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Wennigsen Wennigsen hat eine neue Werkstatt für Behinderte
Umland Wennigsen Wennigsen hat eine neue Werkstatt für Behinderte
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00:17 08.12.2018
Jorma Kanter (von links), Florian Wörling und Hartmut Wienbeck stellen Kerzen her. Quelle: Lisa Malecha
Wennigsen

Für die 24 Beschäftigten der Werkstatt für behinderte Menschen an der Albert-Einstein-Straße ist es auf den ersten Blick ein Tag wie jeder andere: Um 10.15 Uhr sitzen sie gemeinsam im Versammlungsraum und stimmen ein Lied an, bevor sie beherzt in ihre mitgebrachten Brote beißen. Es wird gelacht und geredet. Und dennoch ist es ein ganz besonderer Tag: „Heute ist der erste Arbeitstag unter neuem Namen“, sagt Betriebsleiter Uwe Dietrich. Denn: Die Männer und Frauen, die hier betreut arbeiten, sind nun nicht mehr im Verein Musicon tätig, sondern bei der Gemeinnützigen GmbH Triskele.

Die Beschäftigten haben Anfang des Monats ihre Arbeit aufgenommen und stellen von Kerzen bis hin zu Kissen allerlei Gegenstände in ihren Werkstätten her.

Sie kennen die Räumlichkeiten und auch einen Großteil der Mitarbeiter schon, nur ihr Arbeitgeber ist ein anderer: Triskele ist eine neue künstlerisch handwerkliche Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung, die durch Sinn gebende, gemeinsame Arbeit Hilfe zur Selbsthilfe möglich macht. Triskele hat Anfang des Monats die Räume im Erdgeschoss vom Musicon angemietet und bezogen. Den Verein Musicon gibt es immer noch, nur jetzt ein Stockwerk höher im selben Gebäude. Denn: Musicon wollte sich verkleinern und neue Wege gehen.

So geht es bei Musicon weiter

30 Jahre nach Gründung geht der Verein Musicon nun neue Wege – mit weniger betreuten Beschäftigten und anderen Angeboten. 1988 hat der ausgebildete Musiklehrer Kurt Eschmann Musicon gegründet – damals noch in Burgdorf. Sein Ziel: Kunst und soziales Engagement verbinden. Wegen der Waldorfschule in Sorsum zog es die Familie Eschmann nach Wennigsen, der Verein zog mit um.

Zusammen mit Christiane Maiwald entwickelte Eschmann 2003 ein Konzept für eine Behinderteneinrichtung in den frühereren Paulmann-Hallen in Wennigsen. Und Musicon ging bei der Einrichtung einer anthroposophisch orientierten Behindertenwerkstatt ganz eigene Wege. Der Verein begann den Aus- und Umbau der alten Fabrikhalle, ohne auf staatliche Hilfe zu bauen. Bei seinem Konzept setze Eschmann auf ein Zusammenwirken von Religion, Kunst und Wissenschaft, ergänzte Kurt Eschmann.

Doch nun steht der 67-Jährige kurz vor dem Rentenalter und will etwas kürzer Treten, sagt er. Doch ganz aufhören mit Musicon kann und will er nicht. Stattdessen geht der Verein für Bildung und Kultur nun neue Wege – will Teil sein der Weiterentwicklung des Konzepts der Arbeitswelt für Menschen mit Behinderung. Dabei kommt ihm das Bundesteilhabegesetz mit seinem Paragraphen 60 gerade recht. „Wir machen als ’anderer Leistungsträger’ nach dem Gesetz weiter“, sagt Eschmann. Das ist erst seit Anfang des Jahres möglich.

Mit dem Bundesteilhabegesetz wird für Menschen mit Behinderungen, die Anspruch auf Aufnahme in eine Werkstatt für behinderte Menschen haben, eine Alternative zur beruflichen Bildung und zur Beschäftigung in dieser Werkstatt geschaffen. Andere Leistungsanbieter können alle Träger sein, die die fachlichen Anforderungen erfüllen, sind aber nicht Arbeitgeber. Sie bieten berufliche Bildung oder Beschäftigung an, müssen aber keine Mindestplatzzahl vorhalten, bedürfen keines förmlichen Anerkennungsverfahrens und müssen keine besonderen Anforderungen an die räumliche und sächliche Ausstattung erfüllen.

Diese neue Chance will Musicon nutzen. Der Verein bietet fünf Menschen eine Beschäftigung in der hauseigenen Weberei und in der Buchbinderei. Durch die Verkleinerung der Gruppe bieten sich aber auch ganz andere Möglichkeiten. „Wir können beispielsweise ein Mal im Jahr zusammen wegfahren“, sagt Eschmann. Die kleinere Einheit ermögliche ein personenzentriertes Arbeiten. Eschmann betonte allerdings, dass ihm eine Durchlässigkeit zu Triskele und eine enge Zusammenarbeit wichtig seien.

