Mit gleichmäßigen Flammen zischelt der Brenner, kritisch blickt Erhard Ulbrich durch ein Schauglas im Kessel und nimmt mit einem kleinen Schieber eine Probe: „Na, eine Minute können die noch“, sagt der 84-Jährige. Prasselnd ergießen sich dann fünf Kilo frisch geröstete Kaffeebohnen in das Kühlsieb; ein aromatischer Duft weht durch den Raum und dringt bis nach draußen vor die Haustür. Seit fast 50 Jahren betreibt Ulbrich seine Kaffeerösterei an der Liepmannstraße in Limmer.
Erhard Ulbrich war nach dem Zweiten Weltkrieg aus Sachsen nach Hannover gekommen. Echter Bohnenkaffee war damals etwas Besonderes, und genau darin sah Ulbrich damals seine Chance. Eine kaufmännische Lehre hatte er bereits hinter sich. In zwei hannoverschen Betrieben machte er sich mit dem Handwerk der Rösterei vertraut und wagte 1956 den Schritt in die Selbstständigkeit. „Meinen ersten Kaffee habe ich noch in einer Gartenlaube in Davenstedt geröstet“, erzählt Ulbrich. Bald fanden sich Räume in der Südstadt; 1961 zog er schließlich mit seiner Rösterei in das Haus in Limmer, das seinerzeit gerade neu gebaut geworden war.
Qualität des Rohkaffees
Bis heute arbeitet der 84-Jährige mit seiner alten Röstmaschine aus den ersten Tagen. Neulich musste mal ein Lager ausgewechselt werden, doch ansonsten verrichtet sie immer noch treu ihre Dienste. Ringsherum lagern seine „Schätze“: Kaffeebohnen aus Brasilien und Nicaragua, aus Kenia, Äthiopien und anderen Ländern der Welt, wohl verwahrt in Säcken, Schütten und hölzernen Tönnchen. „Das Wichtigste ist eine gute Qualität des Rohkaffees“, sagt der Fachmann. Mit seinem Lieferwagen fährt er oft selbst nach Hamburg oder Bremen, wo er Kontakte zu traditionsreichen Handelshäusern hat.
Zurück in Limmer werden die noch leicht grünlichen Bohnen bei 180 bis 190 Grad Celsius geröstet. Je nach Sorte dauert das etwa eine Viertelstunde; danach müssen sie eine Weile auskühlen. Für Ulbrich ist es Ehrensache, dass bei ihm der Kaffee anschließend per Hand verlesen wird. In einer Ecke steht dafür ein betagtes Gerät. Mit einem Tritt wie bei einer alten Nähmaschine bewegt Ulbrich ein Rollband, auf dem – angestrahlt von einer starken Leuchte – die gerösteten Bohnen liegen. Mit geübtem Blick erfasst er Bohne für Bohne und sortiert aus, was zu dunkel geraten oder zu hell geblieben ist.
Beim Eintüten und im Verkauf unterstützen ihn halbtags eine Angestellte und gelegentlich eine Aushilfe. Außer den täglichen Kunden holen sich vor allem Bioläden sowie einzelne Bäckereien und Gaststätten Ulbrichs Kaffee, den er aus den blank geputzten Behältern aus Messing abmisst. Auch Wein, Süßigkeiten und ein paar Lebensmittel führt er in seinem Laden. Mit seiner Ehefrau Inge hatte er sich auch früher höchstens eine Wochenendfahrt an die Mosel gegönnt. Nachdem sie vor gut zwei Jahren verstarb, hat Ulbrich montags und dienstags geschlossen. „Die Buchführung macht recht viel Arbeit“, sagt der Kaufmann, der für den Kaffee eigens eine Verbrauchssteuer abrechnen muss.
Eines Tages wird sein Sohn Dirk dies alles übernehmen, der in der Südstadt eine eigene Rösterei mit Bistro betreibt. „Aber so lange es noch geht, will ich hier an der Liepmannstraße meinen Kaffee machen“, sagt Erhard Ulbrich und schüttet erneut eine Fuhre Bohnen in den Trichter seiner Röstmaschine.
Von Gerda Valentin