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Nachrichten Volkes Liebling – Christoph Meineke
Umland Wennigsen Nachrichten Volkes Liebling – Christoph Meineke
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18:49 29.05.2014
Von Felix Harbart
Ohne Parteibuch mit 89,6 Prozent wiedergewählt: Der 35-jährige Christoph Meineke ist der alte und neue Bürgermeister von Wennigsen. Quelle: Nico Herzog
Wennigsen

Wer die Geografie der Region Hannover nicht recht im Kopf hat, könnte vor einer Fahrt nach Wennigsen denken: Besser noch mal tanken! Das Städtchen liegt, von der Landeshauptstadt aus betrachtet, immerhin vorm Deister, also am nächstgelegenen Gebirge.

In Wirklichkeit ist der Ort mit seinen 14 000 Einwohnern, der am Wochenende erneut Schauplatz eines republikweit herausragenden politischen Ereignisses war, nur rund 25 Kilometer entfernt. Bürgermeister Christoph Meineke, 35 Jahre alt, parteilos, ein jungenhafter Typ, ist bei der Wahl am vergangenen Sonntag im Amt bestätigt worden. Mit 89,6 Prozent. Knapp zwei Drittel aller Wahlberechtigten füllten einen Stimmzettel aus, neun von zehn kreuzten seinen Namen an. Der Bürgermeister ist hier offenbar wahnsinnig beliebt.

Tage nach seinem Sieg wirkt Christoph Meineke sehr entspannt. Aber es ist nicht leicht, mit ihm über seinen Triumph zu sprechen. Er möchte im Café an der Hauptstraße reden statt im Büro, „da komm ich mal raus“. Die Hauptstraße heißt hier wirklich Hauptstraße, ist „aber zu eng für den Verkehr, da muss was passieren“, wie Meineke sagt. Er wird ständig unterbrochen, wenn er von seiner Stadt erzählt, immer will noch jemand zum Wahlsieg gratulieren. Der frühere Pastor und Bekannte, eine Mutter mit Kind, die Kassiererin aus dem Supermarkt, eine Kundin im Café. Später, auf dem Weg zurück zum Rathaus, winken Autofahrer, einer hupt sogar, Meineke sieht Wagen, auf deren Heckscheibe seine Aufkleber prangen: „Für Wennigsen am Deister - Meineke bleibt Bürgermeister.“ Sein Schöpfer ist stolz auf die Idee. „260 Stück, 90 Zentimeter breit, ich musste nachdrucken.“ Sein einziger Gegner, der tapfere Martin Sondermann von der CDU, schleppte sich knapp über zehn Prozent. Weitere Kandidaten gab es nicht, die Wennigser Sozialdemokratie konnte die Zeichen lesen, verzichtete auf einen Bewerber und unterstützte den jungen Mann im Rathaus.

Das hätte vor acht Jahren niemand gedacht im Deisterstädtchen. Damals, bei seiner ersten Kandidatur, hatten die Wennigser ja noch den Meineke im Sack gewählt. Keiner wusste, wie der Mann sich schlagen würde in mäandernden Bürokratiewelten, zwischen Landesstraßenbaubehörde und Brüsseler Förderanträgen. Der Kandidat wusste es ja selbst nicht. Natürlich, er kannte die Stadt. Hier war er zur Schule gegangen. Hier lebt er in Holtensen, einem von acht Ortsteilen. Nur politische Erfahrung fehlte ihm. Fragt man Meineke nach seinem Engagement vor seiner Zeit als Bürgermeister, fällt ihm ein, dass er als Schüler mal gegen die Schließung des örtlichen Freibades protestiert hatte. Studiert hat er dann Volkswirtschaftslehre in Wien, St. Gallen und Witten/Herdecke. Er hat nie erlebt, wie es ist, sich in einer Partei hochdienen zu müssen, von einem Posten zum nächsthöheren, er hat sich keine formelhafte Sprache angewöhnt, und er wäre wohl niemals als junger Mann, direkt von der Uni, von einer Partei, die ernsthaft den Sieg hätte haben wollen, zum Bürgermeisterkandidaten nominiert worden.