Engagierter Vater ermöglicht Neubeginn

Geschäftsführer Uwe Nordhausen (links) und Betriebsleiter Uwe Dietrich freuen sich, dass Triskele eröffnet hat. Quelle: Lisa Malecha

Möglich gemacht hat den Neubeginn vor allem auch das Engagement von einem Vater: Uwe Nordhausen, heute Geschäftsführer der neu gegründeten gemeinnützigen GmbH. Zehn Jahre war seine Tochter bei Musicon tätig, heute arbeitet sie bei Triskele im Textil-Atelier, fertigt dort Kissenbezüge, Schmuck und vieles mehr an. Als klar war, dass die Werkstatt-Genehmigung von Musicon ausläuft und der Verein sich inhaltlich verändern will, habe man überlegt, wie das Angebot weiterhin erhalten bleiben kann. Denn eines war allen Beteiligten wichtig: Aufhören ist keine Option. „Ich habe bei Musicon schon das Qualitätsmanagement durchgeführt und da haben sie mich gefragt, ob ich mir das nicht vorstellen kann“, sagt Nordhausen. Er hat zugesagt, und die gemeinnützige GmbH Triskele gegründet. Das war Anfang 2017. Im August dieses Jahres wurde dann Betriebsleiter Uwe Dietrich eingestellt.

Dietrich war vorher Pädagogischen Leiter des Kinder-Pflegeheims Mellendorf. Für den Job bei Triskele hat er nur vier Jahre vor seiner Rente alle Sicherheiten aufgegeben. „Es war ja gar nicht klar, ob wir alle Genehmigungen erhalten“, sagt er. Mittlerweile weiß es: Die Entscheidung war die richtige. Monatelang wurde dann an den Räumen gearbeitet, bis alle gesetzlichen Bestimmungen eingehalten waren. „Wir haben die Böden neu gemacht, Wände gezogen, die Räume umsortiert“, sagt er. 100.000 Euro hat das gekostet. Geld, dass Nordhausen größtenteils aus eigener Tasche bezahlt hat. Auch Musicon hat das Vorhaben unterstützt. „Alle haben gesagt, es geht nicht, ich habe es einfach gemacht“, sagt Nordhausen. Die vergangenen Monate seien eine tolle und aufregende Zeit gewesen. „Hätte ich vorher gewusst, was alles auf mich zukommt, hätte ich die Aufgabe vielleicht gescheut“, sagt er.

Engagierte Wennigser können sich einbringen

Engagieren ist hier erwünscht: Wer Erfahrungen in einem der Beschäftigungsbereiche der Ateliers hat, kann sein Wissen bei Triskele einbringen. „Wir sind dankbar, wenn Menschen vorbeikommen und unseren Beschäftigten Tipps geben und Hilfestellung leisten“, sagt Betriebsleiter Uwe Dietrich.

Doch auch wer kein handwerkliches Geschick mitbringt, kann in der Nachmittagszeit helfen. „Man kann zum Beispiel spannende Reisebilder zeigen oder ähnliches“, sagt Dietrich. Es ginge nicht nur um aktive Hilfe, sondern auch darum, einfach Einblicke in unterschiedliche Dinge zu geben und Triskele und die Beschäftigten in das Gemeindeleben zu involvieren.

Zudem wäre es schön, wenn sich weitere Betriebe melden würden, die einem der Mitarbeiter einen Außenarbeitsplatz anbieten könnten. Auch über finanzielle Unterstützung freut sich die gemeinnützige GmbH.

Stolz zeigen er und Dietrich die – fast – fertigen Räumlichkeiten, in denen schon fleißig gearbeitet wird. Die fünf Bereichsleiter, allesamt vorher bei Musicon tätig, haben ihre Arbeit in den 700 Quadratmeter großen Werkstatts- , Aufenthalts und Verkaufsräume sowie dem 1.000 Quadratmeter große Garten Anfang des Monats aufgenommen. Das Angebot ist fast gleich geblieben: Momentan betreibt Triskele eine Metal-, Textil-, Holz, Kerzen- und Hauswirtschaftswerkstatt, wie auch vorher schon Musicon. Neu hinzukommen wird eine Tonwerkstatt. Die Waren können täglich zu den Arbeitszeiten in den Verkaufsräumen in den Werkstatträumen erworben werden.

