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Umland Die Dudenser mögen es akkurat
Umland Die Dudenser mögen es akkurat
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00:19 19.09.2014
Von Rüdiger Meise
Bürgermeister  Günther Falldorf und Dieter Wulff, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft, sind stolz auf ihr Dudensen. Quelle: Jan-Philipp Eberstein
Dudensen

In Dudensen kocht der Bürgermeister den Kaffee selbst. „Eine Gastwirtschaft gibt’s hier leider nicht mehr“, sagt Günther Falldorf. Im Jahr 2000 hat die letzte von dreien geschlossen. Also tischt Falldorf in seinem Wintergarten auf. Der Sozialdemokrat und ehemalige Postangestellte kann sich seit Jahrzehnten einer klaren Mehrheit bei Kommunalwahlen sicher sein. Bei der nächsten tritt er nicht wieder an, und das muss er auch gar nicht. In Dudensen ist der Mann schon jetzt eine Legende: Zweimal in Folge hat es das Dorf geschafft, beim Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ zu gewinnen: Im Jahr 2013 beim Wettbewerb der Stadt Neustadt und 2014 bei dem der Region Hannover.

Das Dorf Dudensen hat schon im zweiten Jahr infolge den Titel „Dorf mit Zukunft" gewonnen.

Wieso hat Dudensen im Vergleich zu manch anderer kleinen Ortschaft Zukunft? „Weil wir eine funktionierende Dorfgemeinschaft haben“, sagt Falldorf. Projekte zur Dorferneuerung – wie der Bau eines Mehrgenerationenplatzes, die Beleuchtung des Kirchwegs oder der Bau einer Boulebahn – erledigen die Dudenser in Eigenarbeit. Öffentliche Kassen zahlen meist nur den Materialwert. 15 Vereine hat das Dorf – die größten fünf (Feuerwehr, Dorfgemeinschaft, Schützen, Mühlenverein, Landfrauen) haben allein 665 Mitglieder. Das sind hundert mehr als das Dorf Einwohner hat. „Die meisten sind in mehreren Vereinen organisiert“, sagt Dieter Wulff, Vorsitzender der Dorfgemeinschaft, und rührt in seinem Kaffee. Der jüngste Verein ist eine Initiative gegen ein Fracking-Vorhaben der Firma Exxon zwischen Dudensen und dem nahe gelegenen Nöpke. „Das ist der einzige Verein, der sich gern möglichst schnell wieder auflösen würde.“ Humor haben sie also auch in Dudensen.

Ein Rundgang

Mit offenen Hemdkragen und Sandalen gehen die beiden Männer voran, vorbei an roten Backsteinbauten wie der alten Schule, in der jetzt ein Kindergarten untergebracht ist. Nur ein paar Meter sind es bis zur Kirche, und auf die sind die Dudenser besonders stolz. Eine junge Frau im Sweatshirt kreuzt den Weg. „Na, Mieke, Urlaub oder Mittagspause?“, fragt Falldorf. „Mittag“, ruft sie winkend. „Mieke ist Azubine beim Schreiner“, erklärt Falldorf. 20 Gewerbebetriebe gibt es im Dorf, insgesamt 90 Arbeitsplätze.

Dieter Wulff dreht den Schlüssel in der Kirchentür. In Dudensens Kirche hat auch der Vorsitzende der Dorfgemeinschaft Hausrecht. Vor wenigen Jahren hat das Dorf die alte Kirche zu einem Begegnungszentrum umbauen lassen – hier finden Ausstellungen und Veranstaltungen statt. „Wo gibt’s schon eine warm geheizte Kirche mit Toiletten?“, fragt Wulff. Schmuckstück der Kirche ist eine 300 Jahre alte Zuberbier-Orgel. Die älteste in der Region Hannover. Im Zweiten Weltkrieg seien fast alle Metall-Orgelpfeifen beschlagnahmt und zur Waffenproduktion eingeschmolzen worden, erzählt Wulff. „Die Dudenser haben damals die Pfeifen so bemalt, dass sie nicht nach verwertbarem Metall aussahen – so wurden sie verschont.“ Schon damals scheint die Dorfgemeinschaft eine verschworene gewesen zu sein.

„Helmut, bist du immer noch nicht fertig?“, ruft Falldorf einem Mann zu, der Bauschutt auf einen Anhänger schaufelt. „Ist bald soweit“, gibt der zurück. Falldorf zeigt auf den Mann und sagt: „So sehen bei uns Banker aus.“ Helmut arbeitet für die Filiale der Raiffeisenbank im nahen Hagen. Hinter seinem Haus picken Hühner im Gras.

Ohne Auto geht nichts

Es gibt keinen Lebensmittelladen in Dudensen, aber das findet man nicht schlimm im Dorf, sagt Falldorf. Im nahen Hagen gebe es einen Supermarkt und sogar eine Tankstelle. Der Bus hält nur selten in Dudensen. „Hier muss man schon motorisiert sein“, meint Wulff. Es gibt keine Bürgersteige in Dudensen. Zwischen den Straßen und Grundstücken liegt ein schmaler Grünstreifen, der von den Hausbesitzern gemäht wird. „Ehrenamtlich natürlich“, sagt Falldorf. Die Dudenser mögen es akkurat. Vor allem Eberhard.