Die Wahl 2006 gewann er dennoch. 68,68 Prozent stimmten in der Stichwahl für Meineke, der SPD-Kontrahent lag weit zurück. Anfänger wie Meineke nehmen Etablierte routinemäßig nicht ernst, das war in Wennigsen nicht anders. Meineke hatte mit ein paar Freunden eine schlichte Kampagne organisiert. Jeder machte, was er am besten konnte. Einer bearbeitete Plakate mit Photoshop, einer entwarf eine Internetseite, einer guckte, was in Brüssel für Wennigsen herauszuholen wäre. Als alle Stimmen ausgezählt waren, hatte Christoph Meineke seinen ersten Beruf: Verwaltungschef von Wennigsen. Und wie Tennisspieler von Fehlern des Gegners profitieren, kam ihm die Lage im Ort zugute: Viele Bürger hatten Verdruss. „Es gab eine Wechselstimmung, das System hatte einen kollektiven Schwächeanfall“, sagt Meineke. Er war 27 Jahre alt und einer der jüngsten deutschen Bürgermeister.

„Kreativität schlägt Geld“

Meinekehaft lief in den vergangenen Monaten auch sein zweiter Wahlkampf. Mit einem alten Postfahrrad fuhr er durch die Dörfer, um 6000 Flyer in Briefkästen zu stecken. Klar, dass das im kleinen Wennigsen nicht verborgen blieb. „Der Bürgermeister strampelt sich ab“, sagt Meineke, dieses Bild sollte schon in die Köpfe der Wähler. Eine Tour, auf der er nach eigener Zählung mit 1000 Bürgern sprach. Sein Wahlkampf, ohne Spenden, darauf legt er Wert, habe wohl höchstens 10 000 Euro gekostet, bezahlt aus eigener Tasche. Nie, sagt er, würde er sich vor einen Supermarkt stellen. Lieber schreibt er in seinem „Bürgermeisterblog“ über Besuche bei Wennigser Institutionen, auf Facebook steht, was gerade so passiert. „Kreativität schlägt Geld“, das ist sein Credo.

Am Sonntag wäre solch etabliertes Anderssein kaum mit 90 Prozent wiedergewählt worden, wenn dahinter nicht sichtbare Erfolge steckten. Meineke hat die Menschen nicht enttäuscht, er konnte Dinge vorzeigen, die auf dem Dorf die Welt bewegen. Ein neuer Kindergarten, ein Feuerwehrgerätehaus, der Supermarkt im Zentrum, neue Radwege, auf manches davon hatte Wennigsen lange gewartet. Er lernte, geduldig zu sein. In der Zeit, die man hier für einen Radweg braucht, wird in China eine Zwei-Millionen-Stadt gebaut, erzählt Meineke. Nicht belustigt, sondern so, dass es so etwas eigentlich nicht geben dürfte. Er sagt, er habe gelernt, Interessen von verschiedenen Menschen zu verstehen. Und manchmal muss er seinen Bürgern sagen, dass vieles nicht so einfach ist. Etwa, wenn Anwohner ein Tempolimit auf der Straße vor ihrem Haus haben wollen. „Die kommen zu mir und sagen: Mal uns da mal ’ne 30 drauf.“ Meineke erklärt ihnen dann sinngemäß, dass Wennigsen nicht China ist, der Weg zum Ziel nur über Beharrlichkeit und Besonnenheit führe. Menschen an Projekten zu beteiligen ist ihm wichtig. Als das Wohngebiet „Hohes Feld“ neu geplant wurde, sammelte die Verwaltung, im Internet und auf Versammlungen, Vorschläge der Anwohner. Die Zustimmung der Bürger war groß, das Verfahren unter Beteiligung der Universität Bremen wurde mit einem Preis ausgezeichnet.

Jetzt kommen acht weitere Jahre. Was die Wennigser beschäftigt, hat Meineke schriftlich. Dreckige Gossen, zugewachsene Straßenlaternen, ein Dorfgemeinschaftshaus für Bredenbeck, Anliegerbeiträge beim Straßenausbau. Dinge, die die Welt bedeuten.

Auch der Bürgermeister hat Pläne: zwei neue Wohngebiete erschließen, mehr DSL-Anschlüsse, die Hauptstraße sanieren. Er will alles partnerschaftlich hinbekommen, mit den Bürgern, die ihn gewählt haben. Die politische Konkurrenz hat acht Jahre Zeit, neuen Mut zu fassen.

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