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Wennigsen Inklusionsprojekt in Bredenbeck steht nach 14 Jahren vor dem Aus
Umland Wennigsen Inklusionsprojekt in Bredenbeck steht nach 14 Jahren vor dem Aus
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06:00 12.03.2019
Grundschule Bredenbeck: Endet die Kooperation mit der Janusz-Korczak-Schule? Besuch im Kunstunterricht. // Gespräch mit Schulleiterin Tatjana Seidensticker. Quelle: Katrin Kutter
Bredenbeck/Hannover

 Das Thema der Kunststunde passt zum Frühlingswetter. Es geht um Schneeglöckchen – vor dem Basteln mit Tonpapier, Schere und Klebstoff sprechen die Kinder mit Lehrerin Denise Hüsken (37) laut ein Gedicht nach, unterstreichen ihre Worte mit Gebärdensprache. „Wie ging noch mal das Zeichen für Frühling?“, fragt die Sonderpädagogin. Und die Zweitklässler schieben die Ärmel ihrer Pullover hoch. An dem langen Tisch im Kunstraum sitzen Regelschüler neben geistig-behinderten Kindern. Man lernt gemeinsam – nicht den ganzen Schultag, sondern stundenweise, man geht zusammen auf Freizeit, Ausflug und Klassenfahrt, feiert Feste, führt Musicals oder Zirkusvorstellungen auf, und verbringt natürlich die Pause zusammen auf dem Schulhof.

Förderschullehrerin Denise Hüsken trägt das Gedicht mit Gebärdensprache vor. So können es sich die Kinder mit Beeinträchtigungen besser einprägen. Quelle: Katrin Kutter

Kooperation endet nach 14 Jahren

Seit 14 Jahren kooperiert die Grundschule Bredenbeck (Wennigsen) mit der Janusz-Korczak-Förderschule für geistige Entwicklung in Springe. Zwei Klassen der Förderschule, eine zweite Klasse mit fünf und eine vierte Klasse mit sechs Schülern, sind in der Grundschule untergebracht. Sie haben täglich mit ihrer Partnerklasse aus der Grundschule mindestens eine Stunde in den Regelfächern wie Sport, Kunst, Musik und Sachkunde gemeinsam Unterricht, Lehrkräfte aus beiden Schulen treffen sich regelmäßig zu Teambesprechungen. Mal gestaltet die Regelschullehrerin den gemeinsamen Unterricht, mal die Förderschullehrerin.

Als die Kooperation im Jahr 2005 begann, war von Inklusion, dem Recht der Eltern von behinderten Kindern sich zwischen Förder- und Regelschule zu entscheiden, noch keine Rede. Raumnot der Springer Förderschule war anfangs ausschlaggebend für den Schulterschluss, nicht die Rechte behinderter Schüler auf Teilhabe. 2006 kam die zweite Lerngruppe der Janusz-Korczak-Schule nach Bredenbeck, zwei Jahre später wurde ein Kooperationsvertrag geschlossen. Gut zehn Jahre später ist Schluss. Anfang Februar hat der Schulausschuss der Region beschlossen: Die Außenstelle der Förderschule in Bredenbeck wird zum Ende des Schuljahres aufgelöst, die Förderschüler werden wieder nach Springe geholt. Die Bredenbecker Grundschulleiterin Tatjana Seidensticker (47) findet das abrupte Ende dieser erfolgreichen Zusammenarbeit „sehr bedauerlich“. Den Eltern, die sich bewusst für das Kooperationsmodell entschieden hätten, werde das Wahlrecht genommen. Das sei eine Entscheidung, die einfach am grünen Tisch gefällt worden sei.

„Den Eltern wird das Wahlrecht genommen“: Grundschulleiterin Tatjana Seidensticker. Quelle: Katrin Kutter

Wäre dies kein Vorbild für gelingende Inklusion?

Gerade in Zeiten, in denen die Kritik an der vor fünf Jahren in Niedersachsen eingeführten Inklusion immer lauter, Schulen unter der Aufgabe ächzen und immer wieder weichere Lösungen wie an Regelschulen angedockte Förderklassen gefordert werden, erscheint das Ende dieses Kooperationsmodells umso verwunderlicher. Ist nicht genau dies ein Modell, wie gemeinsamer Unterricht gelingen kann?

An der Grundschule Bredenbeck haben Regel- und Förderschüler zusammen zusammen Kusnt, Sport, Musik und Sachunterricht. Nach 14 Jahren muss die Kooperation jetzt enden.

Die Förderschüler haben die für sie zuständigen Lehrer und Mitarbeiter, sie haben ihren Rückzugsraum, ihre für sie wichtige Peergroup, aber auch das Wir-Gefühl mit den anderen. Jahrelang hatte die Förderschule in Springe gar keine Kinder im Grundschulalter aufgenommen, alle Grundschüler in der Außenstelle in Bredenbeck unterrichtet worden. In diesem Schuljahr waren im Stammhaus erstmals wieder Erstklässler eingeschult worden.