„Hinten an der Bushaltestelle sieht’s aus wie die Sau“, schimpft der Mann, der mit einem Fahrradanhänger den öffentlichen Mülleimer vor dem Gasthaus Beermann leert. Auch er trägt Sandalen. „Ach Eberhard, die Hauseigentümer dort sind doch neu, die müssen wir noch erziehen“, sagt Falldorf. Das bisschen Bauschutt solle man den Neubürgern doch verzeihen, meint auch Wulff. Eberhard ist da anderer Meinung.

Dudensen in Zahlen

Im Jahr 1228 wurde Dudensen erstmals urkundlich erwähnt.
544 Einwohner hat das Dorf. Seit 2007 ist die Einwohnerentwicklung leicht rückläufig. Damals waren es 600.
8 Betriebe leben in Dudensen von der Landwirtschaft, außerdem gibt es 10 Nebenerwerbs-Bauern.
20 Gewerbebetriebe gibt es im Dorf.
Insgesamt 90 Arbeitsplätze gibt es in Dudensen. Die meisten Einwohner arbeiten in Neustadt oder Hannover.
15 Vereine hat Dudensen.
2 Probleme hat Dudensen: Die sinkende Einwohnerzahl und die mangelnde Infrastruktur. Deswegen kümmert sich die Dorfgemeinschaft um ein familienfreundliches Umfeld – mit Kindergarten, Mehrgenerationenspielplatz und einer lebendigen Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig hilft.

Das Gasthaus Beermann hat geschlossen, aber drinnen hat Wirtin Heike Wetschek trotzdem viel zu tun: Am Wochenende ist Regionsentdeckertag, das ganze Dorf bereitet sich darauf vor – und natürlich öffnet dann auch die Gastwirtschaft. „Auch wenn wir keinen regulären Betrieb haben – mit Veranstaltungen sind wir fast jedes Wochenende ausgebucht“, sagt Wetschek.

Auch Jens Krause gehört zur Dorfgemeinschaft

Vorbei am neuen Mehrgenerationenspielplatz, dem Bolzplatz, dem Beachvolleyballfeld und dem Mast mit Storchennest schlendert die kleine Gruppe nun zum Capitano-Studio von Jens Krause. Der bekannte Musikproduzent, der unter anderem Fury in the Slaughterhouse, Terry Hoax, Jan Josef Liefers und Die Prinzen betreute, zog 2011 mit seinem Studio nach Dudensen. „Unser Jens“, ruft Günther Falldorf – erkennbar stolz auf den sympathischen und bekannten Exoten in seinem Dorf. Ein paar Scherze fliegen hin und her. „Kein Alkohol vor fünf“, rät Krause. „Aber schon Keith Richards sagte: Irgendwo auf der Welt ist es immer fünf.“

Auf dem Weg zum historischen Backhaus in der Nähe der historischen Bockwindmühle erzählt Falldorf, wie er von der Auszeichung zum „Dorf mit Zukunft“ erfuhr. Zwei Bier habe er auf der Terrasse einer Bekannten darauf getrunken. „Auch da hat Dudensen nicht kopfgestanden.“ Das Backhaus ist – wie vieles in Dudensen – rund 300 Jahre alt. Im Sommerhalbjahr wird hier an jedem letzten Sonntag im Monat Brot und Kuchen verkauft, und in der Mühle wird Korn gemahlen. Rund 2000 Besucher kommen regelmäßig zu den Mühlenfesten.

„Halt, Henning! Allgemeine Verkehrskontrolle!“ Lachend hält Falldorf einen alten VW-Pritschenwagen an. Der Fahrer ist Betreiber eines Reiterhofs im Dorf und möchte wissen, ob seine Zufahrt beim Regionsentdeckertag frei bleibt. Falldorf kann ihn beruhigen. Knatternd fährt der VW weiter – ohne Umweltplakette. Die braucht hier in Dudensen niemand. Und wer, der Dudensen kennt, will schon nach Hannover?

Interview mit Musiker Jens Krause

Herr Krause, Sie haben 2011 ihr Tonstudio nach Dudensen verlegt. Wieso zieht ein bekannter Rockmusik-Produzent hierher?
Wir haben ein Bauernhaus gesucht, in dem wir sowohl leben als auch arbeiten können. In unser Haus in Dudensen haben wir uns gleich verliebt. Es ist denkmalgeschützt, unverbastelt, idyllisch. Das Dorf kannte ich gar nicht.

Haben Sie mal bereut, so weit aufs Land hinaus zu ziehen?
Nein, nie! Wir haben hier unsere Ruhe, und die Musiker, die für Aufnahmen herkommen, genießen das. Ich hatte schon Leute aus Berlin da, die gar nicht mehr weg wollten. Oft gehe ich abends mit ihnen und einer Flasche Wein zum örtlichen Bouleplatz, das finden die super.

Die Dudenser sind besonders stolz auf ihre Dorfgemeinschaft. Fühlen Sie sich als Mitglied der Gemeinschaft – oder sind Sie als Exot eher außen vor?
Aber nein, da machen wir schon mit. Die Dorfgemeinschaft hat uns sehr geholfen, als wir hergezogen sind. Ich hatte den Eindruck, die hatten Bock auf uns. Hier helfen sich die Menschen, ohne nach Geld oder Gegenleistung zu fragen. Zum Dank für die Starthilfe habe ich übrigens die Feuerwehrkapelle zu einer Studioaufnahme eingeladen. Das war zwar nicht ganz meine Musik, aber trotzdem ein sehr schönes Wochenende.

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