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Uetze Bürger bauen Windräder: Genossenschaft startet in der Region Hannover
Umland Uetze Bürger bauen Windräder: Genossenschaft startet in der Region Hannover
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00:20 27.07.2018
Die regionsweit ersten Anlagen mit 200 Meter Höhe werden gebaut: Hans Mönninghoff (links) und Marcus Biermann schauen sich die Standorte für sieben neue Windräder bei Uetze-Katensen an. Quelle: Anette Wulf-Dettmer
Hannover

Auch nach der Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes lässt sich mit Windkraft noch gut Geld verdienen. Die hannoversche Bürgergenossenschaft Natur-Energie startet mit dem Bau von sieben Großwindrädern, die es auf jeweils 200 Meter Gesamthöhe bringen – bislang gibt es diese Dimension noch nicht in der Region. Das Besondere: Jeder kann mit Beträgen ab 250 Euro zu dem Projekt beitragen und Zinsen ernten. „Wir wollen die Energiewende nicht den Großkonzernen überlassen: Die Menschen sollen sich ihren Strom selbst machen“, sagt Mitinitiator Hans Mönninghoff, der ehemalige Umwelt- und Wirtschaftsdezernent von Hannover. Ganz ohne Risiko ist die Geldanlage nicht: Im Werbeprospekt wird gesetzestreu auf „erhebliche Risiken“ hingewiesen, die „zum vollständige Verlust des eingesetzten Vermögens“ führen könnten. Anleger kennen das – und Mönninghoff verspricht: „Die Finanzierung ist absolut stabil und auf 20 Jahre durchgerechnet.“

Die Genossenschaft um Gründer Marcus Biermann baut und betreibt seit 2008 Solarstromanlagen. Sie hat inzwischen 254 Mitglieder, eine Million Euro Eigenkapital, 18 Photovoltaik-Anlagen mit 15 000 Quadratmetern Fläche, die rechnerisch 1200 Menschen mit Strom versorgen. Der Projektbereich könnte weiter wachsen, „allerdings fehlt es uns an großen Dachflächen“, sagt Biermann. Wer Freiflächen ab 200, besser ab 1000 Quadratmeter hat, könne sich melden und von Mieteinnahmen profitieren.

Windkraft als neuer Arbeitszweig

Seit 2015 aber wächst ein neuer Aufgabenzweig: Die Genossenschaft hat mehrere Untergesellschaften gegründet und sich beim Bund für den Bau von Windkraftanlagen beworben. Als Bürgergenossenschaften hat sie Zuschläge für bis zu 40 Windräder in Norddeutschland bekommen. Die ersten entstehen jetzt bei Uetze-Katensen: Dort werden nahe der B 188 in zwei Windparks in den nächsten Wochen insgesamt acht alte Windräder abgerissen und bis Ende 2019 höher wieder aufgebaut – sieben davon durch die Genossenschaft. Das sogenannte Repowering gilt als hochprofitabel: Die alten Anlagen mit etwa 100 Meter Höhe bringen nur 1,5 Megawatt Leistung, die neuen, doppelt so hohen sollen es auf 3,4 Megawatt bringen (Hersteller: Senvion, Nabenhöhe: 139 Meter). Überall wird derzeit über die Umrüstung der Altanlagen debattiert, was vor allem dort problematisch ist, wo es noch keine Konzepte für Nachnutzungen gibt, wie bei einigen Anlagen etwa im Fuhrberger Feld. In Uetze aber liegt die Baugenehmigung bereits vor, Proteste von Anliegern gibt es nicht, Naturschutzkonflikte auch nicht: „Es ist ein tolles Projekt“, schwärmt Mönninghoff. Der Projektentwickler Baywa soll die Windmühlen quasi schlüsselfertig bauen. Insgesamt investiert Natur-Energie über seine Gesellschafter und Kredite 43 Millionen Euro.