Vertretungen für erkrankte Lehrer in Außenstelle schwierig

„Das war eine gute Kooperation“, sagt zwar auch Dorothée Rhiemeier, Leiterin des Fachbereichs Schule bei der Region, „es sind aber immer zwei parallele Systeme geblieben im Unterschied zu dem, was Inklusion eigentlich anstrebt.“ „Unsere Schüler brauchen Rückzugsmöglichkeiten und Therapien, sie können nicht den ganzen Tag in einer Regelklasse sein“, sagt Förderschullehrerin Hüsken. Mehr Inklusion sei nicht möglich. Auch die pädagogische Mitarbeiterin Birgit Flohr (57), die seit 36 Jahren an der Janusz-Korczak-Schule arbeitet, sagt, die Kooperation lasse genau die individuelle Freiheit zu, die die Förderkinder bräuchten. „Die Flexibilität bleibt auf der Strecke“, kritisiert auch Grundschullehrerin Tanja Bachmann das baldige Ende der Kooperation.

Die Eltern, die ihre Kinder an der Janusz-Korczak-Schule angemeldet hätten, egal ob in der Außenstelle in Bredenbeck oder im Stammhaus in Springe, hätten sich für eine Förderschule entschieden, sagt Rhiemeier. Außerdem sprächen auch organisatorische Gründe für eine Zusammenlegung. Es sei schwierig, Vertretungen zu organisieren, wenn in der zwölf Kilometer entfernten Außenstelle eine Förderschullehrerin erkranke. Inzwischen gebe es auch genug Platz in der Förderschule, sie habe neun Klassenräume, beherberge zurzeit aber nur sechs Klassen. Nach der Grundschulzeit würden die Kinder ohnehin nach Springe wechseln. Außerdem müsse die Region 20.000 Euro Miete pro Jahr an die Gemeinde Wennigsen zahlen für Räume, die die Förderschüler in der Grundschule bezogen hätten. Aber letztlich seien nicht finanzielle, sondern organisatorische und pädagogische Gründe ausschlaggebend gewesen.

Inklusion gilt seit 2013

Seit dem Schuljahr 2013/2014 gilt in Niedersachsen die Inklusion. Wer ein behindertes Kind hat, darf wählen, ob es zur Regelschule oder zur Förderschule gehen soll. Die Förderschulen für Kinder mit Lernproblemen laufen seitdem aus, alle übrigen Förderschulen, etwa die für Kinder mit Sprachproblemen, Sehproblemen, Verhaltensauffälligkeiten oder geistiger Einschränkung bleiben bestehen. Die Große Koalition hat nach heftiger Kritik an der Umsetzung der Inklusion im vergangenen Sommer Kommunen die Möglichkeit eingeräumt, Standorte, die 2024 geschlossen werden sollten, für vier weitere Jahre bestehen zu lassen. 51 der ursprünglich 129 Förderschulen Lernen in Niederachsen bleiben vorerst weiter bestehen. Rund 43.000 Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf in den Jahrgängen 1 bis 9 besuchten im Schuljahr 2017/2018 eine Regelschule, rund 15.400 eine Förderschule. Die meisten Kinder, die einen diagnostizierten Förderbedarf haben, haben Lernschwächen. Sie besuchen nach der Grundschule meist Ober- oder Gesamtschulen. dö

Förderschulleiterin Laske will „Übergang“ bestmöglich begleiten

Kerstin Laske, seit August 2018 kommissarische Leiterin der Förderschule, verweist darauf, dass schon in diesem Schuljahr die erste Grundschulklasse in Springe aufgenommen worden sei. Die Kinder aus Bredenbeck stießen nach den Sommerferien im Stammhaus also auf andere Kinder im Grundschulalter. Die Enttäuschung der betroffenen Lehrer über das Ende der Außenstelle sei nachvollziehbar: „Gemeinsam werden wir jetzt jedoch nach vorne blicken und den betreffenden Schülern, Eltern und Kollegen beim Übergang ins Stammhaus in Spring bestmöglich begleiten“, unterstreicht Laske.

Die Zweitklässler aus der Bredenbecker Grundschule jedenfalls finden es „schade“, dass sie nur noch ein paar Monate mit den Förderschülern unter einem Dach lernen: „Wir spielen zusammen und erzählen uns was“, sagt Katharina (7), „wir machen auch in der Pause Sachen zusammen“, ergänzt Theresa (8). Auch den Förderschülerinnen Emma (8) und Enas (9) machen die gemeinsamen Stunden immer besonders viel Spaß, wie sie sagen. Eines steht schon fest: Ab August werden die Förderschüler aus Bredenbeck nicht mehr, sondern weniger Inklusion erleben.

Emma (li.) und Enas werden weniger Inklusion erleben nach den Sommerferien. Quelle: Katrin Kutter

Von Saskia Döhner

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