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Umland Wedemark Nachrichten Ein Dorf holt sich den Supermarkt zurück
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12:25 15.12.2009
Jochen Pardey (52), Vorsitzender vom Bürgerverein Resse, Ralf Würtz (67), Vorsitzender vom Genossenschaftsvorstand und Torsten Pagel (38), Betreiber vom frischmarkt. Quelle: Christian Burkert

In Resse haben die Bürger mit einem Genossenschafts­modell ihren Supermarkt gerettet. Resse in der Wedemark, ein Durchschnittsdorf. 2500 Einwohner, ein paar Kühe und Schafe auf den Wiesen, eine Grundschule, die Dorfkneipe mit Biergarten, ein paar Vereine, viele Schützen gehören zu den Mitgliedern. Hier grüßt man sich noch am Gartenzaun. Ein Ort wie viele in der Region, einer, durch den viele auch nur hindurchfahren, um über die Hauptstraße und die Schulenburger Landstraße nach Hannover zu kommen.

Jetzt gibt es in Resse aber einen Supermarkt. Und auch das wäre noch nichts Besonderes, wenn „Pagel’s Frischmarkt“ nicht das Produkt eines kleinen Bürgeraufstandes für eine bessere Lebensqualität in dem Ort wäre. „Wir mussten den Verfall der Infrastruktur aufhalten“, sagt Ralf Würtz, Einwohner aus Resse. Es klingt wie eine Kampfansage. Eigentlich entstehen derzeit keine Supermärkte in Dörfern mit einer Größe wie Resse, sie werden eher geschlossen. Für Lebensmittelriesen wie Aldi oder Lidl rentiert sich das Betreiben eines Marktes erst ab 5000 Einwohnern. „Das wurde uns immer wieder gesagt“, erzählt Würtz. Die Menschen in kleineren Orten müssen in den nächsten Ort fahren oder – wenn sie das aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr können – im Dorfladen einkaufen. Sofern es ihn denn noch gibt.

„Es gibt viele Probleme bei der Versorgung im ländlichen Raum“, sagt Ullrich Thiemann, Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbands Hannover-Hildesheim. Der Verband und auch der Niedersächsische Städte- und Gemeindebund beobachten den schleichenden Verfall der dörflichen Infrastrukturen schon länger. Auch Resse hat das erlebt. Drei Kaufmannsläden mussten aufgeben, die Kosten überstiegen den Ertrag. Die Sparkasse schloss ihre örtliche Filiale, und die einzige Ärztin im Dorf konnte keinen Nachfolger für die Praxis finden. Der kleine Tante-Emma-Laden von Torsten Pagel, den der Kaufmann bereits in der dritten Generation betrieb, hatte schon lange zu kämpfen. „Wir dachten: Da müssen wir doch etwas tun!“, erzählt Ralf Würtz mit Tatendrang in der Stimme.

Mit anderen Anwohnern saß er im Herbst 2006 im Dorfbiergarten zusammen, man unterhielt sich und sinnierte. Ein paar Tage später war der Verein „Bürger für Resse“ gegründet, der bis heute 460 Mitglieder gewinnen konnte – jeden fünften Einwohner. „So macht man das in einem Dorf“, sagt Würtz lachend. Seitdem hat sich einiges getan: Der Verein kaufte mit Unterstützung der Gemeinde Wedemark das leere Sparkassengebäude, baute es zu einer Arztpraxis um und warb zwei Hausärzte aus Bissendorf für eine Zweigniederlassung an. Auch ein Zahnarzt kam hinzu. Das war Projekt Nummer eins.

Dann war der Supermarkt an der Reihe. Kaufmann Torsten Pagel musste aus persönlichen Gründen aus dem alten Gebäude ausziehen, der kleine Dorfladen mit 120 Quadratmetern hatte sich ohnehin kaum noch rentiert. „Ich musste eigentlich aus Resse weg“, sagt Pagel. Doch die Bürger wollten ihn behalten. Nur wie? Nach vielen Gesprächen mit der Gemeinde, Banken und Gutachtern stand fest: Der Verein gründet eine Genossenschaft, die Mitglieder erwerben Anteile zu 3000 Euro und finanzieren so den Bau eines Supermarktes.

Mehr als 80 Einwohner zeichneten, es kamen insgesamt 360 .000 Euro zusammen. So konnte knapp die Hälfte der benötigten 750 .000 Euro Baukosten als Eigenkapital aufgebracht werden, das fehlende Geld wurde über einen Kredit finanziert. „Das war mehr, als wir erwartet hatten“, sagt Würtz, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft. Die Gemeinde kaufte das Grundstück an der Hauptstraße und verpachtete es.

Seit Ende November steht der Markt nun, auf 620 Quadratmetern Verkaufsfläche bietet Pagel Lebensmittel an, alles ein bisschen größer als zuvor im kleinen Familienbetrieb. Ein externer Fleischer und ein Bäcker sind integriert. Elf Arbeitsplätze hat der Supermarkt geschaffen. Jetzt flanieren die Resser Bürger durch die Gänge, auf glänzendem Fußboden schieben sie die Einkaufswagen vor sich her und packen Obst, Gemüse, Milch, Waschmittel und Weihnachtsgebäck hinein. Sogar ein Bankautomat steht im Foyer, Bargeld konnte man in Resse jahrelang nicht bekommen. Projekt Nummer zwei: erfolgreich verwirklicht. „Wir sind richtig stolz darauf, was hier gemacht wurde“, sagt Alexandra Saakel, 42 Jahre alt und gebürtige Resserin.

Der 81-jährige Günter Jordan freut sich dagegen, dass er wieder selbst einkaufen kann. Er konnte den Einkauf lange nicht mehr allein bewältigen, die neun Kilometer zum nächsten Supermarkt waren zu weit, die Tochter musste die Lebensmittel mitbringen. „Das ist schon eine Alltagserleichterung“, sagt der Rentner. Solche Geschichten gibt es viele: Ralf Würtz und Jochen Pardey, Vorsitzender des Bürgervereins, können sogar von einer älteren Einwohnerin erzählen, die dann doch nicht wegzog, weil es jetzt einen Supermarkt gibt. Michael Garz will in Resse bauen und mit seiner Familie von Abbensen dorthin ziehen. „Mir gefällt es gut hier“, sagt der 46-Jährige.Es gebe eine gute Kinderbetreuung, und nun habe sich auch die Infrastruktur verbessert.

Auf diesen Effekt hofft auch der Bürgerverein. „Es sollen mehr junge Familien hier herkommen“, sagt Jochen Pardey. Und Touristen. Derzeit plant der Verein ein Moorinformationszentrum, um den Ort auch touristisch attraktiv zu machen. Weil so viel Bürgerinitiative eher selten und die Idee einer Genossenschaftsgründung etwas Besonderes ist, findet das Projekt große Beachtung. Im Bundestagswahlkampf kam die damalige Bundesjustizministerin Brigitte Zypries (SPD) nach Resse und schaute sich die Baustelle an, auch das Fernsehen war schon da. Sogar die deutschen Soldaten in Afghanistan hätten den ZDF-Bericht gesehen, hat man Ralf Würtz erzählt.

Jetzt ist er stolz – und zusammen mit Jochen Pardey sitzt er ab und an beim Bäcker im neuen Supermarkt bei einer Tasse Kaffee, um neue Pläne zu schmieden.

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