42 Menschen können hier arbeiten

„Für uns ist das wichtigste, dass sich für euch nicht viel verändert“, sagt Nordhausen. Es soll ein harmonischer Übergang von Musicon zu Triskele sein, der hier vollzogen wird. „Ich hoffe ihr habt hier wieder alle eine sichere Heimat und Werkstatt.“ Und damit es so wenig Veränderung wie möglich gibt, bleibt der feste Tagesablauf bestehen: Der Tag bei Triskele beginnt um 8.15 Uhr mit einem gemeinsamen Morgenkreis. Es wird ein Lied gesungen und ein Spruch aufgesagt, dann werden die Aufgaben verteilt, sodass jeder weiß, wer an dem Tag welche Arbeiten zu erledigen hat. Jeder Beschäftigte ist einem Atelier zugeordnet, kann aber durchaus auch wechseln, sollte das Interesse bestehen. Immer wieder werden Pausen eingelegt – es wird zwei Mal gefrühstückt, es gibt ein Mittagessen und am Nachmittag werden begleitende Aktionen wie etwa Yoga, Gymnastik und ähnliches angeboten. „Wir lesen manchmal auch gemeinsam, und ein Mal im Monat haben wir den kompletten Nachmittag einen Themenkreis, wo über je ein festes Thema gesprochen wird“, sagt Dietrich. Um 15.45 Uhr ist dann Feierabend.

Heidi Alker (Mitte) unterstützt Jutta Gundmann (links) und Verena Nordhausen bei ihren Textilarbeiten. Quelle: Lisa Malecha

Bis zu 42 Menschen sollen künftig bei Triskele einen neuen Job finden. Der Betrieb will in Zukunft auch selber ausbilden. Die Menschen, die bei Triskele arbeiten, kommen aus der gesamten Region und der Landeshauptstadt – allerdings nur, wenn sie den Weg zur Arbeit eigenständig schaffen. Lediglich aus dem Einzugsgebiet Gehrden, Wennigsen und Weetzen werden die Beschäftigten abgeholt. „Ein Fahrdienst für die gesamte Region könnten wir nicht bezahlen“, sagt Dietrich.

Tag der offenen Tür geplant

Zudem sollen in Zukunft auch mehr Außenarbeitsplätze angeboten werden – also Stellen bei anderen Arbeitgebern. Derzeit wird schon ein Mitarbeiter vom Bauhof der Gemeinde beschäftigt, ein anderer auf einem Pferdehof. „Der Mitarbeiter kann einen oder auch mehrere Tage die Woche in einem andere Betrieb arbeiten, ist aber weiterhin über uns versichert“, sagt Dietrich. Der Betrieb zahlt dafür dann 200 Euro im Monat, unabhängig davon, wie viele Tage der Beschäftigte in seinem Betrieb arbeitet.

Triskele will sich am 30. März bei einem Tag der offenen Tür auch der gesamten Wennigser Bevölkerung vorstellen, verspricht Nordhausen, dem der Kontakt und die Vernetzung mit den Wennigsern ein großes Anliegen ist.

Lebenshilfe Seelze unterstützt Triskele

Eine Werkstatt für behinderte Menschen in der Größenordnung von Triskele aufzubauen, ist nur mit Unterstützung der Lebenshilfe Seelze möglich. „Die meisten Werkstätten dieser Art fangen bei 120 Menschen an“, sagt Triskele-Betreibsleiter Uwe Dietrich. Das hat Vor- und Nachteile: Anders als große Werkstätten kann Triskele keine Aufträge für die Industrie annehmen. „Wir sind dafür eher kunsthandwerklich tätig“, sagt er. Doch auch was gesetzliche Vorgaben und Dinge wie Fachausschüsse und ähnliches angeht, benötigt die kleine GmbH Unterstützung.

Die Lebenshilfe Seelze steht Triskele als großer Verein daher helfend zur Seite. Sie berät Triskele und unterstützt die GmbH bei Dingen, die sie nicht eigenständig leisten kann. Triskele hat dadurch allerdings keine finanziellen Verpflichtungen, betont Jens Künzler, Leiter der Lebenshilfe Werkstatt. Der Vorteil für die Lebenshilfe: mehr Möglichkeiten für ihre Mitarbeiter schaffen. „Wir haben dann ein größeres Angebot und somit eine größere Wahlmöglichkeit für unsere Beschäftigten“, sagt Künzler.

Die Lebenshilfe Seelze bietet Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen Hilfe und Unterstützung. Das Ziel ist die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft in größtmöglicher Selbstbestimmung. Der Verein wurde 1966 gegründet und beschäftigt zurzeit rund 850 Mitarbeiter mit und ohne Behinderung. Der Einzugsbereich umfasst Seelze, Garbsen, Wunstorf, Neustadt, Wennigsen, Gehrden, Ronnenberg und Barsinghausen.

Von Lisa Malecha

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