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Wunstorf K+S: Einigungsstelle muss schlichten
Umland Wunstorf K+S: Einigungsstelle muss schlichten
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00:18 15.07.2018
Für die Zukunft des Werkes stehen noch viele Entscheidungen aus. Quelle: Kathrin Götze
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Bokeloh

Mehr als 300 Briefe werden noch in diesem Monat an Mitarbeiter des Kaliwerks Sigmundshall hinausgehen, die dann erfahren, dass es sie für sie über das Jahresende hinaus keine Zukunft mehr in Bokeloh geben wird. Damit ist dann klar, dass sie nicht zu den Beschäftigten auf 220 Vollzeitstellen gehören werden, die in den nächsten drei bis vier Jahren noch für den Rückbau und den Weiterbetrieb der Rekal-Anlage benötigt werden. Mit den Änderungskündigungen sollen die Betroffenen aber Angebote für Arbeitsplätze an anderen Standorten des Konzerns bekommen. Offen ist aber, in welchem Umfang sie darauf eingehen, und wie genau die Konditionen sind, wenn sie sich gegen einen Umzug entscheiden.

Nach dem Beschluss der Konzernführung vom November, das Werk wegen seiner fehlenden Wirtschaftlichkeit schon früher als geplant zu schließen, wurde im Mai ein Interessenausgleich zwischen Betriebsrat und Arbeitgeber unterzeichnet, in dem unter anderem die Auswahlrichtlinien für die Versetzungen einvernehmlich festgelegt wurden. Danach haben sie sich aber nicht auf einen Sozialplan einigen können, der die entstehenden Nachteile abfedern soll.

Die Verhandlungten laufen stockend (von links): Werksleiter Gereon Jochmaring, Betriebsratsvorsitzende Annegret Brandes und ihr Stellvertreter Uwe Osterloh hoffen auf die Einigungsstelle. Quelle: Kathrin Götze

Der Arbeitgeber hatte für die Abfindungen einen Faktor von 0,7 Monatsgehältern pro Beschäftigungsjahr vorgeschlagen, wollte aber eine Kappung bei 18 Gehältern. „Nach unserem Empfinden kann das für ein Unternehmen im MDAX nicht angemessen sein“, sagt die Betriebsratsvorsitzende Annegret Brandes. Die Mitarbeitervertretung will einen höheren Faktor und keine Kappung. Nach dem Scheitern der Sozialplanverhandlungen wurde nun eine Einigungsstelle angerufen, der Wilhelm Mestwerdt, Präsident des Landesarbeitsgerichts, vorsitzen wird. Erwartet wird, dass sich noch im Juli erstmals tagt und bald eine Entscheidung trifft.

Enttäuschend fand Werksleiter Gereon Jochmaring, wie wenige Beschäftigte selbst die Initiative ergriffen haben, sich nach Alternativen umzusehen. Vor dem formalisierten Verfahren, das jetzt läuft, haben sich von den insgesamt gut 700 Beschäftigten knapp 100 freiwillig andere Positionen im Konzern gesucht, 30 wechseln den Arbeitgeber ganz. Den Umzug zu anderen Werken unterstützt das Unternehmen mit zwischen 10.000 und 40.000 Euro. „Aber es ist vor allem eine Frage der innerlichen Bereitschaft, sich auf einen Wechsel einzulassen“, meint Jochmaring.

K+S hat auch durchaus das Interesse, die Fachkräfte im Unternehmen zu halten. Mit einer Bleibeprämie von jeweils 4000 Euro im Juli und Dezember will das Unternehmen zumindest noch bewirken, dass die Personaldecke in Bokeloh bis zum Jahresende noch ausreichend stark bleibt.

Nun aber läuft das Auswahlverfahren, in dem sich die persönlichen Schicksale klären werden. „Diese Information hätte aber frühzeitiger erfolgen müssen. Nichts ist schlimmer als die Ungewissheit“, sagt der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Uwe Osterloh. Schon früher eine „Daumenpeilung“ mitzuteilen, wäre nach Jochmarings Ansicht aber auch nicht machbar gewesen, zumal viele sich ändernde Faktoren eine Rolle spielen. So sind noch Klagen möglich und 60 Mitarbeiter hätten auch die Möglichkeit, in unterschiedliche Formen des Ruhestands zu wechseln.

Das Konzept für den Rückbau ist im Groben klar. Maschinen und Leitungen werden aus der Grube geholt, die dann mit Rohsalz verfüllt und am Ende geflutet wird. Die Rekal-Anlage zur Aufarbeitung von Aluminium-Salzschlacken wird noch etwa 15 Jahre in Betrieb bleiben, das entsprechende Genehmigungsverfahren läuft. Mit einer Fraktion, die am Ende des Prozesse übrig bleibt, wird die Anlage weiter begrünt.

Zu der Frage, wie das Werksgelände künftig sonst noch genutzt werden kann, laufen Prüfungen. Fest steht aber wohl: Zum 1. Januar 2019 werden die neuen Anlagen noch nicht fertig sein, und fraglich ist auch, ob die bisherigen Qualifikationen der Mitarbeiter dort weiter gefragt sein werden. Am früheren Bergwerk Salzdetfurth wird heute Katzenstreu hergestellt.

Neuer Werksleiter will eine Fackel anzünden

In der schwierigen Phase für das Kaliwerk Sigmundshall hat Gereon Jochmaring zum 1. Juni die Nachfolge von Werksleiter Matthias Schrader angetretreten. Der Volljurist stammt aus der Bergbaustadt Ibbenbüren und hat sich zunächst bei der Treuhandanstalt unter anderem mit der Privatisierung des DDR-Bergbaus beschäftigt. 1998 wechselte er in die Rechtsabteilung des K+S-Konzerns in Kassel, bei dem er ab 2002 die Revision leitete. „Dabei habe ich viele Einblicke in alle Bereiche der Gruppe erhalten“, sagt Jochmaring. 2008 übernahm er die Verantwortung für das Organisations- und Projektmanagement.

Und als ein Projekt betrachtet der 56-Jährige nun auch sein Wirken in Bokeloh. „Ich liebe die Herausforderungen.“ Er hat sich nicht nur zum Ziel gesetzt, den Bergbau ordnungsgemäß abzuwickeln. „Ich will gleichzeitig auch eine Fackel anzünden, um den Standort in eine neue Zukunft zu führen. Ich werde erst wieder gehen, wenn das gelungen ist.“ Und er wünscht sich, dass die starke Kameradschaft, die in diesem Jahr auf eine große Probe gestellt wird, dann auch wieder auflebt.

Von Sven Sokoll und Kathrin Götze

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