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Wunstorf Lebenstraum feiert 30. Geburtstag
Umland Wunstorf Lebenstraum feiert 30. Geburtstag
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00:17 14.10.2018
In diesem Gebäude am ZOB ist der Verein Lebenstraum seit 17 Jahren untergebracht. Quelle: Albert Tugendheim
Wunstorf

Sie haben einen Lebenstraum, und sie versuchen, ihn zu leben. Der Verein Lebenstraum, vielen eher bekannt als Betreiber des Kultur- und Kommunikationszentrums Wohnwelt (heute das blaue Haus am Bahnhof), feiert seinen 30. Geburtstag. Dazu gibt es Konzerte und Vorträge, die Einblicke in die drei Jahrzehnte währende Geschichte der Zentrums geben.

Der Verein Lebenstraum hat sich mittlerweile am ZOB etabliert.

Jugendliche suchen Freiräume

Schon Anfang der achtziger Jahre gab es Bestrebungen, in Wunstorf für junge Menschen Angebote zu schaffen, die Möglichkeiten jenseits der tradierten Freizeitbeschäftigungen boten. Basisdemokratie, Selbstbestimmung, Eigeninitiative, das sind einige der Schlagworte, die die Lebensträumer von Anfang an zu zentralen Elementen ihres Tuns machten, und es immer noch tun. Für viele junge Wunstorfer war der Zusammenschluss eine willkommenen Möglichkeit, sich einzubringen, die eigene (Sub-)kultur zu leben. „Wir waren Jugendliche, die Freiräume und Lebensformen fernab von Leistungsdruck und Konkurrenzdenken gesucht haben. Wir waren junge Menschen, die großes Interesse an linker Politik und Selbstorganisierung hatten“, so schrieb eine der frühen Beteiligten in einem Internetblog.

Zunächst ohne eigenen Raum, in einem auch so benannten Provisorium, gediehen die Ideen weiter. Wohnraum für alle, das war eines der Schlagworte. Im basisdemokratischen Plenum gab es teils harte Debatten, ob man sich den Raum einfach nehmen sollte. Aber – keine Vorschriften für niemanden – wurde zum Beispiel die Teilnahme an Besetzungen dann eben freigestellt. Die frühere Viehhalle, das heutige Medicum, war schließlich eines der Objekte, die die Lebensträumer ins Auge gefasst hatten. Nach frühen Treffen im kirchlichen Raum und dann dem so genannten Provisorium an der Südstraße musste ein echtes Domizil her. In der Viehhalle gab es keine Tierauktionen mehr, das Objekt schien geeignet und wurde besetzt. Das indes rief die Ordnungsmacht auf den Plan. Konfrontation mit der Staatsmacht. Während der folgenden Jahre war das häufig ein Thema. Wenn die Werte der Lebensträumer wie Konsensfindung und Solidarität statt Hierarchien und Diskriminierung auf andere Strukturen treffen, kann es schon mal krachen.

Die ehemalige Vielhalle am Stadtgraben wurde es nicht, aber das frühere Domizil eines Möbelunternehmens an der Ecke Haster Straße/In den Ellern wurde die Unterkunft für den Verein und so auch künftiger Namensgeber. Aber auch diese Heimat war nicht von Dauer. Und Stress gab es neben vielen üblichen Aktionen wie Konzerten, Diskussionen und Treffen für die Wohnweltler auch. Neonazis wohl aus dem Schaumburger Raum sahen in dem Treff ein Angriffsziel, mit Kettensägen wurde ein Mal der Eingangsbereich der Wohnwelt traktiert.

Dauerhafte Lösung am ZOB

Viel Hin und Her und schließlich eine Idee, die eine dauerhafte Lösung versprach. Direkt am Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) hatte die Stadt ein Grundstück. Viele engagierten sich – nicht zu vergessen allerdings, dass es in den städtischen Gremien auch Widerstand gab – und so gab es schließlich die Lösung. Finanziell war das Land mit im Boot. Mit Bescheid vom 26. Juni 2000 wurden für den Neubau der Wohnwelt dem Verein Lebenstraum Landeszuwendungen in Höhe von 499.500 Mark von der Landesarbeitsgemeinschaft sozio-kultureller Zentren in Niedersachsen zur Verfügung gestellt. Am 4. Mai erfolgte der erste Spatenstich für ein sehenswertes Gebäude nach den Plänen der Wunstorfer Architekten Achim Tschee und Volker Wenskus. Das blaue Wohnwelthaus wurde am 18. Mai 2001 offiziell übergeben.

Seither ist das Haus beliebter Treff für Info-Veranstaltungen, zwanglose Treffen und vor allem Konzerte von Szene-Bands aus dem In- und Ausland verschiedener Stilrichtungen aus dem Bereich Techno- und Hardcore-Musik.

Aber: Stress gab es auch weiter. Eine der aktenkundigen Auseinandersetzungen an der linken Wohnwelt mit Rechtsradikalen schlug 2012 hohe Wellen. Damals setzen rechte Hooligans der Einrichtung zu, die Wohnwelt war immer mal wieder Zielscheibe rechter Gewalt. Im März 2009 verletzten zwei Rechtsradikale eine junge Frau der linken Szene. Das Amtsgericht verurteilte die Schläger später zu Haftstrafen.

Streit um das Obergeschoss

Aber auch die Stadt als Eigentümer des Hauses und Nutzer der Wohnwelt gerieten – natürlich nur verbal – aneinander. Die Stadt setzte schließlich durch, dass das Obergeschoss des blauen Hauses – sehr zum Unwillen der Lebensträumer – auch für andere Gruppen zur Verfügung stand. In Demos machten die Wohnweltler dagegen Stimmung.

Und heute? Scheint alles gut, auch wenn die Lebenträumer nach wie vor das Obergeschoss gerne wieder hätten. Die im Zweijahresrhythmus vorgelegten Erfahrungsberichte sagen aber aus, dass es kaum nennenswerte Probleme gibt. Und auch mit der Polizei gibt es keine Schwierigkeiten. Und Bürgermeister Rolf-Axel Eberhardt hat es per Mail schriftlich: Es gibt eine gegenseitige Akzeptanz. Na bitte. Glückwunsch zum Geburtstag.

Feier mit Empfang und Informationen

Im Oktober 1988 wurde die Wohnwelt gegründet. Sie ist seither fester Bestandteil des kulturellen Angebots in Wunstorf. Aus Anlass des 30-jährigen Bestehens haben sich ehemalige und heute Mitwirkende zusammengeschlossen.

Ein Empfang am Sonnabend, 13. Oktober, soll um 14 Uhr beginnen. Dazu gibt es einen Vortrag zur Vergangenheit des Vereins und einen Generationentalk. Später sind Party und Musik angesagt.

Eine bereits begonnene Vortragsreihe wird am Donnerstag, 18. Oktober, 19 Uhr in der Wohnwelt am ZOB mit dem Thema ''Vertragsverhandlungen obere Etage'' fortgesetzt und am Donnerstag, 25. Oktober mit einem Blick auf die ''Geschichte der Antifa in Wunstorf'' beendet.

Von Albert Tugendheim

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