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Auf der Spur des „schwarzen Goldes“

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14:15 03.06.2021
Irene Kugler
Irene Kugler Quelle: Kerstin Schomburg

Öl der Erde

von Ella Hickson

Regie: Armin Petras

Mit: Anja Herden, Irene Kugler,
Kaspar Locher, Nicolas Matthews,
Viktoria Miknevich, Alban Mondschein,
Katherina Sattler, Hajo Tuschy

Deutschsprachige Erstaufführung: 5. Juni, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

Die Geschichte beginnt in einem Bauernhaus im Cornwall des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Verhältnisse sind beengt, die Arbeit ist hart. Eine ganze Großfamilie kämpft um ihre Existenz, mühsam und entbehrungsreich. Die unwirtlichen Lebensbedingungen haben auch die Menschen geschliffen, Pragmatismus und Kampfgeist statt zwischenmenschlicher Wärme bestimmen das familiäre Miteinander. Auch die junge May ist Teil dieser Familie,  seitdem sie Joss Singer geheiratet hat. In einigen Monaten erwarten sie ihr erstes Kind – noch eine Esserin mehr, wenn das Kind die ersten Lebensjahre überhaupt überstehen wird. Nur mühsam fügt sich May in das raue Familiengeflecht, das Verhältnis zur Schwiegermutter ist angespannt, und auch sonst nimmt ihr der ihr zugewiesene Platz zunehmend die Luft zum Atmen.

Als einen Lichtbringer in doppelter Hinsicht lässt die britische Autorin Ella Hickson William Whitcomb in diese Szenerie treten. Er kommt aus Amerika, dem Land, in dem vor einigen Jahrzehnten die ersten Ölquellen zu sprudeln begannen, Rohstoff eines neuen Zeitalters, das nun auch Europa erreichen soll. Hierfür braucht Whitcomb Platz, und die Farm der Familie Singer scheint für seine Bedürfnisse optimal. Er bietet der Familie Geld. Viel Geld. Genug für einen Neuanfang. Genug für eine größere Farm. Genug für ein angenehmeres Leben. Doch Joss lehnt ab. Fortschritt wird durch Tradition ausgebremst und eine Farm, die seit Generationen in Familienbesitz ist, kann nicht einfach so verhökert werden, auch nicht zugunsten einer besseren Zukunft. Doch May ist nicht bereit, diese Entscheidung hinzunehmen. Welches Leben soll sie dem Kind, das da in ihr heranwächst, bieten? Also trifft sie eine folgenschwere Entscheidung und verlässt auf der Suche nach einer besseren Zukunft die Familie – und mit ihr auch die Liebe ihres Lebens, Joss.

In Schlaglichtern begleiten wir May, gleich Virginia Woolfs „Orlando“, über anderthalb Jahrhunderte auf einer Zeitreise durch verschiedene Länder, immer entlang der Spur des „schwarzen Goldes“. Privates verschmilzt untrennbar mit dem Politischen, und was ihr durch einen Aufbruch aus einer kalten Welt zu einem märchenhaften Aufstieg gereicht, wird in einem Kreislauf wieder zu kalter Dystopie. Es sind Themen von Emanzipation und Aufstieg, Kolonialismus und Ausbeutung, Kapitalismus, Machtgier und Umweltzerstörung rund um einen der wertvollsten Rohstoffe der Welt, die Ella Hickson in „Öl der Erde“ verhandelt – stets vor der privaten Geschichte einer Mutter-Tochter-Beziehung.

Regisseur Armin Petras wird für das Schauspiel Hannover die deutschsprachige Erstaufführung inszenieren. In Großbritannien kam das Stück bereits 2017 erstmals auf die Bühne des Londoner Almeida Theaters, und es ist auch auf den ersten Blick eine sehr britische Geschichte des Erdöls, die die junge Autorin Ella Hickson hier erzählt. Die ausgewählten Orte, an die sie ihre Protagonistinnen durch Raum und Zeit reisen lässt, sind Cornwall und Persien, beschreiben die britischen Verwicklungen mit Libyen und dem Irak. Dennoch erzählt Hickson hier eine universale Geschichte westlicher Ausbeutung und kolonialistischer Machtansprüche, die tief in die politischen Strukturen der erdölfördernden Länder des Nahen Ostens eingegriffen haben, und deren Folgen bis heute in unüberbrückbaren Differenzen und kriegerischen Auseinandersetzungen sichtbar sind. „Mich interessiert, wie dieser Rohstoff ein Leben verändern kann und ganze Gebiete, ganze Völker, ganze Gruppen von Menschen in einen anderen Lebensstrudel hineinzieht“, so Petras. Denn was der einen Seite zu Aufstieg und Wohlstand gereicht, geschieht in Unterdrückung und Ausbeutung der anderen. May wird auf ihrer Reise lernen, diese Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Systems zu verstehen und zu bedienen. Und so erzählt Hickson zwar die Geschichte einer weiblichen Emanzipation innerhalb patriarchaler Machtstrukturen, nicht aber die einer feministischen Utopie. Denn es ist das alte patriarchale Modell von Macht und Ohnmacht, Unterwerfung, Ausbeutung und Erpressung, das May stützt und weiterreicht, ihr Pioniergeist führt in eine Welt der dreckigen Deals und skrupellosen Interessenverfolgung.
In der Besetzung für die hannoversche Inszenierung schlüpfen acht Schauspielende in die wechselnden Rollen, auch die Protagonistinnen May und Amy werden nicht durchgehend von derselben Darstellerin verkörpert. „Mich interessiert hier der Gedanke der Verfremdung“, so Petras „das, was wir auf der Bühne sehen, hat für mich nicht nur mit Einfühlung zu tun, sondern ist auch ein Labor, eine Untersuchung. In diesem Gedanken ist es toll, wenn wir als die Recherchierenden ganz verschiedene Darstellende haben, die mit ihren verschiedenen Körpern, Geschlechtern und Altersklassen Experimente mit diesen Figuren durchführen.“ Denn es ist auch eine sehr persönliche Frage, die Hickson in ihrem Stück aufwirft: Wie sehr haben die globalen Verwicklungen auch mit den Entscheidungen von jeder und jedem Einzelnen zu tun? Eine Frage, die sich nur individuell beantworten lässt.

Johanna Vater

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