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Der Ingenieur und sein Rad

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09:46 14.06.2019
Karsten Bettin fährt am Nordufer vom Maschsee auf seinem Faltrad Kwiggle.  Quelle: Moritz Frankenberg

Seit Monaten macht dieses Rad die Runde in Zeitungen, sozialen Medien und TV: das Kwiggle, das Maschinenbauingenieur Karsten Bettin erfunden und in jahrelanger Kleinarbeit zur Serienreife gebracht hat. „Ich wollte ein Rad bauen, das man in optimaler Körperhaltung bequem fahren und in Bus und Bahn ganz einfach zusammenklappen kann“, sagt Bettin.
Die Idee kam ihm, als er vor gut zehn Jahren Lance Armstrong beim Schlussspurt der Tour de France beobachtete: „Armstrong radelte Jan Ullrich davon, weil er die letzte Strecke im Stehen zurücklegte und dadurch große Kraftreserven nutzte.“ Davon beeindruckt trainierte er nun täglich das stehende Radfahren: Es ging fixer voran, doch die gebeugte Haltung war unbequem. „Da kam mir die Idee, die Radfahrer wieder in die aufrechte Position zu bringen“, sagt Bettin.
Denn aufrecht ging es los mit der Radelei, als Karl von Drais vor knapp 200 Jahren das Zweirad erfand, das keine Pedale kannte und daher ein Laufrad war: die Draisine. 1853 folgte das Tretkurbelrad, dessen Pedale an der Vorderachse montiert waren und den Nutzer in eine gebeugte Haltung zwangen. Der Oberkörper blieb in der Senkrechten, während die Beine nach vorn zeigten.
In den 1880er-Jahren wurde schließlich von John Kemp Starley das moderne Fahrrad erfunden: Die Pedale der „Rover“ genannten Konstruktion rutschten zwischen Vorder- und Hinterrad, der Sattel wurde hinter der Radmitte platziert. „Starleys Entwicklung war deutlich sicherer als die Hochräder, die man aufrecht nutzen konnte, aber gefährliche Stürze verursachten“, erklärt Bettin.
So wurde das Starley-Rad zum Standard – auf Kosten von Ergonomie und Effizienz. „Die vorgebeugte Haltung des Oberkörpers lässt den Nacken verspannen, belastet die Handgelenke und ermüdet – weil Schuler- und Rückenmuskulatur den Oberkörper die ganze Zeit halten müssen“, erklärt Bettin. Dazu kommt der unnötig hohe Kraftaufwand. „Anstatt das Gewicht von oben direkt auf die Pedale zu bringen, müssen die Oberschenkel einen großen Hebel überwinden. So geht – vereinfacht formuliert – viel Kraft verloren“, erklärt der Ingenieur.
So naheliegend aber die Idee war, ein Rad zu konstruieren, das sich an der über Millionen Jahre hinweg herausgebildeten Anatomie des Menschen orientiert, so schwer war es, sie in eine robuste und kompakte Mechanik umzusetzen. Augenfälliges Beispiel ist der schwingende Sattel, dem das Bettin-Bike seinen Namen verdankt. Die Bezeichnung spielt auf englisch „quick“ (schnell) und auf „to wiggle“ (wackeln) an – Kwiggle der „Schnellwackler“.
Einerseits ist der Sattel notwendig, um das Gewicht des Radlers aufzunehmen: Würde es auf den Pedalen lasten, müsste sich der Fahrer – ähnlich wie bei der Tour de France – mühsam abstützen und dabei das Gleichgewicht halten. Anderseits muss der Sattel dem Bein, das gerade nach unten durchtritt, Platz machen. Damit das funktioniert, war eine aufwendige, zwischenzeitlich patentierte Mechanik notwendig. Es ist bei Weitem nicht die einzige Neuentwicklung. Insgesamt stecken knapp 30 Patente im Kwiggle und 700 000 Euro Entwicklungskosten.
Lohn des Aufwands: ein Rad, das zusammengefaltet auf die Größe einer Aktentasche kommt (55x40x25 Zentimeter), in verkehrstauglicher Ausstattung viel weniger als andere Falträder wiegt (etwa neun Kilogramm) und richtig schnell ist – sogar bei Gegenwind, der optimierten Kraftübertragung und des besseren Strömungswiderstands wegen. „Meist bin ich mit 25 bis 30 km/h unterwegs“, sagt Bettin, der nach einer ersten 300-Kilometer-Tour nun nach Stockholm radeln möchte.
Ob das Kwiggle das Radfahren revolutionieren wird? Wir werden sehen. Denn bevor der Nutzer in den Genuss von mehr Komfort und Tempo kommt, sollte er knappe zwei Dutzend Kilometer fahren, um sich an das Rad zu gewöhnen.
Und dann macht der Preis von (derzeit) mindestens 1 200 Euro das Kwiggle (noch) nicht zum Jedermannsrad – wobei andere renommierte Falträder mindestens das gleiche oder deutlich mehr kosten. Kein Wunder also, dass das Interesse groß ist, über Europas Grenzen hinaus: „Wir werden daher unsere Produktion auf 20 000 Stück im Jahr ausbauen“, sagt Bettin. Gefertigt wird übrigens in Eigenregie in Hannover – vielleicht eine neue Etappe in Hannovers langer Industriegeschichte. „Auch die Großen haben einmal klein angefangen“, sagt Bettin und lächelt.
Auch die IdeenExpo lädt noch bis zum 23. Juni getreu dem Motto „Mach doch einfach!“  dazu ein, in vier IdeenHallen und dem Außengelände Neues auszuprobieren. Mit dabei sind 270 Aussteller mit 670 Mitmach-Exponaten sowie 800 Workshops und Vorträgen.