanzenschutzgesetz müssen sich viele Kartoffelanbauer andere Strategien erarbeiten, wie sie einen guten Ertrag, bei gleichzeitig hoher Qualität erzeugen. Darum ist ein Schwerpunkt der Messe auf ökologischen Kartoffelanbau hin ausgerichtet.

Auch das umstrittene Herbizid Glyphosat spielt im Hintergrund eine Rolle – die Branche orientiert sich neu und sucht nach Alternativen zum lange Jahre gängigsten Unkrautvernichtungsmittel, dem jetzt aber ein Auslaufen der Zulassung droht. Viele Stände informieren über biologische Düngemittel und Methoden der Unkrautbekämpfung. Eine Neuerung ist die Feldvorführung von Methoden der mechanischen Unkrautregulierung. Mit speziellen Maschinen kann das Kraut entweder zerhackt werden, ausgeschlagen werden, thermisch vernichtet oder mit Hochspannung minimiert werden. Daneben ziehen die Vorführungen der Lege- und Erntemaschinen Besucher an. Mit immer größeren und effizienteren Maschinen wollen die Hersteller das Optimum aus den Böden herausholen, ohne diese dabei zu schädigen. „Wir entwickeln gemeinsam mit den Anwendern. Der Fahrer ist nach wie vor das wichtigste Glied, aber wir wollen ihm die Arbeit so leicht wie möglich machen“, sagt Philipp Grimme vom gleichnamigen Landtechnik-Hersteller.

Außer mit aktuellen Wetterlagen und Politikentscheidungen muss die Kartoffel auch mit dem sich wandelnden Zeitgeist umgehen. Bundesweit machen dem einstigen Liebling der deutschen Küche veränderte Essgewohnheiten und regionale Besonderheiten zu schaffen. Angesichts des demografischen Wandels mit immer kleineren Familien geht der Trend schon seit Jahren weg von der reinen Speisekartoffel und hin zu verarbeiteten Kartoffelprodukten wie Kroketten, Gratins oder Puffern. „Ein Megatrend, der weiter anhält“, sagt Martin Umhau, Kartoffelbauer aus dem sächsischen Oschatz und DLG-Aufsichtsratsmitglied.

Zudem gibt es in Kartoffel-Deutschland eine Art Nord-Süd-Spaltung. Raue Schale, weicher Kern - so liebt man sie im deutschen Osten und Süden, wo die mehligen Varianten etwa in Bayern oder Thüringen auch für Knödel hoch im Kurs stehen. „Die Norddeutschen dagegen mögen es eher festkochend und knackig, wie bei Linda“, sagt Umhau mit Blick auf Kult-Knolle Linda. Die hat aber nur einen verschwindend geringen Anteil im Vergleich zu der in Deutschland am meisten vermarkteten Sorte Belana, sagt Europlant-Geschäftsführer Eggers. Die Vielfalt ist jedoch enorm - sie reicht von Bintje über Desirée, Festo und Sokrates bis hin zu Xerxes oder Trabant.

Wenn der Zirkus am Freitag vorbei ist, herrscht auf dem Gut Bockerode wieder für vier Jahre Ruhe. Die Kartoffelmesse wechselt den Standort zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien und den Niederlanden. Erst 2022 wird Springe dann wieder zum Mekka der Kartoffelbauern.

Von Patrick Stein

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