„Es geht darum, viele zu beteiligen“

Während die Gesellschafter aber zwischen 8000 und 80 000 Euro anlegen, soll es erstmals in der Region die Möglichkeit für Privatleute geben, sich mit Kleindarlehn zu beteiligen. Dafür arbeitet Natur-Energie mit dem Marburger Unternehmen Audit-Capital zusammen. Ab 250 Euro können Interessierte beim Crowdinvesting (Schwarmfinanzierung) mitmachen, die Darlehn laufen über acht Jahre und werden nach Angaben der Initiatoren mit 3,5 Prozent fest verzinst – formal eine Risikofinanzierung, wegen der geringen Einlagesumme aber überschaubar. Die Finanzierung stehe problemlos auch ohne die Kleindarlehn, verspricht Mönninghoff: „Es geht darum, viele Interessierte an der eigenen Stromproduktion zu beteiligen.“ Und Biermann wirbt, so habe „jeder die Chance, die Energiewende aktiv vor Ort mitzugestalten“.

Wer will, kann den von Bürgergenossenschaften produzierten Strom auch direkt ordern. Natur-Energie ist dafür einem Verbund mit 60 weiteren Genossenschaften beigetreten, die den Vertrieb unter dem Namen Reg-Strom organisieren. Infos dazu gibt es im Internet auf www.naturenergie-hannover.de.

Gemeinde Uetze kann sich beteiligen

Der Gemeinde Uetze liegt laut Bürgermeister Werner Backeberg von der Natur-Energie ein unverbindliches Angebot vor, Anteile des Windparks zu zeichnen – dazu sind Windparkbetreiber verpflichtet. „Wir haben ebenso unverbindlich unser Interesse bekundet“, sagt Backenerg. Sobald ein konkretes Angebot vorliege, werde der Aufsichtsrat der Gemeindebetriebe eine Entscheidung fällen.

Genossenschaftsvorstand Marcus Biermann ist zudem an einer Kooperation mit der Freibadgenossenschaft Hänigsen interessiert. Denn das Ziel von Naturenergie ist es laut Biermann und Aufsichtsratsvorsitzenden Hans Möninghoff, den Bürgern vor Ort die Möglichkeit zu geben, mit relativ kleinen Geldbeträgen vom wirtschaftlichen Erfolg der Windenergieanlagen zu profitieren. Rainer Lindenberg von der Freibadgenossenschaft bestätigt auf Anfrage, dass es erste Kontakte und lockere Gespräche gegeben habe.

Windkraft in der Region – und der Streit darum

259 Windkraftanlagen gibt es derzeit in der Region inklusive der sechs jüngsten und höchsten, die 2017 im Uetzer Windpark Wilmhelmshöhe installiert wurden und 175 Meter hoch sind. Im Bau sind zudem aktuell drei Windräder bei Uetze-Schwüblingsen mit jeweils 198 Metern Gesamthöhe.

Regionsweit produzieren die Windkraftanlagen nach Angaben der Klimaschutzagentur etwa 560 Gigawattstunden Strom im Jahr, was für den durchschnittlichen privaten Strombedarf von rechnerisch 350 000 Menschen ausreicht, also mehr als jeden zweiten Haushalt in der Region. Schwerpunkte der Anlagen liegen in Uetze und bei Neustadt, wobei es dort wegen der Flugsicherung Probleme mit dem weiteren Ausbau gibt.

Streit gibt es insbesondere am Deister, wo bei Wennigsen-Egestorf Anlagen mit etwa 240 Metern Höhe errichtet werden sollen. Zum Vergleich: Das höchste Windrad der Welt steht bei Stuttgart und misst 246,5 Meter. In Wennigsen und Barsinghausen kämpfen Bürgerinitiativen gegen das Repowering, die Stadt Barsinghausen hat beschlossen, Klage gegen das Regionale Raumordnungsprogramm einzureichen, das das Repowering erlaubt. Investor ist dort die Bremer WPD, die sich ebenfalls mit dem Konzept eines Bürgerwindparks beworben hat. Für zwei von sieben Anlagen sollen Bürger Anteile erwerben können. Das Konzept sieht bisher vor, bei zehn Jahren Laufzeit eine Garantieverzinsung von 3,5 Prozent zu geben, die Mindesteinlage soll 500 Euro betragen. Doch noch gibt es keine Baugenehmigung.

Von Conrad von Meding und Anette Wulf-Dettmer

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