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Back in the BRD

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10:37 31.01.2020
Caroline Junghanns und Miriam Maertens für „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ . Quelle: Kerstin Schomburg
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Die verlorene Ehre der Katharina Blum

nach der Erzählung von Heinrich Böll

Regie: Stefan Pucher
Mit: Mohamed Achour, Mathias Max Herrmann, Caroline Junghanns, Wolf List und Miriam Maertens

Premiere: 28. Februar, 19. 30 Uhr, Schauspielhaus

Er war der große Einmischer der alten BRD: Heinrich Böll, Nobelpreisträger für Literatur, der aus Sicht vieler Bundesbürger und vor allem der „Bild“-Zeitung zum RAF-Sympathisanten und schreibenden Staatsfeind wurde. Dabei fing alles ganz harmlos an: mit einem Bankraub in der Pfalz und einem weihnachtlich gestimmten Heinrich Böll, der in der Terrorhysterie Anfang der Siebziger zu Rechtsstaatlichkeit und Besonnenheit mahnen wollte.

Die Chronik der historischen Ereignisse liest sich wie ein Lehrstück darüber, „wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann“ – so der Untertitel von Bölls Erzählung, die 1974 erschien. Im Anfang aber war die Zeitung. Am 23. Dezember 1971 titelte die „Bild“ auf Seite 1: „Baader-Meinhof-Bande mordet weiter. Bankraub: Polizist erschossen. Eine Witwe und zwei kleine Kinder bleiben zurück.“ Der Artikel berichtete über einen Banküberfall in Kaiserslautern am Vortag. Als darin der Kripo-Chef von Kaiserslautern mit der Aussage zitiert wurde: „Wir haben noch keine konkreten Anhaltspunkte, dass die Baader-Meinhof-Bande für den Überfall verantwortlich ist“, war Böll derart entsetzt über die Diskrepanz zwischen der Mordbezichtigung im Titel und dem noch völlig unklaren Tatbestand, dass er den Herausgeber des Hamburger Nachrichtenmagazins „Spiegel“, Rudolf Augstein, anrief und einen Beitrag über den „Bild“-Zeitungsbericht ankündigte.

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Folgenreiche Verkürzung

Bereits am 26. Dezember schickte Böll den Text an Augstein mit der Bitte, nichts am Wortlaut zu ändern. „Ich hab’s gut überlegt, gründlich überarbeitet, mehrmals neu gefasst, und ich entdecke nichts zu Beanstandendes mehr – vielleicht aber Sie und Ihre Redaktion?“ Aus dem ursprünglichen Titel Bölls „Soviel Liebe auf einmal? Will Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit“ wurde jedoch ungefragt die Schlagzeile: „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ – eine folgenreiche Verkürzung und Tilgung des Nachnamens. Der Artikel „gegen“ die „Bild“-Zeitung wurde dadurch in einen „für“ Ulrike Meinhof umgedeutet, weil der Vorname eine persönliche Vertrautheit Bölls mit Ulrike Meinhof suggeriert, die es gar nicht gab.

Als der „Spiegel“-Artikel am 10. Januar 1972 erschien, löste er eine in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellose Kampagne gegen Heinrich Böll aus. Er wurde in zahlreichen Artikeln als „linker Biedermann“ bezeichnet, zum „RAF-Sympathisanten“ erklärt, der terroristische Gewalttäter moralisch unterstütze und ermutige. In einem „Tagesschau“-Kommentar nannte Frank Ulrich Planitz vom Südwestfunk Böll einen „Anwalt der anarchistischen Gangster“ und „salonanarchistischen Sympathisanten“. Im ZDF-Magazin wurde Böll vom Moderator der Sendung, Gerhard Löwenthal, zu einem „Sympathisanten des Linksfaschismus“ abgestempelt, der „nicht einen Deut besser sei als die geistigen Schrittmacher der Nazis“.

Böll konterte: „Als Hauptvorwurf gegen den ‚Spiegel‘-Artikel stellt sich heraus, ich hätte die Gruppe um Ulrike Meinhof verharmlost. Zweimal habe ich in meinem Artikel geschrieben, Ulrike Meinhof habe dieser Gesellschaft den Krieg erklärt. Ich halte ‚Krieg‘ nicht für ein harmloses Wort.“

Aufgeheizte Stimmung

Die aufgeheizte Stimmung und die damit verbundenen Mutmaßungen greifen auch auf die Polizei über: Am 1. Juni 1972, dem Tag, an dem bei einer Großfahndung die Terroristen Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Holger Meins in Frankfurt verhaftet werden, wird auch Bölls Haus in der Eifel von schwer bewaffneten Polizisten umstellt und nach Terroristen durchsucht. Der Autor, der für rechtsstaatliche Prinzipien eintreten wollte, findet sich auf einmal im Fadenkreuz der Terrorermittler wieder.

Dazu Böll im O-Ton: „Alles, was an ‚Aufklärung‘ versucht worden ist seit ’45, geht jetzt in wenigen Wochen vor die Hunde, rasch, schmerzlos, widerstandslos, weil fast die gesamte deutsche Presse durch dieses ‚Helfershelfer‘-Geschwätz eingeschüchtert ist. Ich kann Bundeskanzler Willy Brandt nicht einmal raten, noch mehr Verständnis oder gar Solidarität mir gegenüber zu zeigen, als er bisher getan hat: Es würde ihn immer mehr Wählerstimmen kosten, immer mehr.“

Massive Verleumdungen

Die wesentliche Erfahrung, die Böll im Zuge dieser Medienkampagne macht, ist die des Ausgeliefertseins und der Ohnmacht. Kein Kanzler, kein Gericht, keine Gegendarstellung und schon gar nicht die Wahrheit helfen gegen die massiven Verleumdungen.

Nach einer Phase des Schocks besinnt sich Heinrich Böll auf die einzige Möglichkeit der Gegenwehr, die ihm als Autor bleibt: Er schreibt die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, in der er die Dynamik von Hass und Hetze ebenso nachzeichnet wie die Beschädigungen auf der Seite des Opfers, seiner weiblichen Protagonistin Katharina Blum, deren „Ehre“ nicht nur moralisch und gesellschaftlich angetastet wird, sondern auch körperlich. Antikommunismus und sexuelle Übergriffigkeit verdichten sich zu einem Gesellschaftsbild jener Zeit, die mit Schlaghosen und tanngrünen Polizeiuniformen so harmlos „retro-schick“ erscheint. Womit Böll uns heute konfrontiert, ist „Die verlorene Ehre der BRD“ in einer ideologisch-manipulativen Hasseskalation – vor der Erfindung von Shitstorm und Cybermobbing.

John von Düffel

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